Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>
23.12.15.
Will des Lebens Sorge ihr düster Grau
Dir zeigen in späteren Jahren,
So denk an die Insel Reichenau
Und wie wir zum Festland gefahren!
Grün wogte die Welle, leicht tanzte das Bot,
Harmonisch erklangen die Lieder -
Ein Hauch von jenem Seeabendrot
Erlischt in der Seele nicht wieder.
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Meine liebe Freundin!
Vergangenheit und Zukunft - das sind die Sterne, die uns an diesem Weihnachtsfeste leuchten. Gedenken der Lieben, um die wir vor einem Jahr noch sorgen durften, Gedenken an den Frieden, der einst in unsrer Seele war, mögen uns Kraft geben, die ungeheure Erschütterung der Gegenwart zu gestalten, damit wir in einem neuen Geiste den Frieden genießen können, wenn er kommt, nicht "genießen" wie einen Bodenseefrühling, sondern leben und durchleben!
Ich schreibe diesen Weihnachtsgruß für Dich 2 Stunden vor meiner Abreise. Das Unzählige, was ich Dir zu/sagen hätte, zieht sich deshalb zusammen in ein inniges Gedenken für den Abend morgen, der, wenn er für uns einen Inhalt hat, nur einen für uns gemeinsamen Sinn haben kann. Meine kleinen Gaben wollen auf diesen Sinn hindeuten. Die "Memoiren einer Idealistin" habe ich in ihrem
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| 1. Teil mit tiefem Genuß gelesen. Solltest Du sie schon kennen, so möchte ich Dich doch bitten, sie noch einmal zu lesen. Es kommt eine "Hochschule für Frauen" darin vor, und an das Ganze sollen sich unsre weiteren Erörterungen knüpfen, insbesondere auch eine Bitte, an die du mich dann erinnern mußt. Dasselbe gilt von Kjellén, der in diesem Heft ein Anreger ist, wie er s. Z. ein Gestalter war. Endlich das Kriegsjahrbuch sagt Dir, daß das, was ich suche, schon da ist.
Ich habe schon eine Weihnachtsfeier gehabt. Für die 7 Vertriebenen habe ich am Sonnabend einen Weihnachtsbaum ins Seminar gestellt. Freilich hätte ich ihn mir ins Knopfloch stecken sollen; denn er hatte keinen Untersatz. Und jede bekam 2 ganz kleine Bücher. Da war die Freude groß. Es war aber am Tage zuvor, wie stets vor Weihnachten, für mich ein Tropfen Wermuth hineingefallen. Davon ein andermal.
Ich fahre sehr ungern nach Berlin. Am liebsten bliebe ich die 8 Tage mal ganz allein.
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| Auf mein Urlaubsgesuch beim Bezirkskommando bekam ich einen offenen "Gestellungsbefehl". Angenehm überrascht zog ich nach Gohlis. Dort konnte man mich nämlich in den Listen nicht finden, weil man in 1883 suchte, statt in 82. Dann sagte der Mann wohlwollend: "Nun, Sie bleiben weiter unabkömmlich, Sie können ruhig reisen."
Die Lauferei in den letzten Tagen war ungeheuer. Ich habe an Heinz in Stettin ein Soldatenkegelspiel geschickt, an Caecilie ein Mosaik, für die Rungeschen beiden Kleinen 2 Bücher. Meine Sonderausgaben zu Weihnachten betragen auch diesmal ca 600 M. - Von Kerschensteiner bekam ich aus dem Reichstag einen schönen 8 Seiten langen Brief, den ich noch nicht zu lesen Zeit gefunden habe. Bei Wundt war ich und fand ihn bezaubernd wie immer. - Ich reise mit F. C. Weiser, dem Vf. des "Traums eines Iren" etc. An der Bahn vielleicht der Registrator.
Der Tante sage bitte meinen herzlichsten Weihnachtsgruß. Die Veränderung liegt eigentlich doch nur in dem Bewußtsein, daß nun definitiv wird, was tatsächlich schon seit Jahren war. Denkt nicht daran, sondern haltet Euch an das Gute. Ich will es auch versuchen und finde mich mit Dir wie stets in diesem Glauben innig vereint. Sei <Kopf> herzlichst gegrüßt von Deinem für alle Zeit Deinem
Eduard.