Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1916 (Neubabelsberg)


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Neubabelsberg, 24. Mai 1916.
Liebe Freundin!
Was ich Dir am Montag schrieb, das ist nun ausgemachte Sache, wenn nicht etwa das Ministerium antwortet: Bitte bemühen Sie sich nicht, wir beurlauben Sie bis Anfang des W.S. Und es entspricht auch allein dem Tatbestand: wenn kein Rückfall eintritt, so muß ich in 3 Wochen sogar zu schwererem Dienst fähig sein, als es geplant ist. Frau Riehl billigt diese Wendung auch.
Sie hat nur zwei schwierige Punkte: Den Kostenpunkt und die Frage der Sommerwohnung bei Leipzig. Am liebsten wäre mir, ganz deutlich gesprochen, wenn Du mir da suchen helfen könntest. Aber da kommt dann der erste Punkt: 3 Wohnungen von Mitte Juni bis Anfang September - das ist eine Ausgabe, die alle anderen Ausgaben möglichst zu beschränken nötigt, zu mal ich im S.S. ja gar kein Kolleghonorar, nur Unkosten haben werde. Von der Reise nach L. wegen der Steuersachen kann ich Dich Gott sei Dank schon
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| heut entlasten. Freund Morgner hat alles mit gewohnter Treue und Pünktlichkeit besorgt. Ich habe heute gleich die Reklamation entworfen und beim Addieren gesehen - - daß alles stimmt, und daß ich mich selbst der Stufe falsch erinnert habe. D. h. ich habe wirklich 2 x 930 M Steuern (= mehr als 10% meines Einkommens) im Sommer zu bezahlen. Morgner, der am Freitag ins Feld muß, läßt Dich herzlich grüßen. Der Abschied wird uns beiden wieder sehr schwer.
Es wird jetzt viel vom Frieden geredet. Hoffentlich geht es in Italien so weiter. Riehl ist ganz außer sich vor tirolischer Freude. Es gibt täglich zu allen andern Herrlichkeiten noch Leckereien, die er in seinem Glück aus Potsdam heranholt.
Meine Spaziergänge werden auch täglich weiter. Aber in den Arbeiten komme ich über die Korrespondenz und ein bißchen lesen nicht hinaus, die alte Erfahrung - es geht nicht mit Halbdampf.
Ob wir nun für August schon mit Heinzel
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|manns
abmachen können? Mein Entschluß steht ja ziemlich fest; denn es soll keine Erholu Vergnügungsreise sein, und nur dort vermeiden wir die Ärgernisse des Suchens und Probierens, die sich überall sonst ergeben. Aber in dieser Zeit 2 Monate voraus fest kontrahieren ist auch nicht gut möglich. Was meinst Du dazu?
Seit ich hier bin, ist nun zum dritten Mal die geheimnisvolle Rosensendung gekommen. Die Briefe, die ich Dir gern mitsenden möchte, kommen auch heut noch nicht, weil ich kein großes Couvert mehr habe. Sie sind für die Versendung der Broschüre draufgegangen, über die ich bisher noch kein vernünftiges Wort gehört habe.
Falls Du davon Gebrauch machen willst, teile ich mit, daß Frau Biermann am 30. Geburtstag hat. Erinnere Du mich dafür noch einmal an den 3. Juni.
Das Wetter ist in den letzten Tagen wechselnd. Heute ist philosophischer Abend mit Scholz (und Braut), Lindau, Hofmann (u. Frau.) Frau
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| