Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. März 1916 (Leipzig)


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Leipzig, den 27. März 1916.
Liebe Freundin!
Ich sehe die Welt durch einen Schnupfen; oder besser: ich rieche sie; denn sie ist anrüchig geworden. Und deshalb werde ich mich nicht so klar fassen können, wie ich wünschte. Aber ich will Dir vor der Hochzeit noch schreiben, und - eh ich's vergesse - teile mir die Adresse mit, wohin ich mein Telegramm richten kann.
bitte im Original prüfen, ob hier eine eckige Klammer istDie Auseinandersetzungen zwischen uns haben immer noch nicht die rechte Basis gefunden. Ich bin doch nicht so ein Stümper, daß ich trotz Deiner Schwierigkeiten mit dem sprachlichen Ausdruck nicht absolut sicher die Grundform des Erlebens fühlen sollte, die dahinter liegt. Und diese ist bei uns verschieden; wir haben nicht dieselbe Religion - anders gesagt. Darin liegt nichts, was uns trennen könnte, im Gegenteil, das kann bereichern und ergänzen, und Du bist mit Deiner geistigen Welt in keiner schlechten Gesellschaft, wenn ich allein
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| an Goethe denke. Aber das soll nicht vermischt werden, sondern ganz klar und offen gestanden, und zu dieser Klarheit müssen wir nach so viel Jahren endlich kommen.
Die Zeit spielt alle Trümpfe in meine Tasche. Das hoffnunglos Antinomische des Lebens, wenn es bisher verborgen gewesen sein sollte, liegt heute am Tage wie eine offene Wunde. Daß in unsrer Innenwelt ein Gegensatz dazu lebt und eine Überwindung - das weiß ich auch. Der Unterschied ist nur, daß Dir in dieser Sehnsucht oder in diesem inneren Frieden, den man sich allenfalls abringt, schon das Letzte liegt, während für mich da die Rätsel erst anfangen. Woher dies Höhere in uns, wenn es nie zur vollen Realisierung gelangt? Darin ahne ich einen verborgenen Sinn. Aber mir genügt nicht die Ahnung, ich poche auf das Recht des vollen Besitzes. Dies ist die Wurzel meines Transscendenzglaubens. Nehmen wir doch die Sache gleich an ihrem für uns centralsten Punkte: diese Gegensätzlichkeit zwischen uns, die trotz innerster Nähe bleibt - soll die nie eine Lösung finden?
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| Sind wir nur dazu da, die Zwiespältigkeit zu erfahren und nicht auch die Einheit? Für mich ist das Leben zwischen Geburt und Tod ein Hinweis auf eine Herrlichkeit, die ich von Angesicht sehen will. Für Dich ist es selbst schon Erfüllung, hat alles in sich, wenn man nur tief genug geht. Ich wiederhole: so sind nun einmal Frauen. Männer gehören zu dem Schlage "Alles oder nichts." Deshalb komme ich auch über die Problematik der Gegenwart nicht nur schwerer hinweg, als Du, sondern ich komme überhaupt nicht drüber hinweg. Ich sehe die kahle Unlösbarkeit, die absolut nicht zu leistende Aufgabe. Dabei bleibt es. - Bei Dir wie bei allen Frauen liegt es daran, daß Ihr nicht imstande seid, die Aussage der kühlen Seinserkenntnis von Eurem Gefühlsleben zu trennen. Das wächst durcheinander. Bei mir bleibt Wissenschaft und Gemütsanspruch getrennt.
Und nun wollen wir das künftig nicht mehr vertuschen, sondern ehrlich sagen: So bist Du, so bin ich. Denn das allein ist es, was mich immer in Harnisch bringt, wenn als identisch hingestellt
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| wird, was sich ausschließt. Man kann sich trotzdem "verstehen", wenn auch der eine anders ist als der andre. Höre auf, Dich mit dieser Frage zu quälen. Es gehört dazu eine philosophische Kritik, die ich von Dir nicht fordern kann und nicht fordere.
