Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. November 1915 (Leipzig)


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13.11.15.
Mein liebes Kind!
Eben war mein Brief fort, da kam Deine betrübende Nachricht. Ich kann mir vorstellen, wie schmerzhaft das ist, obwohl Du davon kein Wort sagst. Wie wird es denn behandelt? Und wird es bald vorüber gehen oder hast Du Dir durch diesen - Leichtsinn (!) gar schweren Schaden getan? Ich bitte, mir darüber bald eine Zeile zu schreiben. Und hoffentlich kannst Du mir Beruhigendes sagen. Wie schade, daß ich nicht näher bin, um Dir die Zeit ein bißchen zu vertreiben. Die Besserung der Tante hält hoffentlich an. Ihr seid wirklich alle zusammen arme beklagenswerte Leute. Und man hätte doch am allgemeinen Los jetzt schon genug.
Ich will Dir jetzt nur dieses kurze Zeichen meiner sorgenvollen Teilnahme senden. Von heut Abend an bin ich ein bißchen
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| freier. Die Ausnützung meiner Kräfte ging wirklich zuletzt bis aufs äußerste. Aber die Befriedigung habe ich: Gestern Abend ein Seminar mit 3 ausgezeichneten Referaten (2 Damen) und einer Debatte, die wie Maschinengewehrfeuer ging, offenbar auch allen Freude machte und brennendes Interesse weckte. Heute eine Vorlesung über Hegel, wie sie mir in Deutschland niemand nachmacht. Ich war selbst erstaunt. Gestern noch ratlos, war ich heut früh über alles klar und sah in nie gesehene Tiefen. So was müßte dann gleich gedruckt dastehen. Man findet es so nie wieder.
Der Brief soll Dich Sonntag noch erreichen. Vorher muß noch der 2. Artikel für Muthesius fort und um 6 habe ich Konferenz. Morgner wirst Du nun leider nicht empfangen können.
Ich wünsche Dir von ganzer Seele gute Besserung und grüße Dich herzlichst, auch Deine Leidensgefährten. In unablässigem Gedanken
Dein
Eduard.