Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. November 1915 (Leipzig)


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Bußtag 1915.
Liebe Freundin!
In Deinen beiden lieben Briefen erfreut mich die Nachricht über Deine Genesung vor allem. Die Tante soll sich nur eilen, daß sie auch wieder ganz in Ordnung kommt - das ist mein laienhafter Rat. Und Dir empfehle ich, die Tätigkeit nicht zu früh wieder aufzunehmen; denn die Luft in Cassel ist doppelt rauh. Solltest du übrigens - was mir leid tut - steife Würde an den Tag legen, so würde es nicht meine steife Würde sein, da Steifheit anders aussieht als meine Zurückhaltung. Ich habe so was schon mal anklingen hören, damals von Frau Hofmann, und habe nachträglich Veranlassung gehabt zu wünschen, aus meiner wohlbegründeten Zurückhaltung nie herausgetreten zu sein.
Um nun gleich zu Deiner Hauptfrage zu kommen, so denke ich, daß wir uns
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| darüber nicht mißverstehen können, in welchem Sinne man gegen den Krieg sein muß, zumal heute, wo man an den Ecken von der Musterung der 18jährigen liest. Schon heute habe ich die Überzeugung, daß von einem vollen Siege, wie wir ihn erhoffen, nicht die Rede sein kann. Die Volkskraft ist derartig mitgenommen, daß Gewinn und Einbuße völlig balanzieren. In solcher Zeit den Bogen zu überspannen und um einer weiten Zukunft willen durchaus den Suezkanal erreichen zu wollen, führt die Gefahr mit sich, von der die Fabel erzählt: beim Schnappen nach dem zweiten Stück Fleisch verliert der Hund das, das er hat, auch noch. Wenn also ein mittlerer Friede erreichbar ist, sollte man zugreifen. Schlimm genug, daß von den andern niemand daran denkt. Das ist ein Beweis, daß sie unsre Gefahr auch sehen. Diese Gefahr, darauf verlasse Dich, tritt im Frühjahr ein, und damit die Entscheidungsstunde, wenn nicht vorher andres geschehen ist. Vielleicht kannst Du die Verhältnisse nicht so beurteilen, wie ich im Spiegel der großen
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| Stadt und der Universität. Von den Armen, die am 1. August 1914 auszog, ist kaum noch ein Mann da. Die draußen sind oder zurückkehren - gestern waren allein 3 solche Studenten in meiner Sprechstunde - sind nervös gebrochen oder an Armen und Beinen invalide. Mein Famulus, der schon als untauglich entlassen war u. ein Bild des Jammers für den Laien ist, hat wieder seine Einberufung erhalten. Eben gebe ich ein Gutachten ab, daß der Mensch doch nach 14 Tagen wieder entlassen werden muß. Das alles sind Einzelheiten. Daß aber alle so denken - auch wenn Generäle es nicht aussprechen - beweist die Tatsache, daß unsre Schützengräben voll von Sozialdemokraten sind. Da liegt das Symptom. Man kann einem Volk nicht Übermenschliches zumuten. Wofür kämpft es, wenn alle zugrunde gehen?
Das würde ich öffentlich heut noch nicht sagen. Denn ich weiß wohl, daß wir einen Frieden nicht anbieten können. Wir sollen aber die (von vornherein bekannte) maßvolle Haltung der Regierung in den Friedensforderungen ehren
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| und nicht Ungemessenes fordern. Hätten wir nicht so viel fremdes Land besetzt, wäre die Verständigung viel leichter. Lieber aber Land herausgeben, als das Volk aufreiben. Wer soll nachher im Lande wohnen?
Bezüglich Deiner andern Frage will ich mich gern der "leichtfaßlichen" Lehrart bedienen. Herr Stadtrat Ackermann und Sie, meine Gnädige, stimmen leider darin überein, daß Sie nach einem Jahr der Opposition schließlich da antanzen, wo man war und anfangs scharf befehdet wurde. Denn dies von der Überbietung der Staatsmotive und von der festeren Bindung der Völker durch Interessengemeinschaften stand doch gerade in meinem Vortrag drin, nur begrifflich etwas schärfer. Leider kann ich das hier nicht in extenso wiederholen, aber ich denke, über folgendes werden wir uns leicht verständigen:
Bisher haben eine ganz starke Kraft nach außen nur diejenigen Staaten entfaltet, die immer auf der Grundlage von Kultur- und Spracheneinigkeit, mindestens Stammeseinigkeit ruhen. England nimmt eine Sonderstellung ein, vorwiegend weil es Seemacht ist und Küsten blokieren bzw. bombardieren kann. Wie es mit Oesterreich
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| steht, lese ich ja aus Deinem Brief von neuem: Die Truppen gehen bataillonsweise über (eben weil der Pole sich für einen deutschen Gedanken nicht opfert.) Heute steht tatsächlich noch alles unter dem Zeichen nationaler Kräfte (cf. Italien, Balkan, Rußland.) An wenigen Stellen ist das, was ich Staatsnation nannte, nämlich eine durch den Staat trotz nationaler Gegensätze geschaffene Einheit mit Zusammengehörigkeitsbewußtsein, bereits erzeugt. Aber zwischen den Staaten herrscht im Augenblick wieder der Wolfszustand. Daß wir über den hinauswollen, ist sicher. Aber doch um Gotteswillen nicht nur auf dem sentimentalen Wege der Hochschulen, Völkerseelsorge und ideellen Kultur. Das war Griechenland, als es ein Raub seiner Nachbarn geworden war und in Knechtschaft lag. Sondern wir wollen festere Rechtsgarantien für den Friedensstand, so weit es geht, und das kommt nur durch die weitere Demokratisierung der Staaten. Denn das Volk ist friedlich, wenn es nicht durch herrschende Schichten aufgehetzt wird.
