Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Januar 1915 (Cassel)


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Cassel. 26. Jan. 1915.
Mein lieber Freund.
Wenn ich mich nicht an manche ähnliche dunkle Stunde erinnerte, so müßte ich heute wohl den Mut verlieren. Ich will die Veranlassungen nicht vergleichen, heut liegen die Dinge wieder anders. Aber so ratlos erschrocken war ich doch auch, u. immer hat sich wieder ein Weg zum Guten gefunden. Ich verschließe mich durchaus nicht dem Ernst, der in diesem Wiederholungsfalle liegt, den ich doch seltsamerweise erst jetzt als einen solchen erkannt habe. Trotzdem atme ich wieder auf, denn das Geschehene steht nicht mehr als ein dunkles, unabwendbares Verhängnis vor mir, sondern ich habe mich zu einer klaren Erkenntnis durchgerungen. Das wird u. muß ein Schutz vor solchen Vorfällen sein. Ob Sie das glauben können,
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| weiß ich nicht. Aber ich denke, es soll sich erweisen, u. dann kann gewiß auch das Gefühl der Sicherheit wieder kommen. Und ich hoffe, daß Sie wieder meine Briefe ohne Sorge aufmachen.
Andre Sorgen hatte ich dieser Tage auch. Es ging der Tante recht schlecht. Sie hatte furchtbar heftige Nervenschmerzen in beiden Armen u. war überhaupt sehr schwach. Das ist ja natürlich nichts Schweres gegen das, das jetzt andern geschieht, aber sie ist doch alt u. hat wenig Kräfte zuzusetzen.
Das Unglück Ihres jüngeren Bekannten geht mir sehr nahe. Das finde ich noch viel schwerer als beim armen Georg Weise.
Über Friedmann mag ich nicht urteilen. - Ich kann wohl überhaupt solch ein Schwanken der Gefühle nicht begreifen. Wie will man dem Andern je wieder in Augen sehen? Ich kann da wohl nicht gerecht sein.
Aber der Brief der Schwester ist sehr schön. Wie
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| dankbar werden sie sein, daß sie dies Zeugnis von der Erlösung ihres Bruders u. Sohnes haben. - Neben solch Äußerungen innersten Erlebens erscheinen mir freilich die langen Episteln von Kurt garzu äußerlich. Ich müßte das beklagen, wenn nicht sein Bild ganz andere Dinge gesagt hätte. Ich habe bei ihm immer, wo es galt, das Herz auf dem rechten Fleck gefunden. Aber er vermeidet den Ernst nach außen hin. - Er ist jetzt - seinem lange gehegten Wunsch zufolge Compagnieführer.
Die Lage im Großen zeigt noch keinen Ansatz zu rascherer Entwicklung. Und in Polen wartet man noch vergeblich auf die Hilfe des Winters. Es sollen dort wieder größere Truppenverschiebungen sein. -
Daß diese Engländer nicht aufhören zu lügen! Der Untergang des Schiffes ist doch unzweifelhaft, aber leider sehr teuer erkauft. Worin liegt es wohl, daß man die Zeppelinangriffe jetzt doch nicht mehr so verwerflich findet? Man sieht eigentlich nur noch den
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| Erfolg. Man bewundert die kühne Geschicklichkeit u. Umsicht, u. die Opfer? - sind ein Schritt näher zum Frieden. - Aus Ihren Zeilen in der deutschen Schule klingt mir wie immer die ganz große pädagogische Liebe. Wir werden in Zukunft nichts Besseres geben können als den fortwirkenden Segen jenes Einheits- u. u. Machtwillens, dessen Zeugen wir sein dürfen. In dem großen Erziehungswerk muß auch der Plan, von dem Sie mir erzählten, ein starker "Vegetationspunkt" werden.
Möchte die neue Woche so reich u. gut sein wie die verfossene. Und möchte sie u. die folgenden helfen, die ungewollten Schatten zu vernichten, die ich zu meinem Schmerz veranlaßt habe. Wenn ich Ihren Brief lese, so begreife ich nicht, wie ich es konnte. Es war eben in mir die Voraussetzung, daß Sie auch die Leute hier so enttäuschend gefunden hätten. - Ich kann mit allem Leid nichts ungeschehen machen. Aber ich kann mit größerer Einsicht in Zukunft anders handeln. Hoffentlich besser, hoffentlich so wie es einzig meinem Wollen entspricht.
Innige Grüße!
Deine Käthe.

[li. Rand] Hermann ist noch in Stettin. Seine Ischias ist wieder ärger.