Heute fand ich vom Ministerium folgende Antwort vor: "Das M. d. K. u. i. U." glaubt nach anderen Vorgängen annehmen zu dürfen, daß, da Ihre Unabkömmlichkeit seinerzeit nicht "bis auf weiteres", sondern schlechthin anerkannt worden ist, Ihre Einberufung zum Heeresdienste in nächster Zeit kaum zu erwarten steht. Jedenfalls können, solange die Anerkennung der Unabkömmlichkeit nicht widerrufen ist, von hier aus Schritte wegen Ihrer weiteren Zurückstellung nicht getan werden. - - Sollte wider Erwarten Ihre Einberufung zum Heeresdienste dennoch erfolgen, so sieht das Min. umgehender Berichtserstattung entgegen, da alsdann um Ihre Zurückstellung nachgesucht werden soll."
etc.
10 Minuten danach aber kam vom Rektorat
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| eine „sehr dringliche“ Generalverordnung des Min., nach der bis Mittwoch (!) ein Verzeichnis aller bisher einberufenen Dozenten sowie Zahl der einberufenen Studenten und der breits gefallenen Universitätsangehörigen mitgeteilt worden soll. Die Min. Verordnung war vom selben Tage.
Warum so dringlich? Das Gewünschte ist in der Zeit kaum zu liefern. Ist der Minister durch meinem Bericht auf die allgemeine Frage geführt worden, ob der Un. noch weitere Kräfte entzogen werden dürfen; will er also von sich aus Schritte beim Generalkommando tun? Oder hat das Generalkommando unmittelbar nach Eingang m. Berichtes erklärt, daß nunmehr alle A Kräfte gebraucht werden, und will der Minister dagegen vorstellig werden? Die Sache ist dunkel. Die Antwort an mich ist unbestimmt. Sie gibt nur so viel Garantien: Man hebt die Unabk. Erklärungen nicht einzeln, sondern nur nach ganzen Kategorien auf. Nun sind in Sachsen etwa 4000 Lehrer reklamiert. Die also können wohl zuerst an die Reihe. Und mit dem nächsten Schub (dem letzten) dann die höheren Beamten.
Übrigens erhält die Lage hier bei uns bald
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| den Charakter einer Hungersnot. Ich bin auch der Ansicht, daß ungefähr Ende Mai die Kriegslage entschieden ist. Niemand kann und will dann mehr weiter. Dazu stimmt folgendes. Biermann (Infanterie 6, Schreiber) ist heute zum dritten Mal untersucht worden. Man hat ihm gesagt: zum letzten Mal. Die Kategorie B (Garnisondienst) wird aufgehoben. Diese Leute kehren z. T. mit langfristiger Befreiung in das Wirtschaftsleben zurück. Daraus folgt, daß wir im S. S. einen erheblichen Zustrom an Studenten haben werden. Und dann wird der eine Ordinarius A wohl auch entbehrlich sein, der sich NB. nicht einmal zum Schipper eignen würde.
Wozu aber sonst? Will denn der Teufel, daß alles auf mir hängen bleibt? Der Minister v. Hentig hat mich aufgefordert, im Mai auf einer großen Tagung die Hauptrede zu halten; es handelt sich um 6 im nationalen Sinne zusammengeschlossene pädagogische Verbände. Herr v. Trott zu Solz dankt höflich für Übersendung. Wilamowitz schrieb mir einen sehr liebenswürdigen Brief, den leider kein Mensch lesen kann. Die Europäische Staats- u. Wirtschafts
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|zeitung wünscht ebenso wie der "Kindergarten" meine Mitarbeit - kurz, ich bin vor Überlastung fast civildienstunfähig, und muß deshalb hier auch schließen.
Dieser Brief wird Dir nach Berlin nachgesandt werden. Grüße alle die Deinen herzlich. Ich bin in Liebe und Treue wie stets
Dein
Eduard.

Von der Kinderfrage wollte ich noch sagen: das ist recht, wenn Du Dir einen Schützling suchst. Und über die Bonbonfrage lies mal Charitas Bischoff, das gibt die rechte Perspektive für so was. Wir sind nämlich merkwürdig blind.
d. O.