Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Dezember 1915 (Leipzig)


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15.12.15. spät.
Liebe Freundin!
Ich danke Dir für Deine Worte und brauche nicht zu sagen, daß mein Vertrauen wie meine Liebe zu Dir unerschütterlich sind. Aber auf Einzelheiten kann ich jetzt nicht eingehen. Das Kriegsschicksal ist und bleibt eine Gewalt, die wir trotz allen Ringens nicht in den Kreis unsres Verständnisses zwingen können. Du hast das alles ja noch viel tiefer erlebt. Ich kann aber nicht an der Stelle verweilen, wo alles mich zum leidentlichen Hinnehmen zwingt; sondern ich muß die suchen, wo ich schaffen und aufbauen kann. Deshalb ist mir der Krieg so unerträglich, weil es eine Wartezeit ist. Aber je näher der Tag kommt, an dem er auch meine Mitwirkung fordern wird, um so gieriger nutze ich jeden Tag des Lebens zur Arbeit, zur Vollendung meiner inneren Welt. Denn zu der Stimmung, die den Tod überwunden hat, kann und will ich mich nicht bekennen. Dazu ist zu viel ungelebtes Leben in mir, zu viel ungestaltete innere Bewegung.
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Ich sehe jetzt, daß ich seit 1909 fast nur um die äußere Existenz gerungen habe. Mit den "Lebensformen" begann ein neues inneres Sein; mein Krieg war vorüber. Nun will ich weiterwachsen, und gestalten, was so lange in mir verborgen bleiben mußte. Ich fühle gar kein Versagen in mir, sondern ein gewaltiges Aufbäumen und Werden. Nur muß ich noch viel lernen, auch innerlich noch viel freier werden.
Daß Du das alles mitlebst - wie sollte ich nur einen Augenblick daran zweifeln? Aber unsere Entfernung von einander gestaltet nicht diese Gemeinschaft schnellen Fortschreitens, die für uns beide nötig wäre. Und es liegt auch in Deiner Natur, das Errungene zäh festzuhalten, wie damals, als wir um den Naturalismus stritten. Es hängt mit dem Tiefsten in Deinem Wesen zusammen. Du selbst weißt vielleicht nicht, wie stark bloß Gelesenes, wenn es Deiner Innenwelt nicht homogen ist, von Dir abgleitet. Es ist ja in mir fast ebenso. Um so echter ist und um so tiefer wurzelt, was wir uns erringen.
Aber jetzt schließen sich in mir Ansätze zu einem Neuen zusammen, die längst da sind, nur
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| bisher vereinzelt standen. Ich müßte endlose Briefe schreiben, um Dir davon ein Bild zu geben, und dazu fehlt in dieser Zeit die innere Ruhe.
Die Lebensformen, die Parteiprogramme, die Schulpolitik, die Frauenhochschule - diese verschiedenen Dinge strömen jetzt auf einen Punkt hin, und Du kennst selbst die äußeren Vorgänge nur lückenhaft. Auch das Erzählen hilft da nicht, weil es immer an einem besonderen Punkt einsetzen muß und ich durch Einwürfe, die das Unfertige betreffen, immer mehr gestört als gefördert werde. Es ist so unsäglich schwer mich zu verstehen, weil ich in so starker Bewegung bin und niemand mir von außen hilft. Denn wie wenige sind da, wo ich stehe! Wie viel Voraussetzungen gehören dazu!
Es bedeutet mir immer einen Stich, wenn Du sagst, dies oder jenes hättest Du von dem Onkel auch sagen gehört. Es muß doch in mir notwendig ein andres sein als in ihm. Denn bei ihm ist das alles angeborenes Gefühl, bei mir erworben, durchdacht und erkämpft. Und wenn meine medizinische Bemerkung eine so deutliche Ablehnung erfuhr, so
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| lehne ich umgekehrt ab, was in mein Gebiet hineingepfuscht wird.
Vielleicht erscheint Dir der "Ichton" des Vorangehenden als der Zeit unwürdig. Aber ich kann nicht anders, werde auch niemanden damit lästig als Dir. Denn ein Existenzrecht habe ich nur, wenn mein geistiges Suchen als Krieg nach meinem Stil aufgefaßt wird. Ich bin nicht gleichgiltig gegen die Außenwelt, aber ich kann mich mit nichts in ihr bis zur Selbstaufgabe identifizieren. Sonst wäre ich eben als Freiwilliger draußen.
Es gibt in mir nichts Angelesenes und Übernommenes; sondern alles in mir ist mein Eigentum, weil ich nur Durchlebtes in mich aufnehme.
Es wird also gut sein, wenn wir die Dinge der großen Politik nehmen als das, was sie sind: zunächst für uns, die wir sie nicht gestalten, sondern von einem z. Z. absoluten Regime empfangen, - ein Fatum, das "keines Menschen Kunst vertraulich macht."
Und so wende ich mich lieber dem Leben vom Tage zu. Die akademische Wirksamkeit ist trotz aller Ruhe auch in diesem Semester durchaus befriedigend. Tiefer beschäftigt mich die Religionsphilosophie, aber nicht, weil ich an ihr besonders produktiv arbeite, sondern weil in diesem Kolleg jetzt (beim dritten Lesen) alles seine Ordnung und Klarheit empfängt und diese große Gedankenmasse sich allmählich sichtet.
