Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Februar 1916 (Universität Leipzig)


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<Stempel: Kgl. Philosophisch-Pädagogisches Seminar Universität Leipzig> 15.II.16.
Liebe Freundin!
Deinen Reiseplan nach München mißbillige ich gründlichst. Denn Du bist an sich noch, und die Auflösung eines Hausstandes - s. Aachen - ist eine besondere Anstrengung. Aber es wird ja wohl nichts nützen, wenn ich protestiere. Übrigens ist mir ganz unklar, was für ein Hausstand da aufzulösen ist. Ich denke, die Schwester war in einer Anstalt?
Wenn Du vom 21.-28.II. in München bist, so ist "im Anschluß daran" ein Zusammentreffen leider noch nicht möglich. Denn das Semester dauert bis zum 5. März. Du kennst die Gründe, die mich gegen weite Zukunftspläne einnehmen: es kann jeden Tag die militärische Einberufung kommen. Dann von Leipzig abwesend zu sein, wäre doppelt unangenehm. Falls also nicht vom Ministerium ein Termin angegeben wird, bis zu welchem es mich weiter
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| reklamiert, käme nur Leipzig in Betracht, obwohl es teurer und ungemütlicher ist als Cassel. Da aber die Vorbedingungen noch so unbestimmt sind, schlage ich vor, nur das Daß fest im Auge zu halten, das Wie aber noch offen zu lassen.
Von der Broschüre habe ich jetzt 76 Exemplare versandt. Aber nicht an die 3 genannten Adressen. Für Hermann will ich Dir ein Exemplar schicken, obwohl er mir seine "Geschichte" auch nicht gesandt hat. Ich dachte, die Sache wäre für ihn zu lokal. Frl. Mecke bekommt von mir kein Ex., denn ich weiß bis heute nicht, ob Sie den Band Prüfer, Fröbel bekommen hat. Und bei Ada Weinel wäre es meinerseits geradezu provoziert. Auch möchte ich mich nicht zu der "Kongreßfrauenbewegung" bekennen, in der sie einmal drinstand. Diese beiden Adressen müßtest Du schon übernehmen. Exemplare à 1 M das Stück stehen im Austausch gegen Fessels Unterjacke zur Verfügung. Doch würde ich raten, der Mekka
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| und der Adria ebenfalls lieber Unterjacken zu schicken.
Das Kuratorium hat zum 2. Male (diesmal durch Witkowski) gefragt, unter welchen Bedingungen wir wieder zur Mitarbeit bereit wären. Ich habe neben vielem andern formuliert: öffentliche Deklaration des Systemwechsels, etwa durch Übernahme der Studienleitung durch G. B. Man braucht uns dringend. G.B. hat auf einer Berliner Versammlung ganz in meinem Sinne gesprochen u. ausdrücklich auf die Bedeutung der H. f. F. für das weibl. Dienstjahr hingewiesen. Es ist aber deutlich fühlbar, daß in Dresden der Name G. B. eher ein Hindernis als eine Förderung bedeutet. Überhaupt Dresden!
Die Arbeit als Vorsitzender des "Aufstiegs der Begabten" habe ich begonnen. Die Berliner Rede ist korrigiert. Ich arbeite mit der äußersten Intensität, die ich je entwickelt habe, aber mit dem ausgesprochenen Willen, mich zu betäuben, an nichts vom Fatum zu
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| denken, und es ist mir oft geradezu wohltuend, wenn ich sehe, wie mich das verzehrt. Denn wenn wir zugrunde gehen, so will ich auf meine Art zugrunde gehen. Die Unklarheit der letzten Wochen war wieder unerträglich.
Deine Augenschmerzen sind hoffentlich nur nervös; das Berufsorgan zeigt immer die meisten Spuren der Erschöpfung. Es ist aber dringend nötig, daß Du vor dem 21. nicht zeichnest. Und wo wirst Du den 25. sein? Wollen wir ihn im voraus feiern? Aber mein Packet ist nicht so groß, daß es Dein Gepäck belasten würde. Schreibe mir also, wo Du in München hausen wirst. Es sind nun auch schon 9 Jahr, daß ich nicht dort war, abgesehen von unsrer Durchfahrt. Mein Auge, das mich 3 Tage etwas hinderte, ist auf dem Wege der Besserung. Bei Biermanns hatten 7 Mann die Influenza. Bis jetzt habe ich sie nicht mitgebracht. Am 28.II. habe ich die Paeonia; bei diesen teuren Zeiten kein Spaß!
Viel herzliche Grüße Euch allen
Dein arbeitsberauschter Eduard.