Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. April 1916 (Leipzig)


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12.IV.16.
Liebe Freundin!
Du warst mal wieder mein guter Engel. Aber so wohl mir Deine Anwesenheit getan hat, so leid tat mir Deine neue Samariterfunktion. Wenn Du einmal schriebst: "Ist denn für mich bloß immer das Schwere da?", so ist das zwar nicht wahr; aber diesmal war es jedenfalls ganz anders als gedacht. Hoffentlich hast Du in Jena Ersatz gehabt!
Ich bin am Montag nur 5 Min. fort gewesen - in meinem Kaffee. Gestern etwas länger; ich wollte m. Sprechstunde halten, zu der niemand kam, und Seminargeschäfte erledigen. Heute will ich ganz zu Hause bleiben. Es fehlt mir eigentlich nichts - weder Schnupfen noch Husten, nur Nervenelend und noch
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| etwas Empfindlichkeit bei Bewegung des rechten Oberkörpers. Heute zum ersten Mal habe ich gemessen, gleich ein paar Mal. Vor Tisch kamen 36,6 heraus. Nach Tisch allerhand, jedoch am häufigsten 37,6. Das scheint mir keine Erheblichkeit. Doch will ich vorsichtig sein, wegen Sonnabend.
Die Arbeit geht recht schwer von statten. Aber ich merke mit Vergnügen, daß selbst in diesen Zustand besseres heraus kommt als bei den übrigen Referenten.
Biermann ist abgereist. R. Schmidt habe ich eine lange Epistel geschrieben mit definitiver Ablehnung: ich will mei' Ruh' haben.
Gerührt hat es mich, daß heute eine Studentin, der ich bei ihrer Dissertation helfe, mir angeboten hat, ihre Butterkarte abzutreten. Sie hat keine Ahnung, daß ich krank war. Ich muß also doch einen
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| sehr bettelhaften Eindruck machen.
Zum langen Schreiben bin ich noch etwas zu zerschlagen. Hier nur die Daten u. Adressen: Wenn planmäßig, so fahre ich Sonnabend 8.45 hier ab und bleibe bis Dienstag früh Ch. 4. Von da an in Neubabelsberg, Bergstr. 3.
Obwohl ich nach Ch. gleich Brief nachgesandt hatte, kam doch in meine Mittagsruhe gleich Telegramm mit Rückantwort. Ich finde, die meisten Liebeserweise erschweren das Dasein. Nur Du verstehst es.
Herzliche Grüße auch an die Tante
stets Dein dankbarer
Eduard.