Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Januar 1916


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3.1.16.
Liebste Freundin!
Heute Vormittag habe ich meine Broschüre vollendet und sogleich zum Druck getragen. 70 Folioseiten in 5 Arbeitstagen – Du kannst dir denken, daß meine Hand nicht mehr so gierig auf das Schreiben ist wie das Herz. Aber auch das ist doch ein Fortschritt: trotz Reisen, Föhnwind und Neujahrsschreiberei ist diese Leistung an meinen Nerven fast spurlos vorübergegangen. Silvester habe ich bis nach ½ 12 gearbeitet, um 12 fest geschlafen und am 1. Tag des Jahres um ½ 9 schon wieder bei der Arbeit gesessen.
Ich danke Dir von Herzen für Deinen lieben Neujahrsbrief. Es stand sogar einiges drin, was ich Dir zugeben könnte. So muß ich z. B. für die Unterjacke von Fessel – er führt diesen Namen mit Recht – 3,50 M zugeben. Doch behalte ich mir das auf eine andere Sendung vor. Ich muß ferner zugeben, daß daß das Religiöse im Kjellén das Schwächste
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| ist. Nicht zugeben kann ich, daß meine Frauenhochschulerzählung Dich auf die Malwida aufmerksam gemacht hat. Denn sonst hättest Du mich doch schon damals darauf hingewiesen, wie wichtig dieses Buch für meine Interessen ist. Wieso, wirst Du ja nun sehen.
Die Sendung des Armbands mit der Münze würde meinem Gefühl nicht entsprechen. Ich habe nicht die Absicht, mein Zehnmarkstück wegzugeben. Für das Deutsche Reich bedeutet es 30 M. Für mich bedeutet es ein Geschenk, das meine Mutter mir in demselben Augenblick gemacht hat, als sie den Wunsch äußerte, daß alle ihre Schmucksachen zu Geld gemacht werden sollten. Es ist für mich ein sichtbares Zeichen an das höchste Glück und das tiefste Leid, das ich durchgemacht habe. An dieser Schwelle endet das Recht des Staates. Dein Gedanke, unsre beiden Andenken zusammenzulegen, ist zwar sehr zart empfunden. Er wäre aber eine Symbolik, auf die wir beide Gottlob heute noch nicht angewiesen sind. Laß uns unsre Gemeinsamkeit lieber dadurch betätigen, daß wir 1916 stärker geistig zusammenleben,
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| als es uns 1915 möglich war. Die äußeren Hindernisse kennst Du wie ich. Es ist mir z. B. nicht möglich, die z. T. recht wichtigen Vorgänge in Berlin brieflich so zu beschreiben, daß Du Dir ein Bild davon machen kannst. Andrerseits wirst Du verstehen, daß bei der naheliegenden Frage, wie lange man noch lebt, alles Konkrete und direkt Schöpferische für mich jetzt eine brennende Angelegenheit ist und daß das Persönliche darunter noch mehr als sonst leiden muß. Den Januar brauche ich noch zu intensivster Arbeit an den allernächsten Plänen. Und da die Briefe, die Du mir über Kurts Heimgang schicken wolltest, eine wirklich ruhige und gesammelte Zeit erfordern, so wirst Du es mit mir pietätvoller finden, wenn ich Dich bitte, sie mir erst in einer solchen Stunde zu senden. Gott gebe, daß sie jemals kommt!
Ich denke, daß meine Broschüre, die eine Kulturarbeit im besten Sinne ist, uns Anknüpfung zu weiteren Aussprachen bieten wird. Es war mir eine ungeheure Hilfe, diesen Gedankenkreis mit Riehls und besonders mit ihr eingehend erörtern zu können. Es ist
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| fast ein Wunder, wie Mutter Riehl und ich bis in die Worte hinein über die großen Zukunftsfragen übereinstimmen, um so wunderbarer, als wir beide von ganz andren Anschauungen herkommen und uns doch auch nur spärlich in Briefen aussprechen konnten. Bei dem Dunkel, in das alles Neue führt, ist dies wahrhaft Offenbarung und Gewißheit.
Von Riehls erfuhr ich auch, daß der arme Walther Köhler gefallen ist. Er hat es geahnt; denn schon seine letzten Grüße waren nicht mehr aus dem Diesseits.
Über den Krieg redet Frau Riehl garnicht. Aber sie denkt über ihn wie ich, im Gegensatz zu ihm. Die ungeheure Flut von Weihnachts- u. Neujahrsbriefen, von denen Du Dir kaum eine Vorstellung machen kannst, hat mir eins mit einer fast erschreckenden Deutlichkeit gezeigt: die absolute und allgemeine Stimmungslosigkeit im Felde. Das ist ein Faktor, der das Ende so oder so beschleunigt.
