Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Oktober 1915 (Leipzig)


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22.10.15.
Meine geliebte Freundin!
Gespeist, geflickt, beschenkt und aufgerichtet bin ich nach Leipzig zurückgekehrt. Für dies alles habe ich noch nicht so gedankt, wie ich es dankbar empfunden habe. Vor allem der Band "Deutsche Schule" bereitet mir viel Freude, weil ich darin auf dem von Dir geschaffenen Boden weiterarbeiten kann. Du weißt, daß mir dies sichtbare Umgebensein von deinem Werk seit Jahren die tiefste Hilfe für mein eignes ist. Ich hoffe, daß Du diesen Brief in guter Stunde erhältst und daß Deine Rückkehr nach Heidelberg von wohltuenden Eindrücken begleitet ist.
Bei meiner Ankunft lag nicht viel Wichtiges vor, aber um so mehr Kleines. Ich bin schon enorm tätig gewesen und ich tue dies jetzt mit einer Seelengewißheit und Ruhe, die ich seit langem nicht gehabt habe. Vielleicht, weil ich den Punkt nun habe, an dem ich zunächst arbeiten muß. Du magst lachen, aber ich treibe die Schulpolitik immer mit dem eigentümlichen Bewußtsein, als ob ich noch einmal irgendwo Unterrichtsminister würde. Wahrscheinlich ist dies nur
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| ein Phantom, aber es treibt mich innerlich weiter. Diese Ruhe ist um so bemerkenswerter, als tatsächlich ringsum die Unabkömmlichkeiten aufgehoben werden und mit Vorliebe für Infantrie A. Schröbler*) [Fuß] *) sein Bruder ist gefallen. hat seinen Schein schon zur Revision einreichen müssen; auch hier in Leipzig werden Staatsbeamte und Lehrer vielfach herangezogen. Ich habe die feste Gewißheit, daß der Minister mich nicht gehen läßt. Aber was wichtiger ist: ich bin ganz deutlich gewiß, daß es nicht sein darf, weil ich noch eine andre Bestimmung habe.
Diese liegt nun anscheinend nicht im beginnenden Semester. Denn die Erfahrungen der beiden ersten Sprechstunden sind höchst auffällig. Vielleicht habe ich einen technischen Fehler gemacht. Trotzdem ist es mir rätselhaft, weshalb der erwartete weibliche Ansturm zu meinen Übungen absolut ausgeblieben ist. Bisher haben sich 8 Herren und 3 Damen (unter den Männern 1 Chinese!) zu den Übungen gemeldet. Im vorigen Semester waren in der 2. Sprechstunde 30 Meldungen (ca 15 Herren u. 15 Damen) da). Ist es das Thema? Oder habe ich die studiosas beleidigt? Oder - und das eben fürchte ich - hat man die Universität Leipzig dadurch bereits geschädigt, daß man einzelne Fächer fast unvertreten ließ? Jetzt scheint die Rückkehr der Historiker als zu spät.
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| Gewiß sind viele Studentinnen nach Berlin gegangen. Oder kommen sie erst in der nächsten Woche? Jedenfalls bin ich erstaunt.
Der Katalog für Berlin ist heute abgesandt, ein großes Stück Arbeit damit fertig. Die 7 Damen lernen täglich eine Welt dazu. Der Artikel für die Deutsche Schule wird morgen fertig (wenigstens für November.) Dann kommt wieder Muthesius an die Reihe. Für die Vorlesungen kann ich vielleicht die Arbeit diesmal einschränken, da der Besuch kaum lohnen wird, Neues auf Gebieten zu arbeiten, die mir jetzt fernliegen.
Die gestopften Strümpfe sind pessimistisch. Sie haben gleich ein neues Loch bekommen. Und von den 2 geflochtenen Untersätzen habe ich nur einen mitgebracht.
Von Gertrud Bäumer noch immer kein Wort. Lili Scheibe hat mir geschrieben, daß sie mich am 2. X. am Anhalter Bhf gesehen hat. Mein Onkel äußert sich sehr zuversichtlich über seine Besserung.
Die Briefe, die ich von Dir noch habe, schicke ich das nächste Mal. Heute wollte ich Dich nur grüßen und Dir sagen, wie wohl mir die kurzen Stunden in Cassel getan haben. Sage A. Knaps und Frau Weise, daß ich ihrer gedenke. Vor allem aber Deiner!
Dein Eduard.