Mein eigentliches Leben aber liegt, so seltsam es klingt, in dem Frauenhochschulkreis. Das hat vielleicht seine persönlichen Gründe, da ich dort unter den 7 genau 7 gute Freunde finde und durch das rechte Echo belohnt werde, so daß ich gern hingehe und unzählige Freuden erlebe. Dahinter steckt aber natürlich auch eine sachliche Bereicherung, die ich nicht ganz zur Klarheit bringen kann, wenigstens in diesem Brief nicht. Es liegt ungefähr in dieser Richtung: Ich habe den politischen Charakter der Kindergartengründungen entdeckt; ich sehe den Zusammenhang, aus dem die 1. Frauenhochschule in Hamburg 1850 entstanden ist; diese steht im Zusammenhang der Frauenbewegung von 1848, und dies alles wieder wirft einen scharfen Schlagschatten auf den ethischen Sinn unsrer Zeit, den ich mir an Kjelléns [über dem Namen] ? "Ideen von 1914" schon zunehmend (u. z. T. oppositionell) verdeutlicht habe. Dazu kommen die Vorstudie für das Jahr 1848, das für mich immer mehr ein Gedankenmittelpunkt wird. Und so entsteht aus seltsamen Verschlingungen jene
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| Zukunftsidee, die den Humanitätsgedanken in mir ablöst, die "Idee der organischen Organisation". Was das ist, kann ich nicht auseindersetzen. Es ist nicht die Leugung der Humanitätssidee, sondern die realistische Reifung dessen, was ich im Schlußwort des Humboldt ahnend andeutete, wozu mir aber die Zeit jetzt erst ihre neuen Materialien geliefert hat.
Der liebe Freund Morgner hat überraschend schnell wieder an die Front gemußt. Er steht jetzt bei Saarburg und ging mit unendlich schwerem Herzen. Von der Läuterung durch den Krieg hat er mir nichts gesagt. Er glaubte wohl, dir so etwas schuldig zu sein. Soweit ich ihn kenne, hatte er nicht nötig, sich zu läutern. Er hinterließ mir einen großen Fliederstrauß mit einer Karte: "Wohl dem, der einen Freund hat." Ich fühle, daß ich ihn nicht wiedersehen werde. Seine Seele ist in meiner Seele heilig. Ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen. Neue Schmerzen können in mir nur zum Segen werden. Auch mein Weg ist rein; ich muß ihn gehen, das ist in mir jetzt absolute Klarheit. Denn ich
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| habe ja nichts, wovon ich sagen könnte: es ist um meinetwillen. Mich beherrscht das Dunkel in mir Werdende.
Der unveränderliche Freund Fessel will eine Unterjacke. Er soll sie haben; aber wenn, [über der Zeile] wie mich höre, die Sache 12 M kostet, so steht das in keinem Verhältnis zu seinen mir bekannten Qualitäten. Ich bitte Dich, etwas Billiges zu wählen, den Betrag auszulegen und mich auf dem Paket als Absender anzugeben.
Mit meinen 7 habe ich in schönster Harmonie 20 Pakete für Seminarmitglieder gepackt. Es war ein froher Abend. Aber die 20 Adressen (gegen 40 im v. Jahr) habe ich erst jetzt beisammen - so viel sind gefallen, gefangen, verwundet, oder schweigen völlig.
Zu den Schweigenden gehört auch Gertrud B. Ich habe geringe Hoffnung auf ein Gelingen. Das Kuratorium ist in völliger Déroute; Volkelt schwelgt in Verachtung, Ignorierung und Beleidigungen uns gegenüber. Ein angenehmer Zustand.
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| Daß bei meinen 17 Kollegstunden u. m. 2 Artikelserien nicht viel Zeit bleibt, kannst Du Dir denken. Ich schreibe dies mal wieder in höchster Erschöpfung. In den letzten Tagen waren auch wieder die 3 Stipendiasitzungen. Da der Dekan u. ich die Sache allein hatten u. der Dekan die Verhältnisse garnicht übersah, hatte ich die ganze Verantwortung für die Fakultät, eine Angelegenheit, deren Schwierigkeiten Du Dir garnicht vorstellen kannst.
Der lieben Tante bitte ich für Ihren Brief herzlichst zu danken. Es war mir doch ein <Wort unleserlich> Zeichen ihrer zunehmenden Kräfte. Ebenso danke ich für die beiden Briefe aus Heidelberg. Bedauerlich ist, daß man dort an mich nicht denkt. Denn hier bin ich bald wieder Beamter (wie auch in Berlin.) H. wäre für mich ein Wink des Schicksals, daß ich meine Gedanken reifen lassen soll. Was hörst Du von Hermann?
Für Weihnachten habe ich - außer 5 Tagen in Berlin - nur Arbeitspläne. Ich kann an nichts andres jetzt denken. Vielleicht können wir im Frieden wieder leben. Nun kann ich nicht mehr. Sei herzlichst gegrüßt von Deinen
treuen, aber stark bewegten
Eduard.