Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Mai 1916 (Neubabelsberg)


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Neubabelsberg, den 11. Mai 1916.
Liebe Freundin!
Auch heut ist es 10 Uhr geworden, ehe ich die stille Stunde finde, Dir zu schreiben, obwohl ich fast den ganzen Tag allein war und es nur an meiner schlechten Einteilung liegt.
Der Abschied von Dir ist mir um so schwerer geworden, als allerhand Ablenkendes hinzukam. Und wie sollte ich besser in einen Brief fassen können, was sich in lebendige Worte nicht fassen ließ? Deine grenzenlose opferfähige Liebe hat mich in schweren Stunden behütet wie 1910, und es ist wie damals gewesen: nicht die Fülle Deiner täglichen Sorge und Mühe hat die heilende Kraft geübt, sondern vor allem das Tiefere und Unausschöpfliche, was ich dahinter fühle und was mir in allen Zweifeln und Nöten das Bewußtsein einer sicheren Heimat gibt.
Ob es diesmal eine Krankheit war, was
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| mich hilfsbedürftig machte, das ist, wie Du jetzt weißt, sehr zweifelhaft. Meine Seele und meine Überzeugungen sind in Nöten, aus denen ich mir nicht mehr herauszuhelfen vermochte. Hier können nur Seele und Körper sich wechselseitig helfen. Und vielleicht muß das meiste doch das Schicksal tun, indem es den Druck fortnimmt, der das Atmen hindert.
Ich habe Dir gesagt, daß ich es in allen schönen und reichen Verhältnissen, die mir beschieden sind, unsäglich schwer habe. Und es soll wohl so bleiben. Sehr schmerzlich ist, daß zwischen Frau Riehl und Dir über das Verhalten Benarys diese Mißverständnisse entstehen mußten. Alle drei wollt Ihr mein Bestes, und so kommt doch für jeden eine Verstimmung heraus - für Dich, für Frau Riehl und Benary. Sie hat ihm heut geschrieben. Ich kenne den Wortlaut nicht; aber sie verwahrt sich gegen seinen Ausspruch, daß er durch ihren Einfluß zu besonders vorsichtigen Maßregeln bestimmt worden sei. In der Tat
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| würde es ihrer Art nicht entsprechen, "sich hinter den Arzt zu stecken". Es liegt auch garnicht in meiner Absicht, ein Wagnis zu unternehmen, das ich nicht verantworten kann. Es ist nur meine Absicht, den Entschluß bis zu den Zeitpunkt hinauszuschieben, wo die erforderlichen Daten vorliegen, und dann nichts zu tun, was ich nicht auch meinen Pflichten als Beamter gegenüber verantworten kann. Aber Ihr mögt mich tausendmal vor den Folgen des Exsudates behüten - gesund werde ich doch nur unter guten und klaren menschlichen Verhältnissen, und es scheint, als ob da immer neue, immer weniger beherrschbare Schwierigkeiten entstehen sollten. An der Ohnmacht diesen Verwicklungen gegenüber fühle ich allein meine tiefe Erschöpfung.
Überdies ist es nicht das geheimnisvolle Exsudat, was mich quält, sondern - die zu große Dosis Chinin, die Benary mir verordnet hat. Seit gestern Abend habe ich die Vorstufen eines über den ganzen Körper verbreiteten Nesselfiebers. Das Jucken hat mich die ganze Nacht nicht schlafen lassen und wird
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| es heut wieder verhindern. Bei Tage war es zu kalt, um in den Garten zu gehen.
Mit welchem Zug magst Du abfahren? Ich wiederhole meine Bitte, daß Du etwas für Deine Kräftigung tust, auch nicht mit Essen allein, sondern möglichst von der seelischen Seite aus. Ob unser Leben diese Mühe verdient, daran kann man ja zweifeln. Aber wenn es Deine Überzeugung ist, daß wir den Kampf aufnehmen und durchführen sollen, so mußt Du damit beginnen. Denn ich helfe mir diesmal nicht allein heraus; mir muß herausgeholfen werden. Das kannst Du nur, wenn Du auch an Dich denkst. Es wird mir oft problematisch, daß die Leute ringsum von mir eine Vernunft und Selbstbestimmung fordern, die sie für sich selbst nicht üben.
Grüße die liebe Tante sehr herzlich von mir.
Ich kann heut Abend nicht mehr schreiben. Der Tag hat mich besonders erschöpft, und ich bin den Eindrücken gegenüber noch zu wehrlos.
Meine Liebe begleitet Dich auf allen Deinen Wegen. Kehre glücklich heim und fühle die tiefe Dankbarkeit
Deines
Eduard.