Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. August 1915 (Cassel)


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Cassel. 30. Aug. 1915.
Geliebter Freund.
Ich danke Dir innig für Deinen lieben Brief u. für Deine "Zufriedenheit". Du hättest Grund gehabt, anders zu urteilen, aber davon will ich jetzt nicht mehr reden. Das "Ich Selbst" in mir u. Deine Nachsicht haben darüber hinweg geholfen.
Du regst Unendliches an Empfindungen, Gedanken, Überzeugungen in mir an u. ich muß Dir viel schreiben. Jetzt im Augenblick, ehe ich zur Arbeit gehe (u. heute ist auch Kinderhort!) nur diesen Gruß, der Dir sagen soll, daß ich mit all meinem heißen Empfinden unablässig bei
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| dem bin, was Du mir sagst.
Und es ist kein Zufall, was Ibsen Dir, gerade Dir zu sagen hat:
Sei ganz - Du selbst!
Denn das ist es was Du der Welt zu geben hast u. was kein anderer kann. Schüttle das "kränkliche Gewissen" ab. Du wirst niemals ohne Gewissen sein, aber seine Richtschnur sind nicht tote Theorien, sondern die lebendige Kraft Deines Innern. Du kannst nicht alles wissen, was an einzelnen Tatsachen auf der Welt ist. Laß Dich von diesen Einzelheiten u. von dem armen Herumraten des Verstandes [über der Zeile] in der modernen Philosophie nicht irre machen. Immer kam der Menschenwelt plötzlich aus wunderbarer Tiefe ein Neues, das noch niemand gesehen hatte. Wenn
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| es dasteht in seiner Lebenskraft, dann sieht man plötzlich die Fäden der Entwicklung, die längst unbemerkt aus der Vergangenheit zu ihm hinführten. Aber niemand hatte sie beachtet. So findest Du bei andern Deine Gedanken schon angedeutet, u. doch wollen sie erst in Dir zu klarer Geschlossenheit sich gestalten. Wie keine der Lebensformen für sich allein volle ethische Geltung hat, sondern erst das ganze Lebensrecht in einer Verschmelzung, einem Einschlag aus den andern Formen findet, so viel ist Dein Schaffen mehr als bloße Wissenschaft. Niemals wirst Du leichtsinnig über die Grenzen der Erkenntnis hinausgehen. Aber Du willst nicht über diese Grenzen diskutieren, sondern sie
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| erweitern, oder umbilden. Dieser Glaube an Deine Macht ist kein blindes Vertrauen in mir, denn Du weißt, daß ich mich niemals willenlos Deiner Meinung fügen konnte, sondern immer die Auseinandersetzung damit suchen mußte.
Es ist ein neuer Weg, den Du gehst, aber ein Weg des Lebens u. der Wahrheit. Eine absolute Wahrheit haben wir nicht, aber die Wahrheit des heutigen Lebens, u. vor ihr haben Deine "Formen" die harte Probe bestanden.
Ich schreibe Dir bald, sobald es irgend geht wieder u. warte außerdem auf die angekündigte Fortsetzung. - Gestern habe ich einen ganzen Berg Feldpost erledigt, aber noch bin ich durch all meine Schulden nicht durch. Am liebsten schreibe ich ja immer nur Dir, aber dann kommt das "Gewissen", u. das schlechte Gewissen ist noch was andres als das <li. Rand> Kränkelnde! - In Treue u. Zuversicht Deine Käthe.