Ich aber will arbeiten, als ob es kein Ende gäbe. Das ist es, was mich moralisch noch zusammenhält. Zunächst kommt die Berliner Rede an die Reihe. Sie ist um so wichtiger, als (schrieb ich das schon?) mir Prof. Schoenichen mit geheimnisvoller Miene verkündete: man erwarte "einen großen Tag", der Minister selbst wolle kommen, zum ersten Mal in das neu gegründete Institut. Sollte nicht dieser
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| Minister für mich auch eine andere Verwendungsmöglichkeit haben, als in der Kaserne oder im Bekleidungsamt?
Es wird für uns gut sein, wenn wir etwas gemeinsam zu arbeiten haben. Darauf bezog sich meine Bitte. Du findest in der Malwida eine psychologisch sehr eingehende und feine Beschreibung ihrer Konfirmationserlebnisse. Ich plane, solche autobiographischen Zeugnisse zu sammeln, um darauf eine Psychologie der religiösen Pubertätserscheinungen gründen zu können. Deshalb habe ich mir gedacht, Du könntest allmählich mal den ganzen inhaltreichen Bücherschrank der Tante daraufhin durchsehen und ein Verzeichnis anlegen mit Seitenzahlen u. allgemeinsten orientierenden Stichwörtern über den Wert der betr. Quelle. Ich habe dieselbe Bitte auch an eine von meinen 7 gerichtet, da ich selbst zum Sammeln des Materials keine Zeit habe.
Diese 7 haben dem Seminar zu Weihnachten 9 Bände Plato deutsch geschenkt. Ich habe wohl schon geschrieben, daß ich daraufhin für sie am letzten Abend einen Weihnachtsbaum machte und jeder 2 kleine Bücher schenkte. Aber das andre habe ich jedenfalls nicht geschrieben (?), daß auch da eine Spaltung existiert, die mich betrübt.
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Eine andre Arbeit, die Du mal sehr gründlich vornehmen mußt, ist die, auf dem Fahrplan zu ergründen, wo und wie wir uns an einem Tage mit dem größten Zeitspielraum (mehr als in Erfurt) treffen können. Es ist ja wahr, daß es immer wenig genug bleiben wird. Aber der Vorzug ist der, daß ich dann für einen Tag alles andre hinter mich werfen kann, während hier immer allerhand Geschäftliches zu erledigen bleibt. – Oberhof ist natürlich wegen Schneemangels ausgefallen.
Ich lege allerhand Drucksachen bei; weiteres folgt in einem andern Brief. Ich weiß nicht, ob Du auch den 1. Teil von Muthesius (mit dem ich in Berlin sehr angenehm zusammen war) für Knapsens haben wolltest? – Man hat mich malgré moi nun doch in den "Deutschen Ausschuß für Erzieh. u. Unterricht gewählt", wieder einen Hecht in den dürftigen Karpfenteich, wie bei der Frauenhochschule (die aber nun doch ihren inneren Segen für mich entfaltet hat.)
Ich schreibe dies bei Tage, aber bei einem Wachststock, den Frl. Tuchel gestiftet hat. Denn der Himmel hat kein Petroleum mehr. Frl. Thümmel hat mir eine Mappe für ungedruckte Mse gearbeitet, in die der " Fichte" sehr schön paßt. Von Vater
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| Riehl
habe ich Friedrichs d. Großen "Ausgewählte Wke." sehr nach meinem Wunsch bekommen, von Lore und Heidi eine niedliche Dose. Deine Süßigkeiten haben das neue Jahr nicht erlebt. Aus Memel kam ein Kuchen. Wir schreiben uns selten, aber sie hat noch nicht überwunden und tut mir unsäglich leid, daß ihr Glück so an mir zerbrechen mußte.
Morgner schreibt traurig, fast feierlich und ahnungsvoll. Schwarz (der Sohn vom Oberlandesgerichtsrat u. Kunigunde) liegt krank in einem – serbischen Lazarett. So weit ist jetzt die Welt.
Für Hermann ist es trotz alles Schweren wohl gut so. Er kommt dann wenigstens nicht wieder hinaus. Ob mein Kegelspiel angekommen ist?
Nach Külpes Tod ist in München wieder ein Ordinariat frei. Diesmal aber bleibe ich von vornherein aus dem Spiel.
Frl. Mecke bitte ich auch mein Beileid zu sagen. Indem ich an sie denke, wird mir klar, wie weit ich über die Kindergarteninteressen von August hinausgekommen bin.
Aber nun Schluß, obwohl kein Ende. Ich grüße Euch beide herzlichst und billige die Absichten der Regierung, auch ohne sie zu kennen. Stets Dein Eduard.