Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Dezember 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 5. Dezember 1915.
Liebe Freundin!
Es ist mir immer selbstverständlich gewesen, daß ich meine Gefühle vor Dir frei aussprechen durfte, nicht nur die erhabenen, sondern auch die, die man vor den Fernerstehenden oder der Nachwelt verbergen würde. In diesem Vertrauen habe ich dir neulich geschrieben: es wäre eine Pflicht, gegen den Krieg zu sein, - weil ich es damals in tiefster Not meiner Seele und vielleicht in moralischer Ermattung so fühlte.
Du hast mir damals auseinandergesetzt, daß wir diese Regungen nicht aufkommen lassen dürften und vieles angeführt, was ich mir natürlich auch sagen müßte. Mir war aber so, als wäre ich mit einer grenzenlosen Not zu jemand gekommen und er hätte mich abgewiesen. Ich muß das aussprechen, obwohl ich genau weiß, daß in Dir nicht die mindeste Teilnahmslosigkeit ist, und daß Du vielleicht diesen Eindruck bei mir garnicht verstehen wirst.
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| Trotzdem will ich versuchen, Dir ein Bild zu geben, weshalb mich das so tief traf.
Du hast in demselben Brief wie so oft Dein Vertrauen ausgedrückt, daß ich hier (d. h. auf Erden) noch etwas leisten könnte. Und ich selbst bin gewiß, daß in mir eine geistige Welt erwachsen ist, die sich noch nicht ausgewirkt hat, gleichviel, ob sie Großes oder Kleines leisten wird. Aber was ich leisten konnte, beruhte bisher immer darauf, daß ich gegen mich selbst ganz ehrlich war und aus so echt Erlebtem schöpfte. Wenn nun wirklich eine Arbeit vor mir liegt, die neue Werte bedeutet, so wird sie doch an irgend einem Punkt dann hervorbrechen müssen, wenn ich einmal anders fühle als die meisten. Denn nur durch Opposition kommen neue Werte in die Welt. Und Du, der ich vor einem Jahr aufs neue versicherte, daß ich das beste meiner Geheimnisse immer aus Dir ablesen werde, brachtest die Frage - verzeih', wenn ich das ganz offen ausspreche - eigentlich auf das Niveau, was man darüber denkt. Man kann im Sinne des Hergebrachten sehr edel denken und eben dadurch die entscheidende Kunde versäumen.
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Ich fühle mich als verantwortlich für die deutsche Zukunft, nicht als Reichskanzler, auch nicht als Soldat oder Leutnant, sondern als ich, der ich um den geistigen Sinn der Zukunft ringe. Deshalb frage ich mich oft: wenn nicht irgendwer einmal zur Umkehr mahnt - wo soll da der Frieden herkommen? Wer im Nachteil ist, kann es weniger als der Sieger. Wenn es uns erst schlecht geht, ist es für solche Gedanken zu spät. Wenn Besinnung herrschte, müßte nach unsrer Auffassung die italienische Kammer anders beschließen, als sie es getan hat. Wir stehen eben in Europa vor dem Erschöpfungskrieg. Ist aber dieser Gedanke vereinbar mit der geistigen Mission, die Du mir zutraust? Hierüber bitte ich Dich um eine klare Antwort.
In mir ist alles noch ungeklärt. Ich habe nichts zu jeder Stunde, als den Willen, ganz das zu sein und zu scheinen, was ich vor meinem Innersten verantworten kann. Seit dem 30. Juli [über der zeile] 1914 habe ich keine kriegsbegeisternde Rede [über der zeile] vor den Studenten mehr gehalten, obwohl es vielleicht pädagogisch wirken könnte. Eben weil ich zu tief unter der Kriegswirklichkeit leide. Vielleicht
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| bedeutet dies ein Versagen meiner Kraft - gut - so habe ich es vor Dir bekannt. Aber ich kann die Herrlichkeiten dieses Krieges nicht mehr fühlen. Dazu glaube ich zu tief an den Sinn des aufzubauenden Diesseits. Dieser Glaube würde in mir brechen, sobald ich jetzt in den Krieg zöge: es wäre für mich heut keine innere Notwendigkeit mehr.
