Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. März 1916 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. März 1916.
Liebe Freundin!
Heute um 1 habe ich die Semesterarbeit geschlossen und soeben noch den Semesterbericht für Dresden fertig gemacht. Ich darf sagen: es war eine Arbeit: da liegen: 32 Vorlesungen Religionsphilosophie, 32 Schulgesetzgebung, 15 Publica geschichtet. Jede Woche - 16 Wochen lang - Übungen und außerdem 10 Stunden mit den 7 Getreuen. ca 40 Examina. 3 Broschüren, Reisen und eine endlose Korrespondenz, von der Hochschulpolitik zu schweigen.
Der Erfolg war sichtbar tiefgehend. Beweis: es hat heute kaum jemand gefehlt, obwohl in Leipzig am 1.III. Schluß ist. Viel rührende und erfreuende Zeichen innerer Bewegung, die ich entfacht habe, dringen zu mir. Nicht das tiefste, aber ein symptomatisches war heute das Geständnis eines komischen weiblichen Wesens: sie ringe damit, "Tegel" in sich zu überwinden. Sie kennt Frau v. Heinz, hat dort ihr Ideal und beißt sich nun an derselben Wendung die Zähne aus wie ich.
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Es ist physische Reaktion, aber auch seelische, daß mir heut Nachmittag zum Zerspringen weh ums Herz war. Wer weiß, ob dieser Rest einer glücklichen geistigen Welt bestehen bleiben wird? Besonders der Tisch, an dem meine 7 Getreuen saßen, sieht mich ganz traurig an. Deshalb muß ich weiterarbeiten, damit ich nicht in meiner unsäglichen Einsamkeit allein bleibe.
Die Hochschulsache hat ein komischen Fiasko gehabt. Heut vor 8 Tagen hat G. B. erklärt, sie lehne definitiv ab, werde nur beratend tätig sein. Am Mittwoch steht eine Ente in der Zeitung, d.h. in Berlin und hier: sie komme. Darauf hat sie das Kuratorium im Verdacht, schreibt ihm einen saugroben Brief. Da das K. unschuldig ist, lenkt sie ein u. bleibt Beraterin. Diese Halbheit ist mir zuwider; unter diesen Bedingungen mache ich nicht wieder mit. Sie hat mir in der letzten Woche 3 Briefe geschrieben. Ich nur einen, recht pädagogischen. Es bleibt nun mal bei der weiblichen Eigenart. Du wirst die Briefe lesen.
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Ich bitte jetzt um eine Unterredung mit dem neuen Referenten in Dresden, besonders um m. militärischen Verhältnisse zu klären. Dafür muß ich die kommende Woche freihalten. In der dann folgenden hoffe ich auf einige Tage nach Cassel kommen zu können. Zu bedenken ist aber, daß ich am 14. und am 25. in Berlin zu tun habe. Ob ich am 14. fahre, bzw. fahren muß, ist fraglich. Vielleicht - alles hypothetisch - läßt es sich machen, daß ich von Cassel am 14. früh nach Berlin fahre u. von dort nach Leipzig. Übernachten will ich um diese Zeit in Berlin nicht.
Dein Aufenthalt in München war, wie ich ihn mir gedacht habe, hastig, anstrengend und reizlos. Aber wie soll es jetzt irgendwo in der Welt anders sein? Unser Leben ist in der Mitte entzwei gebrochen. Niemand gehört mehr sich selbst. Auch meine Art zu arbeiten ist die selbstvergessene, die nicht aus dem Innersten schöpft, wie ich sonst tat. Unsre Entwicklung ist unorganisch geworden. Aber wir stehen auf dem Posten bis zum Schluß. Niemand darf sagen, daß ich in der mir geschenkten Friedenszeit irgend etwas für mich
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| gehabt hätte. Es ist ein Schützengrabendienst. „Das ist meine Art“. Das eine bleibt mir: Ehrlich<Wortteil unleserlich> vor mir selbst, kein begeistertes Scheinwesen - Realistik.
3 Arbeiten schweben mir vor: 1848 für die deutsche Schule. Der deutsche Ausschuß. Die Psychologie der Pubertät. Das letzte mache ich am liebsten, weil es bahnbrechend wäre. Vielleicht finde ich 14 Tage zum Organisieren des Stoffes. Denn im Keim ist alles fertig.
Für heute breche ich ab. Morgen mehr. Du solltest meine Tageskorrespondenz sehen - darum allein müßtest Du mich ehrlich bedauern.

5. März.
Herzlichen Dank für deine heut eingetroffenen lieben Zeilen. Ich begreife Deinen Wunsch, bestimmte Pläne zu machen. Leider aber sind die Zeiten nicht danach. Ich würde Dich bitten herzukommen. Aber Dein Befinden braucht Ruhe. Außerdem ist hier Messe und alles unerträglich teuer. Solang ich über den 14. nicht klar bin, läßt sich nichts sagen. Denn vorher würde die Zeit doch allzu knapp werden. Wir werden also annehmen: zwischen dem 15. und dem 25., aber wenn es geht, will ich schon früher kommen.
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Den heutigen Sonntag habe ich benutzt, alle möglichen Geschäftsbriefe zu erledigen, die mich durch ihr Daliegen quälten, obwohl ich ohnehin jeden Tag etwas davon erledige. Nun, nachdem ca 12 Sachen in den Kasten gekommen sind, wird der Stoß schon etwas kleiner. Es bleiben noch 4 Arbeiten zu lesen und die Bibliotheksrevision. Aber gewiß kommt schon morgen irgend ein anderer offizieller Dienst hinzu.
Von Friedman kam durch den Erzbischof Söderblom eine Visitenkarte mit guten Nachrichten, die er der schwedischen Kommission mitgegeben hat. An Ludwig, der am 7.III 35 Jahre wird, habe ich auch geschrieben. Registrator noch in Berlin. Morgner war heut vor 8 Tagen da, ohne mich zu treffen. Im Augenblick erwarte ich Eulenburg. Abends bin ich bei Rohns, die ich seit Anfang Januar nicht gesehen habe.
Es beruhigt mich, daß die Nachrichten über Weinel besser lauten. In Heidelberg wird man jetzt wohl auch den Donner von Verdun hören. Der Tod v. Milkner ist amtlich bestätigt. Von
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| Heyse kam aus der Gefangenschaft ein lieber Brief.
Ich will meine Berliner Rede wegen des geeigneten Formates ins Feld senden, oder hältst Du sie nicht für passend?
Die Paeonia war nicht ganz billig; aber qualitativ ausgezeichnet u. ebenso gut die Regie. Wir sind höchstens 7 Mann jetzt. Und ich bin längst da, die Verpflegung für das Wertvollste dieser Abende zu halten.
Es ist merkwürdig, aber ich leide geistig hier direkt Not. Es ist kein Mensch da, mit dem man mal Tieferes besprechen könnte. Die etwas verstehen, haben keine Zeit.
Ich breche ab, hoffe aber, daß wir wenigstens durch die Post jetzt öfter zusammen sind. Wie geht es der lieben Tante? Ihr und Dir viel treue Grüße
stets Dein
Eduard.