Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1915 (Leipzig)


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12.11.15.
Liebe Freundin!
Das sind sehr betrübliche Nachrichten über die Tante, die mir um ihretwillen leid tun, aber auch um Ännchen, der ich eine sorgenfreie Zeit in Cassel gewünscht hätte. Die Schwäche kommt wohl vom Liegen. Es wird doch bei alten Herrschaften immer empfohlen, die Bettruhe nicht unnötig lange auszudehnen. Aber ich darf mich nicht in die Medizin mischen.
Daß Du Deine Arbeit hast wird Dir ebenso gut tun wie mir die meine. Weitschweifende Gedanken sind jetzt nicht erfreulich wie sonst. Dieser Krieg ist nur noch tragisch; denn er führt zur Verbeißung und Erschöpfung. Wer so wie ich sieht, was die sächsischen Regimenter bei der letzten Offensive gelitten haben, wer überhaupt die Lage mit Bewußtsein erlebt, für den beginnt jetzt
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| die Wende, an der es moralische Pflicht wird, gegen den Krieg zu sein. Meine politischen Anschauungen, die früher preußisch und rechts waren, verschieben sich immer erheblicher nach links. Cui bono? Wird der kleine Mann etwas haben von den Opfern, die er jetzt bringt? Deutscher Landsturm nach Ägypten - das ist eine gute politische Rechnung, aber eine lange und umständliche Psychologie. Die Worte, die wir vom englischen Oberhause hörten, waren würdig und wahr. Gott gebe, daß diese Stimmen auch bei uns allmählich Kraft erlangen.
In mir ist ungeheuerste Bewegung. Mein Tagewerk steht in all seinen vielen Verzweigungen doch immer in nächster Beziehung zu dem, was ich lebe. Ich weiß, daß das noch Zeit zum Reifen braucht. Aber ich fühle, daß ich, wenn ich am Leben bleibe, zu dieser Reife komme. Nur bin ich jetzt so stark belastet, daß es
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| kaum bis Weihnachten ohne Schaden so weiter gehen kann. Die Zeit, die ich meinen 7 Damen widme, ist besser angebracht, als ich zu hoffen wagte. Sie erinnert mich an die besten Tage meiner Schultätigkeit. Hier habe ich mal 7 Menschen in eine Bewegung versetzt, die sie weit über ihr bisheriges Niveau hinaushebt, und dies mitanzusehen, ist eine tiefwirkende Freude. Und die Vorlesungen befriedigen bei zunehmendem Besuch; es kommen jetzt immer mehr Invaliden, mit denen ich interessante Gespräche habe, weniger über den Krieg, als über das Kriegserlebnis. Viel hatte ich mir von meiner Rede vor der Studentenschaft: "das Studium während des Krieges" versprochen. Sie ist mir mißlungen, als wenn sie in Cassel gehalten worden wäre. Denn die Anwesenheit des Geheimen Ministerialrats Lange aus Dresden verdarb die Intimität, obwohl er, für sich genommen, nur ein lieber Freund ist.
Mein Kollege Süß, mit dem ich vor 1 Jahr gemustert wurde u. der damals zum Train kam (weshalb ich zur Infanterie A) ist mit
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| vielen andern zur Inf. überschrieben worden und heute eingerückt. Ich bin neugierig, wann ich an die Reihe komme.
Eine große Freude war mir die Anwesenheit von Freund Morgner Sonntag bis Dienstag, und ich hoffe, daß er noch bleiben kann. Augenblicklich ist er in Cassel und hat Dich vielleicht schon besucht, ehe dieser Brief ankommt. Von Hermann hatte ich eine gut lautende Karte. Ich habe ihm ausführlich geschrieben. Von Nieschling kam - aus Frankreich - vorgestern ein Rousseaubild mit Grüßen auch für Dich. Der Registrator ist noch im Krankenhaus. Milkner ist nach allgemeiner Annahme tot. Rühlmann schrieb mir einen langen Brief mit ziemlich scharfer Kritik der Heeresführung im Westen. Wolterek war wieder da, doch habe ich ihn nur 1 Minute gesprochen. Von Friedmann hatte Frl. Haas eine Karte vom 1. Oktober. Er liest meinen Marc Aurel aus dem Stoizismus, der zum sibirischen Winter gehört. Die Frauenhochschule kracht an allen Ecken. Meine Aktion geht weiter. Gott weiß, ob sie noch einmal einen Erfolg hat. Das sind die Nachrichten vom Tage. Hoffentlich kannst Du mir das nächste Mal von Euch Gutes berichten. Man ist dankbar für jeden Sonnenstrahl. Mit herzlichen Grüßen an Euch alle bleibe ich <li. Rand> in Liebe wie stets Dein Eduard.