Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. April 1916 (Charlottenburg)


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Charfreitag, 21.IV.16. früh.
Liebe Freundin!
Es tut mir leid, aber es geht mir wirklich nicht so schlecht wie - Du möchtest. Das Fieber bewegt sich in der untersten Späre (heute früh 36,9, gestern Abend 37,6), der Appetit ist glänzend, Schlaf vorzüglich, Stimmung nicht schlechter als sie 1916 sein muß - kurz, es ist die reine Gefälligkeit, daß ich noch im Bett bleibe. B, der mich mit nichts behandelt, ist gleichfalls sehr zufrieden und – was mir wichtiger ist – vernünftig; meint, daß ich bald aufstehen und dann nach NB könne.
Die Pflege ist vorzüglich, Paula macht ihre Sache I a. Ist es da nun
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| nötig, daß Du die Kosten und Mühen einer Reise auf Dich nimmst, von der wir beide jetzt nicht hätten, was wir später haben könnten? „<Wort unleserlich> als dann der Wolf wirklich kam, glaubte keiner von den Hirten seinem Ruf „der Wolf, der Wolf“, sondern sie ließen ihn im Stich.“ Erlaube mir, in diesem Fall einmal für uns beide Ruhe und Dispositionsgeist genug zu haben. Es ist doch wahrhaftig keine Zeit, in der man die 60-100M, die das kostet, so leicht hingibt. Und die freundlichen Tanten würden in dieser Brot-Fleisch-Milch-Seifen-Kartoffelkartenzeit bei ihrem lieben Besuch wohl auch mit Sorge fragen: ist es denn nötig? Nötig ist es nicht. Ich fühle und erkenne Deine Liebe, die zu jedem Opfer u. jeder Anstrengung bereit ist; aber ich habe auch die Pflicht,
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| Dich vor zwecklosen Anstrengungen zu bewahren.
Wie viel schöne aufheiternde Briefe hättest Du mir statt dieser düsteren (und sachlich nicht ganz zutreffenden) <Wort unleserlich> Betrachtungen schreiben können. Warum soll z. B. die Kammer „schrecklich“ sein? Sie ist voll von Sonne und Luft, still und abgeschlossen wie kein andres Zimmer. Ich habe mit Energie erklärt, daß ich da nicht hinausgehe. Über den Punkt würden wir uns also nichteinigen. Über Trinken, Lesen, Schreiben u. später Rauchen wahrscheinlich auch nicht.
Die Angelegenheiten in Leipzig würden nur bei sehr langer Dauer der Krankheit in Betracht gekommen sein. So genügt es, wenn ich Morgner, der in B. ist,
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| den Schlüssel mit Auftrag schicke. Gestern habe ich mein Urlaubsgesuch eingereicht. Ich dachte für den Mai. B. hat mir noch eine Woche abgeknapst, indem er schrieb, daß zur vollen Wiederherstellung 5 Wochen erforderlich sein würden (~ bis 25.V.)
Die Verhandlungen mit R. werden heute dementiert. Mitkämpfer von Verdun haben auch genau das Gegenteil geschrieben und gesagt. Ich lese die Zeitung mit Skepsis und Hoffnungslosigkeit. Wir gehen ja doch noch am Hunger zugrunde, ehe militärische Entscheidungen kommen. Auch Ludw. klagt über schlechte Ernährung. Ich kann darüber nicht klagen, komme mir aber vor wie einer, der eben auf Kosten andrer lebt.
Also, „liebes Kind“, ich bitte um ruhig Blut und ein paar beruhigende Zeilen. Herzliche Ostergrüße auch an die Tante von Deinem ganz gesunden Eduard.