Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. April 1916 (Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a.
Den 16. April 1916.
Liebe Freundin!
Die Nachrichtensperre ist jetzt aufgehoben. Also ich bin gestern nach mühsamem Packen und Ordnen für schweres Geld um 3 in Berlin, um 3.10 in der Sommerstr. angekommen, wo ein erlauchtes Publikum - unter ihm Kerschensteiner, Sickinger, Stern, Muthesius, Ziehen angstvoll wartete, ob ich kommen würde oder nur die Papiere. Mein Vortrag fand übermäßigen Beifall. Ich leitete die Sitzung bis 5 und blieb bei der allg. Vorstandsitzung bis ½ 8. Dann Auto nach Peststr., 12°R. Zimmerwärme, aber sehr gutes Essen, 38,5 Temperatur, höher als sonst.
Heute war Benary da. Die Sache ist nun raus und ich bin mit ihr innerlich schon fertig: Zunächst allgemeine Abmagerung u. Entkräftung.
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| Dagegen soll vor allem etwas geschehen. Sodann Rippenfellreizung, die anscheinend schon im Abzug. Außerdem, wie es ja naheliegt, Tuberkuloseverdacht. Jedenfalls ist es in ein paar Tagen nicht getan, wollen froh sein, wenn es nicht das ganze Semester kostet. Aber auch das soll mir recht sein. Denn den freien Weg geht man jetzt doch nicht.
Verpflegung hier sehr gut. Ich habe in dem einen Tage mehr u. besser gegessen als in L. die ganze Woche. Paula ist sehr freundlich und liebevoll, weinte aber gleich ein paar Tränchen der Eifersucht, als ich die Möglichkeit Deines Kommens andeutete. Nun - das wäre nicht entscheidend. Aber die Tante ist froh, Dich eben wieder zu haben, und du hast endlich die Arbeit wieder ordentlich aufgenommen. Schon der Gedanke, daß Du jeden Augenblick kämst, wenn ich Dich darum bäte, unterstützt mich augenblicklich. Du hörst jederzeit den Sachverhalt so wahr, wie ich
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| ihn selber weiß.
Die Zustände sind merkwürdig; bald garnicht zu bemerken, bald schmerzhaft bis zum Exzeß beim Aufrichten oder Drehen, bald asthmatisch, bald nervös springend. Jedenfalls eine hübsche Geschichte für Infanterie A. Man sollte garnicht glauben, daß man so einen anständige Krankheit bekommen könnte, ohne Feldprediger zu sein.
Eben jetzt (5 Uhr) erwarte ich Morgner. Kerschensteiner mußte ich gestern in Eilbrief absagen. Er ist ein königlicher Greis, und hat etwas Liebevolles im Sprechen. - Morgner hat s. Bruder verloren; zögert, mir das zu schreiben - aus Rücksicht für mich! Das tut doch wohl! Und mein Stück Butter habe ich in L. trotz Ablehnung doch mit Blumen bekommen. Von Frl. Kiehm nur - Kochrezepte.
In einiger Zeit wirst du wohl so gut sein müssen, mit m. Schreibtischschlüssel Leipzig und
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| Berlin zur Erledigung geschäftlicher Dinge zu erledigen [über der Zeile] bereisen.
Für heute nur diese Tatsachen und viele herzliche Grüße an die Tante und Dich
Dein
Infanterie A.

Herzl. Dank für die "Hilfe", die ich allerdings tags zuvor von Meinecke bekommen hatte.
Morgen gehe ich natürlich nicht zu den Verhandlungen, die ich leiten sollte, wie ich auch heute der großen päd. Tagung ferngeblieben bin.
D.O.
(Dienst-Ohntauglich.)