Du kannst mich darum verachten. Hermann hat mir viel größere Worte im herrschenden Sinn geschrieben, und sein Einsatz ist doch viel größer. Aber ich habe nur die Wahl, unwahr zu sein, zu schweigen oder so zu sagen. Mein Kopf zermartert sich an der Frage, ob ich den Sinn des Lebens überhaupt richtig erfaßt habe, wenn - um gleich konkret zu sein - 400 Studenten von den Besten unsrer Universität ihr Leben hingeben, damit die 800 Krüppel und die größtenteils oberflächlichen Frauenzimmer weiter studieren können, damit die "Unabkömmlichen" und die 50 jährigen Greise daheim bequem weiter leben können. Wir müssen verhüten, daß uns das Vaterland zu einem Abstraktum wird, das uns besitzt, statt daß wir es besitzen, statt daß es um des Lebens willen gewollt wird. Ich sinne unablässig nach, wie ich diese Gedanken so fassen kann, daß sie
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| zu einer Kraft werden, nicht zu einer Schwäche. Aber ich finde keinen Ausweg und fühle mich in der Hand eines gänzlich Unverstandenen.
Weinel putzt Fenster und reinigt Abtritte. Ist da noch aufbauende Kultur? Der Mann, der Jesus im 19. Jahrhundert geschrieben hat! Beginnt damit nicht die Zerstörung, wie die Lords im Oberhaus richtig gesagt haben?
Traub hat ausgesprochen, der Krieg sei ihm kein stärkerer Beweis gegen Gott als die Tuberkulose oder Prostitution. Ich verstehe das als Meinung. Aber es ist nicht mehr. Denn das unterscheidet die natürliche Welt von der sittlichen, daß wir der ersten unterworfen sind, während wir die zweite gestalten.
Ich habe schon in den nicht abgesandten Brief über Kurts Ende geschrieben. Entweder ist das Leben ein Wert; dann war es ein schmerzlicher Niedergang für ihn, daß er mit solchen Eindrücken schied. Oder es ist kein Wert: dann ist in der Stunde des Todes - vor Gott - gleichgiltig, ob man einen Schützengraben erobert hat oder nicht.
Ich hänge am Leben, nicht weil es mir besondere
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| Genüsse schenkt, sondern weil ich Göttliches in ihm finde und an ihm nicht genug haben kann. Ich könnte glücklich sein in meiner jetzigen Tätigkeit, wenn ich nicht immer über den Moment und über mich selbst hinaussähe.
Der Kreis meiner 7 Schülerinnen ist für mich ein Quell reinster Freude. Wie in der Schule habe ich wieder das Glück, in ein paar Menschenseelen Pforten zu öffnen, daß das Schönste und Reichste aus ihnen herausströmt. Ich sehe es, wie ein Gärtner an seinen Pflanzen, Tag für Tag, daß sie wachsen und daß sie mir dankbar sind - wofür? - dafür, daß ich ihnen zu ihnen selbst verhelfe.
Wenn Du sie gestern gesehen hättest, als wir die Weihnachtspakete fürs Seminar packten, so hättest Du mit mir gefühlt, daß hier ein schönes menschliches Leben aufgeblüht ist. Und nun stelle daneben das Bild eine Lazarettes - was haben da Menschen aus Menschen gemacht? Ich bin kein bloßer Liebes- und Friedensapostel. Das weißt Du. Aber kann ich dafür, daß all mein
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| Glaube dem Erwachenden im Menschen gehört? Ich habe sie noch nicht gelernt, die große Sterbenskunst. Und ich muß daran denken, daß Dilthey den Tod eine Gemeinheit der Natur nannte. Es sei denn, daß er uns erst zum vollen Leben verhülfe?
Vom Tage hätte ich Dir noch mancherlei mitzuteilen. Aber was ich gesagt habe, ist mir das Wichtigste. Ich glaube, daß ich schon oft ausgesprochen habe: für die andern ist nur das Fertige in mir. Du aber hast das schmerzlich Los erwählt, auch die unüberwundenen Leiden mit mir zu tragen. Und so bitte ich Dich: "Geh doch auch weiter mit mir!"
Mancherlei Pläne und Gedanken sind in mir im Werden. Ich schicke diesen Brief nach Cassel, weil ich nicht weiß, wann Du zurückkommst. Aber ich hoffe, daß Du mir von Deinen Erlebnissen in Frankfurt und in Heidelberg schreiben wirst. Das nächste Mal über mein Verhältnis zu G. Bäumer [über der Zeile] (?) und mein Mißverhältnis zu Volkelt.
Immer in grenzenloser Vertrauen
Dein Eduard.

Widmung zu Euckens 70. Geburtstag

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Nicht das ist der schönste Ruhm der Philosophie, daß sie eine Wahrheit über den Menschen verkünde, sondern daß sie dem Menschen zu sich selbst und zu seiner Wahrheit verhilft.