Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./27. Dezember 1915 (Charlottenburg 4)


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Charlottenburg 4, den 26. Dezember 1915 spät.
Liebe Freundin!
Als ich am Heiligen Abend um 12 Uhr von der Bescherung bei Riehls zurückkam, fand ich Deine liebe Sendung vor. Ich dachte schon, sie wäre vielleicht nach Leipzig gegangen und wir sollten an diesem Tage ohne äußere Verbindung bleiben; aber pünktlich wie immer warst Du da, und ich hoffe nun, daß mein kleines Packet, geistlos in der Wahl wie immer, auch rechtzeitig angekommen ist.
So war ich also um die Mitternachtstunde sehr still mit Dir zusammen. Die Gedanken eilten, angeregt durch den großen und kleinen Kalender, voraus in das neue schicksalschwere Jahr, sie kehren zurück in die schönen Heimatgegenden, die wir zusammen gesehen haben, und alles, was Du sonst mir aufgebaut hast, machte mir den Abend heimatlich und schön. Mit besonderer Intensität aber suchte ich nach einem Brief, bis ich ihn endlich
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| bei St. Georg fand. - Wie sollten Zweifel zwischen uns treten? Zweifel sind undenkbar. Denn ich kenne Dich und lebe in Dir. Eben deshalb muß ich Dich immer von neuem suchen. Ich muß auf meine neuen Stufen die Probe an Dir machen. Und so wirst Du begreifen, daß die allgemeine Versicherung des Vertrauens mir nichts Neues sagt, daß ich aber um das Vertrauen zu dem Neuen in mir ringe. Eine solche Zeit - wir erleben sie nicht zum ersten Mal - nehme ich nicht tragisch; sondern ich sehe sie als eine solche an, in der wir eigentlich und wahrhaft leben. Deshalb sollen wir ihren Sinn uns nicht verwischen, sondern mit ganzer Kraft deutlich machen.
Es ist ja doch kein Zufall, daß wir uns jetzt gegenseitig auf Erlebnisse verweisen, die der andre nicht gehabt hat. Du auf die Überwindung des Todes, die mir fremd ist, weil nach meinem Gefühl der Schaffende aus diesem Erlebnis nichts mitnimmt als Mystik oder dauernde Geborgenheit des vertrauenden, lebendigen Wollens. Ich habe stattdessen meinen Kriegspessimismus, mit dem ich übrigens tausendmal gern unrecht haben will. Niemand
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| aber sieht die Kultur seines Volkes ohne ernste Gedanken in Gefahr. Vielleicht steht Dir das einzelne nicht so nah. Es genügt, das Genußleben in Berlin zu sehen, um zu wissen, daß die produktive Zeit dieses Krieges vorbei ist. Und sollte ich zufällig nur die zweifelnden Stimmen hören? Aber dieser Pessimismus als solcher ist ebenso unfruchtbar wie das Todeserlebnis. Für mich ist die Frage, was soll man tun. Und unsre Frage wird sein, ob Du den Weg, den ich gehen werde, mit mir gehen kannst. Die vorläufige Wendung: "Ich lebe in Deinem besseren Sein" ist mir bedenklich. Denn ich habe nicht zweierlei Sein, sondern nur eines, und das ist ganz und gar ehrlich. Alles sog. Idealisieren fürchte ich - wir haben uns darüber schon früher geschrieben - weil es unvermeidlich mit Enttäuschung endet.
Wohin mein Weg mich führt, kann ich freilich selbst noch nicht sagen. Erst seit heute sehe ich ihn so vor mir, daß ich ihm versuchsweise eine Formel geben konnte, und die trifft natürlich auch nur einen Teil des Ganzen. Aber ich bin gespannt, ob Du diese Wendung zu meinem besseren Sein rechnen wirst. Jedenfalls ist sie aus meinem ganzen Sein erwachsen.
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Ich habe eine geringe Fähigkeit, die Realistik des Dasein hinzunehmen und nicht, von einem Bilde besseren Seins erfüllt, die Menschen im Lichte dieser allgemeinen Verklärung zu betrachten. Bei Dir ist diese traurige Fähigkeit naturgemäß noch viel weniger entwickelt, weil Du nur mit wenigen Menschen und dann mit solchen von einer relativ hohen Bildungsstufe zusammenkommst. Vielleicht darf man auch nicht zu viel von jener Realistik sehen, weil sonst die Augen trübe werden.
