Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Mai 1916 (Neubabelsberg)


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Neubabelsberg, den 20. Mai 1916.
Meine innig geliebte Freundin!
Es ist ein strahlend sonniger Morgen, dessen erster Inhalt dieser Brief an Dich sein soll. Dein voriger kam gerade, als ich in den Babelsberger Park ging, und ich habe in der wundervollen Abendsonne, die über den Havelseen, den fernen Wäldern und der Stadt lag, Dein liebevolles Gedenken tief und ganz empfunden. Eben kam die Sendung mit den Taschentüchern, die einstweilen überflüssig ist, weil ich keinen Schnupfen habe. Aber was Du schreibst, und die Beilagen haben mich sehr erfreut.
Obwohl ich eigentlich hier sehr still lebe - gestern war ich zum 1. Mal für verschiedene Besorgungen in Potsdam - ereignet sich doch so viel, daß ich ungeheuer viel zu berichten habe. Um aber mit der Gesamtsituation
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| zu beginnen, so leidet die Schönheit der Tage hier unter der Unklarheit der unmittelbaren Zukunft. Denn wenn "Ihr Mediziner" auch tausendmal recht haben mögt mit Eurem Exsudat, so ist es doch wohl psychologisch verständlich, daß der Patient, der gar keine Beschwerden mehr fühlt, nicht einsieht, warum er noch so vorsichtig behandelt werden muß. Du hast mich mißverstanden: nicht grenzenlose Erschöpfung habe ich geschrieben, sondern Unlebendigkeit, und das ist ein Zustand, der mit dem Auftreten bestimmter Aufgaben verschwindet. Ich bin ja auch hier schon tätig: 5 Staatsarbeiten - alle für die diesmalige pädagogische Session - habe ich gestern erledigt abgesandt. Ich habe mancherlei gelesen und gedacht - nur einen langen Faden kann ich nicht spinnen, weil ich nicht weiß, wie lange es noch dauert. Das wirst Du verstehen: Aus dem Dienst bleibt man willig nur, wenn man wirklich dringenden Anlaß dazu hat. Dies
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| verzögert meine Gesundung: die Aussicht auf Freilassung für den Dienst habe ich nicht; also lebe ich mich in den andren Zustand ein, daß es nämlich höchst berechtigt sei, Urlaub zu nehmen, weil ich eigentlich noch recht krank sei u.s.w. Du mußt fühlen, wie dieser Zustand in mir motiviert ist.
Benary hat auf meine Bitte gestattet, daß ich zu ihm fahre. Dafür ist Montag in Aussicht genommen. Hoffentlich ist das Wetter nicht schlecht. Denn ich muß dann sofort nach Dresden schreiben und in Leipzig die nötigen Bekanntmachungen erlassen. Die Zahl der Anmeldungen wächst noch täglich. Von der Äußerung Benarys hängt doch alles ab. Ich bin eigentlich der Ansicht, daß er keinen Grund haben wird, mir die teilweise Aufnahme meiner Tätigkeit nach Pfingsten, d. h. um den 19.-21. Juni, zu versagen. Dann würde Freudenstadt erst für den August in Frage kommen
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| mit all den Vorbehalten, die man jetzt auf eine so lange Frist hinaus machen muß. Die Frage "Stolpe", in der ich den Anklägern recht gebe, würde dann also vorher zu lösen sein. Andernfalls käme Freudenstadt so um den 10. Juni herum in Frage; doch müßten wir sehen, die eigentlichen Pfingsttage zur Reise zu vermeiden. Ich denke, Du kannst Deine Antwort an Frau H. bis nächste Woche verschieben; denn die Gesuche nach L. u. Dresden sind eiliger; und dann läßt sich bestimmter disponieren als heut, wo ich garnichts weiß.
