Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Mai 1916 (Neubabelsberg, Klösterli)


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Klösterli, den 15. Mai 1916.
Liebste Freundin!
Heut bin ich 8 Tage hier. Die Zeit eilt, und je weniger man zu tun hat, umso weniger geschieht. Und Du bist nun wieder in Cassel, in der Tätigkeit, nach anstrengender Doppeltätigkeit in Berlin. Meine Gedanken sind täglich in tiefster Dankbarkeit bei Dir. Versäume ja nicht, der lieben Tante ebenfalls in meinem Namen für alle Fürsorge zu danken, die sie mir erwiesen hat. Hoffentlich hast Du sie und den Onkel gesund angetroffen.
Das Nesselfieber, das ich auf das Chinin zurückführe, hat etwa 3 Tage gedauert. Es ist vorbei. Ich kann täglich in den Garten, auch nach Glienicke zu. Wir lesen zusammen und unterhalten uns. Es kommt eine ungeheure Post, auch Kalchas hat dauernd zu tun. Zur eigenen Lektüre komme ich wenig, nur Staatsarbeiten habe ich bisher gelesen.
Ja, wenn ich mich frage, was mir fehlt, so muß ich bekennen: ich empfinde nichts Störendes,
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| auch kaum noch ein Hindernis beim Atmen. Aber es ist eine allgemeine Unlebendigkeit da - dieser Ausdruck allein trifft das Rechte - und zwar mehr auf geistigem Gebiet als körperlich. Ob das noch Nachwirkung ist, zweifle ich manchmal. Es scheint mir vielmehr die Außerbetriebsetzung meiner Energie zu sein. Ich habe mich passiv in den Gedanken hineinstimmen lassen, daß es mit dem Semester doch nichts wird. Nun sehe ich Ferien bis November vor mir - ein Ödland schlimmster Art. Es ist eine Feder in mir ausgeschaltet: der eigne starke Wille.
Ich habe daran gedacht, die Gedanken, von denen ich Dir sprach, hier auszuarbeiten, um die Zeit produktiv zu verwerten. Aber dazu fehlen Bücher. Und es würde dazu ungefähr das 3-4 fache an Frische und Energie gehören, das ich für die 2 Übungen brauche, zu denen übrigens täglich noch Anmeldungen eingehen.
Was wird, kann ich nicht sagen. Frau Rohn hat mir geschrieben, sie sei freundschaftlich für das Auskurieren, ihr Mann billige meinen Plan mit Strümpell vom Amtsstandpunkt aus völlig. Sie meint, daß St. für die Konsultation nichts nehmen würde. (Übrigens muß Rohn wegen Herzschwäche selbst Urlaub
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| nehmen). Susanne Conrad*)[Fuß] *)Ihr Vater scheint auf der Rückreise zu sein. aber meint - u. sie hat recht - der St. sei ein so gutmütiger Esel, daß er einem jede Auskunft gebe, die man lebhaft wünsche. Nun, spätestens am Montag muß ich mindestens Benary sprechen.
Den Brief von Frau Riehl an Dich habe ich gelesen. Wenn Du noch nicht geantwortest hast, dann bitte ich Dich, Deine Antwort ganz so aus der Wahrheit Deiner Natur heraus zu schreiben, wie sie aus der ihrigen. Rücksicht auf mich ist da nicht angebracht.
Die Nachrichten von meinem Vater lauten weiter gut. Ich habe gestern 3 schwere Briefe geschrieben: an Goedecke wegen der Liquidation, an Schmidt wegen des Ministerialauftrages, und an Geheimrat Lange - Dresden, (der mir freundschaftlich geschrieben hatte,) im Hinblick auf die drohende Urlaubsverlängerung. Die Zeichen des Gedenkens aus Leipzig mehren sich, nur nicht aus den Ordinarienkreisen - also dem eigentlichen Kollegenkreis. Mit Volkelt ist der Friede hergestellt. Herre schickt mir ein neues kleines Buch, das Riehl verschlingt.
In der Voss. Zeitung steht heut etwas von dem päd. Ordinariat in Frkft. Es ist seit langem ausge
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|macht, daß Ziehen es bekommen soll, was mich freuen würde. Die Fakultät muß aber 3 Vorschläge machen. Sie wird dabei mich mit auf die Liste setzen müssen, vielleicht sogar nicht an letzter Stelle. Fakultäten sind nicht immer Freunde von "ausgemachten" Dingen. Hat Anna Weise Beziehungen zur phil. Fakultät in Frankfurt, so daß man meine letzte Schrift unauffällig in die Hände eines Ordinarius spielen könnte? Es genügt schon, wenn sie überhaupt in Frankfurt bekannt wird.
Ich habe auf dem Weg von 3 Schritten zum Briefkasten eine Entdeckung gemacht. An einem Gartenzaun vor einem auffällig alten Hause unterhalb Klösterli steht ganz verwittert und verwaschen "Türkshof". Als ich das bemerkte, sah ich sofort 1000 Bilder. Dort hat der Herr v. Türk gewohnt, ein persönlicher Schüler Pestalozzis, der das Potsdamer Seminar gegründet und noch bis zur Säkularfeier von 1847 eine Rolle gespielt hat.
Wir haben die Brüder Karamasoff angefangen zu lesen, aber abgebrochen wegen gewagter Situationen. Gestern u. vorgestern hat Fr. Riehl "Klein Egolf" vorgelesen, mit der tiefen Wirkung, die von Ibsen immer ausgeht. Sonst esse und schlafe ich so viel, daß ich abgesehen v. einigen Briefen keine geistige Existenz führe. - Der Famulus Richter ist vorläufig noch geblieben. Götz entwickelt sich sehr zu meinem Widersacher: er hat Kerschensteiner zu 3 Vorträgen aufgefordert. Was kümmert ihn mein Gebiet? Nun ist kein <li.Rand> Platz mehr für dies Geplauder. Nur noch zu einem herzlichen Gruß in Liebe, Treue, Dankbarkeit Dein Eduard.
[Kopf] Dank für das <[unter der Zeile] den?> Puder, das <[unter der Zeile] der?> gerade zur rechten Zeit kam!!!