Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. November 1915.
Liebste Freundin!
Das Semester fängt gut an. Du mußt verzeihen, wenn ich auch in diesem Brief, den ich eilig zwischenschiebe, noch nicht auf die vielen Punkte Deiner beiden lieben Briefe eingehen kann, wie ich möchte. Laß es mich bitte nicht entgelten u. halte mich auf dem laufenden, ob Du Dein Mißbefinden ganz überstanden hast, wie es der Tante mit ihrer Erkältung geht, und was Ihr für Nachrichten über Hermann habt.
Ich habe konstatiert, daß ich wirklich vom Aufstehen bis Schlafengehen nur im Beruf tätig bin. Es ist gut so. Denn es füllt mich aus u. hält die schweren Zukunftsfragen fern. Es bleibt bei meiner Ansicht: der Krieg muß in diesem Jahr enden, oder es endet unter unsren Erwartungen. Ob es mir vergönnt sein wird, dies Semester noch zu vollenden? Zwei von unsern Offizieren und verschiedene andre sind mit Erfolg reklamiert. Aber man wird bald alle brauchen.
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Alle Vorlesungen sind gut im Ganzen. Überall lohnt der Besuch. Mein kleiner Frauenhochschulkreis kostet mir zwar viel Zeit, macht mir aber besondere Freude. Heue ist auch die Denkschrift von Gertrud Bäumer eingegangen; sie ist klug abgefaßt, obwohl ich noch bessere Pläne habe. Die Hauptsache ist, daß zunächst ein Vertrag zustande kommt, und ich hoffe darauf. - Schwer aber ist es, mit all diesen Arbeiten die Fortsetzung der beiden Artikelreihen zu verbinden, die mich beide sehr interessieren, und aus denen gestern Abend ein Schlußgedanke herausgesprungen ist, den ich noch nicht voll übersehe, der aber vielleicht mein Gedanke ist.
Mit all meiner Korrespondenz bin ich furchtbar im Rückstande. Überhaupt ahnt wohl kein Mensch, wie ich die Zeit bis zum letzten ausnütze, ohne doch fertig zu werden.
Der Artikel über Lask hat mich interessiert. Ich habe ihn in Berlin in Simmels Übungen flüchtig kennen gelernt. Er war sehr scharfsinnig, eben ein Jude von talmudistischen Verstand.
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| Nach meinem Eindruck hatte er keine Zukunft: der krasse Logiker. Sein Buch über Fichte ist ganz von Rickert abhängig, ungemein scharf, aber historisch grundverfehlt. - Wie ich höre, vertritt Driesch die beiden Verstorbenen. Weshalb soll Heidelberg nichts für mich sein? Es würde für mich jedenfalls wahrhafter in Betracht kommen als Hamburg.
Morgner ist noch nicht hier; er schreibt seltener und scheint noch garnicht auf der Höhe. Hans Heyses Vater hat mir jetzt auch geschrieben. Ihm selbst habe ich schon etwas von Hegel nach Belle-Ile geschickt. Milkner soll schwer verwundet in die Hand von Kolonialtruppen gefallen sein. Der Arme!
An Hintzes Buch hat sich eine unerhörte ultramontane Polemik geknüpft, Vorboten der Zeit, die kommen wird.
Ich muß leider abbrechen, weil ich heut Abend noch lesen muß u. mich darauf wie für morgen vorzubereiten habe. Lies bitte alles Liebe aus diesem Brief heraus, was ich nicht ausgesprochen habe, und habe auch in den nächsten Tagen noch Geduld mit Deinem Dich herzlichst Grüßenden
Eduard.