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| Wie ich mir diese fortschreitenden Garantien denke, hatte ich ja in dem Vortrag angedeutet. Die Sozialdemokratie wird schon dafür sorgen, daß es so kommt.
Aber wenn Jerusalem in Wien in einem Buch, das er mir eben geschickt hat, alles von der Idee der "Staatenwürde" erhofft, so sehe ich darin wieder unklare Sentimentalität. Rein auf die Ethik der Persönlichkeit läßt sich ein Völkerleben nicht aufbauen, sondern nur auf realen Interessen und Verflechtungen, die im allgemeinen dafür wirken, den Krieg zu verhüten.
Aber nun genug von der großen Politik. Nur noch ein Wort von der kleinen: Unvollständige Mitteilungen besagen, daß das Kur. Gertrud B. im wesentlichen zustimmend geantwortet hat. Aber es zeigen sich schon neue Schwierigkeiten, und wann die Sache zu Ende kommt, ist ebensowenig abzusehen wie beim europäischen Krieg.
Am Dienstag muß ich zur Kontrollversammlung. Ich habe absichtlich darauf verzichtet,
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| die Sache durch Eingabe zu erledigen. Die Extrawünsche hören auf. Ich richte meine Arbeiten so ein, daß ich im März die Kaserne beziehen kann.
Leider habe ich immer so viel vor, daß ich die nötigen Ergänzungen bisher in Dein schönes Buch "Die Deutsche Schule" noch nicht eintragen konnte. Die Fortsetzung kommt in den nächsten Tagen. Ich wechsle in der Arbeit immer ab zwischen Muthesius u. der deutschen Schule. Der Gelderwerb ist dabei auch nicht unwesentlich. Denn ich lebe immer vom Kapital, und die Steuern werden noch höher. Es ist schon für uns eine Kunst, satt zu werden. Man male sich die Unterernährung bei den armen Leuten aus!
Verzeih eine Frage: ich kann aus dem mitgeschickten Bildchen wirklich nicht entnehmen, ob es Hermann ist?? Der Art der Verwundung nach müßte es eher Kurt sein. Wie kommst Du denn zu diesem Bild? [seitlich] Darf ich es behalten? Herzlichen Dank!
Hier hat mich der Kollege Eulenburg unterbrochen; er ist einer der bestorientierten Leute, und er bestätigt
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| mir leider meine Auffassung. In der gesamten Auslandspresse kein Wort von Frieden mit uns. Der günstige Anfang in Italien ist wieder gestört, vermutlich unter Mitwirkung des Anconafalles. Hoffentlich behalten Eulenburg und ich nicht Recht. Sonst kommen die ernsten Zeiten erst noch.
Meine Arbeit fasse ich auf als willkommene Betäubung. Es ist auch wohltuend, in Zeiten geistiger Höhe entfliehen zu können, die von dem unsäglichen Elend der Welt weniger gesehen haben als wir.
Daß ich Dir gern schreibe und gern oft schreibe, bedarf wohl keines Wortes. Ich bitte Dich aber, damit Du nicht unnötig Unruhe hast, zweierlei zu bedenken, 1) wie miserabel Eure Post funktioniert, und 2) daß es bei meinem jetzigen Stundenplan absolut unmöglich ist, öfter als alle 8 Tage zu schreiben. Die Zeit entflieht nur so, und immer kommen Mahnungen, obwohl ich meine Kraft Dir aufs äußerste anspanne. Wenn ich nicht eine Stunde wirklich frei habe, d. h. auch den Kopf frei habe, möchte ich keine Briefe schreiben, die meine Seele angehen. Ich verstehe Deinen Wunsch ganz, weil er auch der meine ist; aber Du mußt auch verstehen, daß bei mir 1000 Einzelheiten dazwischenkommen, von denen ich Dir nicht immer berichten kann. Wenn ich mal nicht mehr Professor bin, wird's vielleicht besser. Aus dem Feld schreibe ich <li. Rand> öfter. - Wie lauten Deine Nachrichten von Hermann? Hoffentlich könnt Ihr ohne Sorge sein. <re. Rand> Soll ich den 3. Teller wieder herausgeben? Der 2. hat sich natürlich gefunden.
<Kopf>
Ich grüße Euch alle herzlichst u. bleibe stets Dein
Eduard.