Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. März 1916 (Leipzig)


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22.III.16. spät.
Sächsischer Bußtag.
Liebe Freundin!
Die sonnigen Tagen waren schnell vorbei; heute schneit und regnet es abwechselnd. Aber das Gedenken an diesen Frühlingsaufenthalt in Cassel begleitet mich freundlich, und ich danke Dir für die Sonne, die Du mir gegeben hast. Bis in das Äußere hinein bin ich restituiert: mit Nahrung verwöhnt, an den Knöpfen vervollständigt, sogar ein Stück Seife - was kann man heut Schöneres schenken - und Vielsagenderes (!?) "Verrenkte Seelen" gehören zur Signatur der Zeit. Dazu muß es in der Welt erst wieder anders werden, damit wir das überwinden. Und wann - und wann?
Mein Leben seitdem ist bewegt. In der Bahn war es zum Lesen zu finster. Im Speisewagon zum Sattwerden zu teuer (es wird damit wirklich ernst!)*)[Fuß] *) 4 Scheiben Lachs u. 4 gleich große Scheiben Brot 1,60 M. Es war auch ganz leer. Vor Weimar hielten wir ½ Stunde. [neben der zeile] Betriebsunfall. Nach 12 kam ich nach Hause; fand einen Haufen Post, auch von der Hochschule und Biermann, von Hintze u. a. Ich saß noch bis ½ 2. Eben war ich um ¾ 9 beim Rasieren, da riß Biermann
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| nach seiner Art an der Klingel. Um 10 mußte ich einen Doktor prüfen. Um ½ 12 war Frauen-Hochschulkonferenz, die sehr feindselig verlief. Zwischen 3 und 4 schrieb ich das Vorwort, das Muthesius per Eilbrief verlangt hatte. Um 4 war ich in der Sprechstunde, die trotz der Ferien bis ½ 7 dauerte!! Zuletzt kamen noch die beiden Besten von den 7 Getreuen, um vor ihrer Abreise Adieu zu sagen. Ich konnte kaum mit ihnen sprechen; denn um ½ 7 war schon Konferenz mit Biermann verabredet. Um 9 brachte ich den Absagebrief an die Hochschule und die Eilsendung für Muthesius in den Kasten. Heute früh ordnete ich die eiligste Korrespondenz und ging auf das Seminar. Inzwischen war Witkowski im Auftrage der Hochschule da. Um 1/2 2 kam in m. Mittagsschlaf ein Eilbote von Biermann in dieser Sache. Um 3 begann ich die Dissertation des Armeniers Gasparian zu lesen, die ich eben erledigt habe, weil Goetz drängt. Um 6 war eine Konferenz zu fünf Personen in m. Wohnung - mit dem Erfolg, daß ich den Vorsitz des Kuratoriums übernehmen muß. Witkowskis großes Geschick hat erreicht, was aus 1000 Gründen schwer und eigentlich nicht wünschenswert
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| ist. Aber das Gegenteil war auch nicht wünschenswert, das ist der Fluch überlegener Leistung, daß man die Karren aus den Dreck holen muß.
Morgen und die folgenden Tage soll die "Deutsche Schule" fortgesetzt werden. Mittags bin ich bei Goetz. Du siehst - mein Leben ist von der stillen Humanität wirklich zur organisatorischen Arbeit übergegangen.
Den Verlust an Seele, der damit verbunden ist, mußt Du ja fühlen, das ist nun einmal unser Los. Was Du davon in mir nicht rettest, wird verloren sein. Deshalb liege ich immer mit einem Anspruch auf Deinem Sein, das den Du doppelt deuten kannst: als maßloses Verlangen ohne Geben und als grenzenloses Vertrauen, das eben in Dir den Lebenssinn sieht. Ich nehme die letztere Deutung als die echte und allein würdige. Laß Dich nicht niederdrücken davon. Denn von Deiner Kraft hängt nun einmal unendlich viel ab.
Der lieben Tante danke ich für ihre immer gleiche Güte und Fürsorge. Hoffentlich hat sie nicht zu viel Unruhe gehabt. Verwöhnt hat sie mich so, daß Stolpes ihr Elend doppelt spüren werden. Wie geht es denn dem Kinde in Hofgeismar?
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Herre war in Königstein (Taunus). Wenn er Wetterglück hat, ändert sich die Welt. Das ist mein Optimismus.
Was ich zu arbeiten habe, kannst Du ermessen. Es ist aber wohltuend, wenn man jetzt weiß, wo man hingehört. Die Universität Leipzig hat keinen zweiten wie mich zu versenden. Hoffentlich denkt sie daran. Alles kommt zu mir, alles hofft auf mich. Das ist eben auch so ein Opfer persönlicher Existenz, wenn auch nicht auf dem Schlachtfeld. Aber das kann ich beeidigen: für mich als Ich fällt schon deshalb nichts ab, weil auch der Ehrgeiz, der mich früher beseelte, sein rechtes Maß in diesen Weltschicksalen gefunden hat. Was ist Größe, was ist Leistung? Es gibt nur Verpflichtungen.
Der helle Glanz der Tage in Cassel aber leuchtet im mir nach. Denke auch Du an sie, wie es heut möglich ist - als an ein Begegnen in aller Echtheit, Wahrheit, Liebe und Treue. Denn das war ja wohl immer so, daß wir mehr gemeinsam erduldet haben als genossen. Und wir wollen auch dies als ein Geschenk vom Himmel nehmen. Mit innigem Dank an Dich und die Tante bleibe ich in liebevollem Gedenken Dein
Eduard.