Von Leipzig kommen unzählige Briefe. Die Sympathiekundgebungen, selbst in Blumen und Butter, dauern fort. Ich habe doch viel Wärme bei den Menschen gefunden. Allerdings kam auch eine schäbige, feindselige Recension aus der Leipziger Lehrerzeitung (gleichzeitig mit einer wohlwollenden und halb verstehenden im "Reichsboten") Also ganz links und ganz rechts. Und es kommt
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| vieles, was sich von hier aus schwer dirigieren läßt. [über der Zeile] Famulus wird erst 2.VII. eingezogen! Dahin gehört z. B. die Frage der Seminarverlegung, die ich nach Plänen mühsam entscheiden muß, und vieles in der Einzelleitung des Seminars, was meine Tätigkeit wirklich belastet, während es sich in L. im Vorübergehen macht. - Ferner hat mir frl. Stolpe - natürlich mit 20 Pf. Strafporto - meinen Steuerzettel nachgeschickt. Die Veranlagung greift um 6 Klassen höher als ich angegeben habe. Selbst wenn ich bei mir einen Rechtsirrtum annehme, beträgt das zuviel Erhobene immer noch 316 M. Ich muß also reklamieren. Die Unterlagen dafür liegen fein sauber beisammen. Aber ich kann nicht heran. Nur wenigen würde ich den Schlüssel zu dem Kasten geben, da dort meine privatesten Sachen liegen. Morgner ist Montag noch in Leipzig. Vielleicht kann er es noch machen? Wenn nicht, dann müßte ich Dich bitten, innerhalb der nächsten 14 Tage - vielleicht mit Nachtquartier in Halle - einmal nach L. zu fahren und diese Ange
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|legenheit zusammen mit all dem andern zu regulieren, was erledigt werden muß. Bemerken möchte ich nur schon heut, daß zu dieser Mission Kritik oder gar Kündigung bei Stolpes nicht gehören würde; denn ich möchte nicht, daß Du allgemein für mich die Rolle des Tadlers übernimmst. Hierüber wie überhaupt müßtest Du Dich ganz schweigsam verhalten.
Die Zeitungen berichten, daß Herr Götz Vorsitzender geworden ist und daß Gertrud [über der Zeile] Ostern 1917 in Hamburg beginnt. Zwei Direktorinnen: Baum und Bäumer, das ist doch komisch. - Mit Volkelt ist das Verhältnis wieder gut. Bergmann hat beim freiw. Fliegen wieder einen Rückfall seiner Netzhautablösung bekommen. Er ist sehr dumm. Denn ohne seinen fanatischen Ehrgeiz könnte er jetzt meine ganze Vertretung haben.
Die Nachrichten aus Ch. lauten gut. Liquidation noch nicht eingegangen.
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Das mit Tiemann würde doch an Kneiferei grenzen. Ein sächsischer Universitätsarzt - das hat innre Berechtigung. Wenn man mir doch nur den einen Tag in L. gestattete, ich würde so ungeheuer viel Mühe und Aufregung sparen.
Deine Erörterungen mit Frau Riehl entspringen aus dem wärmsten Interesse für mich. Ihr habt ja beide so recht. Aber in meiner Haut (auch seelisch genommen) sitze doch nur ich. Ich kann keine Grüße bestellen, da ich sie vor Absendung dieses Briefes nicht spreche und Deine noch nicht bestellt habe.
Löwenthal ist garnisondienstfähig. Heute kommt Scholz mit Braut. Meinecke, ev. Troeltsch stehen bevor. Ich bin am liebsten allein. Eben lese ich Kjelléns neues Buch; meisterhaft! geradezu ästhetisch schön!
Deine Tätigkeit am Rosenblatt (wir haben hier ganze Hecken) würde durch die Fahrt nach L
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| nur 1 Tag unterbrochen werden.
Wahrscheinlich habe ich doch allerlei vergessen, was ich schreiben wollten. So z. B., was eigentlich mich tief erfreut hat, daß der Vater v. Susanne Conrad wieder in Deutschland ist; und ebenso dies, daß in L. erhebliche Unruhen waren, von denen nichts in die Zeitung gekommen ist; aber 3 Bataillone sollen eingegriffen haben. Alle Leipziger schreiben, die Gesamtlage sei unerträglich. (Gretchen Stolpe: das Leben nicht mehr wert, gelebt zu werden.) Wie lange noch? Immer Erfolge, und keine Ende. Der Ministerialdirektor Schmidt hat auf m. Nachricht ganz freundlich geschrieben. Der Geheimrat Lange aus Dresden - doch das schrieb ich schon.
Nun ist es wohl wirklich alles bis auf herzlichste Grüße an die Tante und Dich. Die Beilagen füge ich das nächste Mal wieder bei, wenn ich Dir eine Kollektion meiner Briefe schicke. Heute eilt es, damit Dich meine innigen Sonntagsgedanken morgen früh erreichen.
In herzlicher Liebe Dein Eduard.