Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Februar 1915 (Cassel)


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Cassel. 11. Februar 1915.
Mein geliebter Freund.
Erschrecken Sie nicht. Das geht nicht so weiter mit dem Gemale! Aber dies steckte auf irgend eine Art in dem vorigen drin u. mußte heraus. Ein Gedanke in Farben! Traum - u. doch wirklichste Wirklichkeit. Mein Glaube an Dich! "Glaube ist vor allem Zutrauen" las ich bei Dilthey. Dieses unbedingte Zutrauen, das keine blinde Gefolgschaft ist, sondern jene "Gewißheit, die kein Wissen ist." Das ist jenes Ahnen Deiner Bedeutung von den ersten Zeiten unserer Bekanntschaft an, das immer neu u. immer gewisser von
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| Jahr zu Jahr Bestätigung fand.
So fühle ich auch jetzt in dem, was der letzte Brief - jener Brief voll glühendem Schaffensdrang - mir sagte, daß die Erfüllung nahe ist u. daß Dein Weg nun klar u. unverlierbar vor Dir liegt. Laß ihn uns gemeinsan gehen, wenn Du Vertrauen in mein Verständnis haben kannst. Ich weiß, daß er einsam ist, aber ich fürchte mich nicht. Ich bin nicht so unfrei, wie Du denkst. Ich habe das wohl auch schon oft genug beweisen. Es wäre meine einzige Gefahr, zu abhängig von Deiner überragenden Größe zu sein. Sonst kann mich nichts berühren.
Es ist keine Taube mit einem Ölzweig.
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| Aber es ist ein Bote aus jener besseren, inneren Welt der Kraft, der lebengestaltenden Mächte. Er redet nicht von einer stillen, friedvollen Vergangenheit sondern von starker, zuversichtlicher Gegenwart. Die schöne Friedenswelt da unten ist auch unser, unverlierbar wirkt sie in uns weiter. Aber nicht mit Sehnsucht wollen wir zurückblicken, sondern mit Dankbarkeit - u. dann vorwärts. Als ich im August von Leipzig abreiste, war mir diese Zukunft noch in unwahrscheinlicher Form, ich wagte nicht, an sie zu glauben. Jetzt fühle ich ihre starke Nähe - in Dir u. schäme mich meines Kleinmutes. Weil der Wille zum Leben höher ist, als der Wille zum Tode, darum
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| ist Dein Werk nicht der Krieg, sondern alles, was ihn überwindet. Elementare Kräfte wühlen das Leben um u. bereiten eine neue Zeit vor. Du kannst ihr Richtung u. Klarheit geben, bewußte Gestalt. Die Feder in Deiner Hand schafft Unvergängliches. Fühlst Du die Macht, die Dir gegeben ist?
Ich fühle sie.
Deine Käthe.