Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Februar 1916 (Leipzig)


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5.II.16.
nach der Vorlesung
Liebe Freundin!
Es wird immer toller. Jetzt bleibt buchstäblich nicht mehr für eine Karte zeigt. Gestern war ein Tag voll Zwischenfällen, Arbeit und Vexierbesuchen von 8 früh bis abends 11.
Mit Freude aber erfüllte mich Deine Karte, nach der Du schon zeitweise aufstehen kannst. Nur nicht übertreiben, nicht zu früh wieder arbeiten, und vor allem die Augen schonen! Ich freue mich, daß man so viele Zeichen der Teilnahme sendet. Ich würde zu denen gehören, die sich ohne Angst hineinwagen. Aber wann gehört einmal ein Sonntag oder eine Stunde
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| mir? Ich muß um 12 nach Berlin fahren, Ankunft 2.59. Um 3 beginnt die Sitzung des Vorstandes vom deutschen Ausschuß für Erz. u. Unterricht, dauert bis in die Nacht. Hausschlüssel lasse ich mir schicken. Fortsetzung Sonntag 1/2 10 Uhr. Nachm. u. Abds Riehls. Montag früh retour. Dann beginnt die Woche mit 5 Pädagogenexamen, von denen ich 3 Arbeiten noch nicht gelesen habe, Fakultätssitzung etc. Es wird nicht 1 Minute bleiben. Ich bitte also im voraus um Verzeihung und Verständnis, wenn ich nur Karten schreibe. In diesen pflegt übrigens immer alles zu stehen. Denn was ich mit demMinister gesprochen habe, war Floskelkram, ohne Belang, und das Gespräch mit den Räten würde eine
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| Einführung in die Situation erfordern, die ich brieflich nicht geben kann, sondern nur bei unseren Wiedersehen. Sorge dafür, daß Du dann ganz wieder munter bist.
Muthesius, dem ich geschrieben hatte, daß es mir nicht berühmt ginge (habe übrigens kaum noch zu klagen) blieb schonend - nur von 5-1/2 10! Aber es ist immer ein klassischer Ton in seiner Rede, und immer wohltuend.
Morgner sitzt mir gegenüber und wartet, um mit mir nach Hause zu gehen; er will mich dann zur Bahn begleiten. War leider mehrere Tage erkältet. Am Montag beginnt sein Kursus. Wir haben also von den langen
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| 3 Wochen wenig gehabt.
Die unvollkommene Scheibe hat die Broschüre anscheinend nicht bekommen? Das Kuratorium hat die Äußerung des Ministers damit beantwortet, daß es die eingereichten Statuten freiwillig zurückzog! Darum kämpfen wir seit 1 Jahr, ohne es zu erreichen. Und in dem Augenblick, wo es absolut zerstörend wirken muß, da ausgerechnet tun sie es. Da muß ich dann aber doch sagen: Was soll man dazu sagen?
Mehr will ich nicht sagen. Nur noch viele herzliche Sonntagsgrüße Dir und den Deinen. Möchte die Sonne, die jetzt so schön ist, doch auch einmal in der Politik wieder scheinen. Rumänien u. Amerika - 2 faule Kunden. Viel Gutes
in treuer Liebe
Dein
Eduard.

[li. Rand] Morgner läßt herzlich grüßen.