Aber ob die Erfahrung der Todesnähe eine so besondre Offenbarung ist - ich weiß es nicht. Denn ich habe ja wohl genug hinter mir gelassen, was im geistigen Sinne tot ist, ganze Epochen voll von Phantasiespuk und Enttäuschung, und ich kann nicht sagen, daß mir von da etwas Produktives kommt; sondern es kommt allein aus unvorsichtigem Lebensglauben. Und über dieser Wahrheit wache ich mit tyrannischer Eifersucht, bis man mir zeigt, daß andre ehrlicher und tiefer aus dem Leben schöpfen. Umgekehrt ist der Glaube an mich für mich eine Bedingung für mein Schaffen; nicht aber ein Glaube an irgend ein Nebelhaft-Allgemeines-Kommendes in mir, sondern an das ganz Konkrete, was aus mir kommt, weil ich nicht anders kann.
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| Ich weiß nicht, ob Dir ganz klar ist, daß dieser scheinbare Anspruch für einen Philosophen im Grunde sehr bescheiden ist. Aber ich verlange nicht wie Fichte, daß man mich durch die schreiendsten Wandlungen hindurch für immer identisch und logisch widerspruchslos hält, sondern daß man meine Widersprüche für offenes ehrliches Bekenntnis zum ewigen Werden hält.
Bei Riehls war ich bisher zweimal; bisher ist es zu einer tieferen Unterhaltung noch nicht gekommen. Vielleicht morgen oder übermorgen. Mit dem Registrator war ich zweimal zusammen. Seine Kriegserlebnisse sind eine Sammlung von Skepsis; vieles ist sehr berechtigt. Meinem Onkel geht es leidlich. Morgen will ich nach Baumschulenweg. Am 28./29. sind 2 Konferenzen des Bundes für Schulreform. Daneben arbeite ich allerhand. Aber ich fühle mich nicht berühmt, weil mir das Schlafen im geheizten Zimmer mit verbrauchter Luft nicht bekommt. Nach Leipzig habe ich ein Monitum brieflich wegen schlechter Behandlung des Dienstmädchens gerichtet. Heute kamen allerhand Briefe, darin auch von Nieschling, der das ganze Verdienst auf die von oben zusammenhaltende
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| Kraft schiebt.
Riehl sagte mir heut zu meiner größten Überraschung, daß ich in Heidelberg pari loco mit Rickert und Heinrich Maier vorgeschlagen war. Das freut mich doch, weil ich ja eigentlich seit 1909 nichts geschrieben habe, also mein Ruf ein reiner Dozentenruf sein muß.
Schrieb ich, daß Otto Braun mich besuchte, als er zum Automobilkorps nach Zwickau fuhr? Die Fahrt mit Weiser war recht anregend. Dann mußte ich meinen Koffer teilweise selbst nach Hochbahn u. Stadtbahn schleppen, wovon ich noch heut Schmerzen habe. Fräulein Thümmel, die krank ist, habe ich auch besucht. Willy Böhms Geburtstag habe ich ausgelassen; er schrieb mir heut einen seiner merkwürdigen Briefe u. schikte mir Gesetze, die er für seine Lehrerinnen hat drucken lassen - von erschreckender Nichtigkeit u. Kleinheit. O ja! "Gemischtes Ausschußmitglied" bin ich nun auch.
Morgner schreibt merkwürdige Dinge über Fraternisieren frz. deutscher Truppen im Westen. Sonst weiß ich heut nichts. Morgen ein Schlußwort.

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27.12.15. früh.
Von Hermann höre ich nichts. Aber sein Befinden macht hoffentlich Fortschritte!
Ich freue mich wieder und wieder an Deinen Gaben, so weit sie noch nicht verzehrt sind. Die Krawatte ist sehr nach meinen Geschmack. (Wie ist es übrigens mit Fessel?) Einen Kalender bekommst Du von mir noch. Aber in den nächsten Tagen komme ich zu einen Brief nicht mehr. Am 30.XII. Abends bin ich in Leipzig. Daher sende ich um 1.1.1916 nur eine Karte. Was wir von diesem Jahre hoffen, ist uns unausgesprochen gewiß. Hoffentlich bringt es auch der Tante neue Gesundung, und Dir seltene Übung in dem "still tragen", das mir nicht sehr ertragreich scheint. Ich grüße Dich von Herzen und dankbar und bleibe immer in allen Wandlungen
Dein
Eduard.