Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1916 (Leipzig)


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Leipzig, den 23. Februar 1916
abends.
Meine liebe Freundin!
Aus einem kalten Zimmer sende ich Dir sehr warme Grüße für übermorgen; diesmal, ach, noch anders als vorm Jahr. Und damals hofften wir so viel! Es ist mir nicht möglich, mein Gedenken in die gewohnten Glückwünsche zu kleiden. Nur das sollst Du fühlen, daß ich Dir nahe bin. Meine kleine Sendung, deren kriegsmäßige Bescheidenheit nach Deinem Sinne sein wird, spricht offen aus, welche Gedanken mich bewegen.
Wir haben viel miteinander erlebt. Möge uns das letzte Jahr nicht gebrochen haben! Positiver kann ich mich nicht ausdrücken. Ich kann überhaupt nur so schwer etwas sagen, weil Deine Auffassung der Lage eine andre ist und zumal jetzt in Hermanns Nähe sein wird. Möget Ihr rechtbehalten. Ich bin für diese Zeit nicht geschaffen. Deshalb reden wir nicht von der großen Weltlage.
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Was ich voraus gesehen habe, ist gekommen: München ist für Dich ein einziger Corso. Eben erhalte ich Deine Zeilen. Sie erinnern mich an unsere Stadtbesuche. Man wohnt nirgends, und ist immer unterwegs. Wenn es Dir nichts schadet, soll es mir recht sein. Ich denke (eigentlich denke ich nicht mehr), daß Du Dich dann die nächste Woche in Cassel noch ausruhst, und daß wir uns in der übernächsten Woche sehen. Wie und wo, das bitte ich später vorschlagen zu dürfen. Ich kann die Lage noch immer nicht übersehen. Aber es muß sein, auch gegen das Fatum.
Heute hat der Maurer das Haus verwüstet und die kupfernen Behälter in der Küche ausgebaut. Ich ging in den Ratskeller, und prompt hatte ich nachher wieder meinen Schwächeanfall. Deshalb wird heut nicht gearbeitet. Ich habe vorm. 2 1/2 Stunden katalogisiert, da mein Famulus nicht zuverlässig genug ist. Dann versuchte ich Frau Rohn zu treffen, die ich seit Anfang Januar nicht gesehen habe. Es geht ihr schlecht (vermutlich? Krebs.) Sie war aber nicht zu Hause. Bei Biermann hörte ich dann, daß uns demnächst der Vorsitzende
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| des Kuratoriums aufsuchen und über unsere Rückkehr mit uns verhandeln wird. Dieser Beschluß ist gefaßt worden unmittelbar nachdem Volkelt unter Protest die Sitzung verlassen hatte.
Die Zahlen meiner Vorlesungen für dies Semester stehen jetzt fest: Religionsphilosophie 79, Schulgesetzgebung 74, dtsche Erziehung der Gegenwart 180 (aller Fakultäten), Seminar 37. Ohne Zweifel die höchsten, die an der Universität erreicht worden sind.
In Sachen des deutschen Ausschusses habe ich bisher fast nur Absagen erhalten. Wieder der alte Fall: ich habe das Kind nicht erzeugt und muß es aufziehen. Werde mir aber seine Lebensfähigkeit genau ansehen; sonst muß es auf den Taygetos.
Seit Wochen habe ich heut einmal wieder ehrlich lachen können und müssen: Frl. Pelargus brachte mir ein patriotisches Notenblatt, ein Lied, von Frl. Henschke (!) komponiert: der Text beginnt: "Mama, Mama, wir brauchen kein Fett". Den Höhepunkt aber bilden die Worte: "Wir essen gern unser Obstmusbrot, wir sind deutsche Jungen von Korn und Schrot." Denke Dir das gesungen! Biermann verspricht, es
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| mir von seinen Kindern vorführen zu lassen.
Schröbler wird, ehe er eingezogen wird, nächste Woche noch mal herkommen und uns einen kleinen Vortrag halten. Es geht hier das unausrottbare Gerücht unter den Studenten, daß ich im Herbst nach Berlin komme, obwohl ich es lebhaft dementiert habe. Wer weiß, wo wir im Herbst hinkommen.
Philosophisch ist folgendes zu sagen: Man kann den Weltlauf begreifen; er wird dadurch nicht leichter. Besser, man begreift ihn nicht; dann lebt man nicht in Illusionen. An der "Wildente" ist schon etwas Richtiges.
Es ist so kalt hier, daß nichts Vernünftiges aus der Feder will. Habe Nachsicht mit mir. Es ist kein Fehler des Herzens, daß ich nur in einer bestimmten Temperatur zu gedeihen vermag.
Hermann hat sich hoffentlich erholt. Ich grüße Euch beide tausendmal.
Wohin es auch geht, wir werden gemeinsam gehen.
In herzlicher Liebe und Treue
Dein
Eduard.

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Nachricht liegt im Reichshof.
Hzl. Gruß
Ed.