Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Januar 1916


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22.I.16.
Liebe Freundin!
Mein Brief hat sich verzögert, nicht weil ich so viel Besuch hatte, sondern weil ich bis zur Ausnutzung der letzten Kraft zu tun hatte. In den letzten Tagen kam Fakultätsärger hinzu, der mich außerordentlich mitnahm, so daß ich jetzt mal wieder vorsichtig leben muß.
Zum Trost kann ich mir sagen, daß in Deinem Brief auch nicht eben viel drinstand. Kein Wort von dem Besuch von Mutter u. Ännchen, kein Wort von der Tante, und eigentlich auch nichts von Dir.
Nun, ich hoffe, daß Dein Schweigen mindestens auf normalen Gang aller Dinge deutet. Hoffentlich bringt mir Morgner, den ich heute bei Dir vermute, morgen gute
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| Nachrichten!
Das Bild von Kurt ist in der Tat auch als Bild sehr schön. Ich danke Dir dafür. Der Rembrandt hat mir auf seinen Sachen immer zu viel Düsternis; wahrscheinlich war in seinem Atelier Petroleummangel. Das kleine Buch gefällt mir in dem illustrierten Teil fast mehr als im poetischen. Durch seine Zartheit ist mir besonders einer mit oe aufgefallen. Bloer oder so ähnlich (?) - ich schreibe auf dem Seminar und kann nicht nachsehen. Es ist doch erstaunlich, was für gute und billige Reproduktionsmethoden es heute gibt. - Der Kuchen ist verschwunden. Die (der, das) Ovomaltine schmeckt besser als befürchtet, scheint mir aber nicht zu bekommen, was ich auf den Eistoff zurückführe. Ich will es nun mal Abends statt früh versuchen.
Die Sechser scheinen bei Euch sehr dick gesät zu sein, wenn Ihr sie als Petschaft gleich
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| mit dranlaßt. Darf ich dieses Gebilde zerstören oder kommt es ins Kriegsmuseum?
Ich habe für das Seminar durch die Un. Bibl. ca 250 z. T. wertvolle pädagogische Bücher erworben, mit de für den lächerlichen Preis von 91,70 M! Damit will ich mich am 29. beschäftigen, 3 Mann als Hilfsarbeiter, dann komme ich wohl in der Zeit von 4-8 durch. Die folgenden Sonntage (6. u. 13.) habe ich für den deutschen Ausschuß, Konferenz in Berlin, freigehalten. (Es sind darin lauter Leute, die Du nicht kennst: Umlauf, Götze, Petersen, Muthesius (Bruder) Mattschoss, Jessen etc. Ich bin als Vertreter der Hochschulen im Vorstand.) Die Frage unseres Erfurter Kongresses ist also zweifelhaft, wie meist. Aber wir wollen doch sehen, daß es wird. Ich habe den dringenden Wunsch, Dich zu sprechen.
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| Denn durch Schreiben läßt sich die Kontinuität nicht aufrecht erhalten. Es geschieht jetzt zu viel und zu vielerlei. Die Briefe von Kerschensteiner werde ich Dir im Original schicken.
Ich habe noch garnicht berichtet, daß ich am 4. oder 5. Januar wie ein Jagdpferd in Halle bei der unvollkommenen Scheibe war. Sie hat mir manche Anregung gegeben, auch das Titelblatt ästhetisch begutachtet. Aber jenseits des ästhetischen Gebietes ist sie wegen des unerträglichen Pathos und eines Spezialistentums reinster Kultur wirklich „unvollkommen“. Die Mutter war in Wittenberg.
Frl. Glinzer hat sehr nett zu Neujahr geschrieben. Ich habe fast alles jetzt beantwortet, bis auf einen kleinen Rest. Von der Broschüre habe ich 60 Exemplare verschenkt, Biermann 50. Die Urteile lauten sehr günstig u. beifällig, besonders auch aus Kuratoriumskreisen. G. B.
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| hat noch nicht geantwortet. Die Wirkung liegt also im Dunkel. Es gibt Leser, die im 3. Abschnitt anfangen. Die mir nahestehen, wissen, daß ich im 1. Abschnitt das für mich Wertvollste ausgesprochen habe. Deine Ansicht darüber wird mir um so wichtiger sein, als ich für den Berliner Vortrag das Brett am selben Ende bohre. Zu einer ruhigen Überlegung des Vortrags bin ich noch nicht gekommen; wird wohl auch kaum werden. Es ist bodenlos, was ich alles nebeneinander treibe.
Das Verhältnis zu Volkelt ist unleidlich. Gottlob verhält Wundt sich grundsätzlich neutral. Der alte Herr hat mich gestern in meiner Wohnung besucht.
Meine "Ausschuß"qualität in Leipzig ist bis jetzt ganz angenehm. Kein Mensch hat mich zu einer Sitzung eingeladen.
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Ich muß für Berlin alle Kraft zusammennehmen. Hinterher hoffe ich dann etwas langsamer arbeiten zu können. Aber Muthesius drängt auch.
Was hast Du im Bücherschrank der Tante gefunden?
Das mit Arnold Ruge ist ja dicke Reklame, Donnerwetter! Ich gönne ihm jede Besserung seiner Lage. Die Frage, ob die deutsche Philosophie und Pädagogik in Konstantinopel richtig vertreten ist, ist allerdings eine andre.
Die Kollegs gehen ihren Gang. In der Regel bereite ich mich zwischen 10 und 12 Abends und morgens noch 1/4 Stunde vor. Meinen Schlaf habe ich auf 7 Stunden eingeschränkt. Wir lernen ja jetzt, etwas weniger zu essen; also können wir auch
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| dafür etwas mehr arbeiten.
Ich glaube, damit wären die Hauptsachen berührt. Die nächste Woche wird unruhig. Es wird wohl nur eine Karte herauskommen. Vielleicht finde ich auch noch eine Drucksache.
Nach Heidelberg habe ich keine Broschüre geschickt. Ich möchte es bis zum 2.II aufschieben; sonst komme ich aus dem Kaufen meiner eigenen Bücher nicht heraus. Ich wünsche Dir gute und arbeitsfrohe Tage. Der lieben Tante viele Grüße und Dir für alle Liebe und Fürsorge innigen Dank.
Stets Dein
Eduard.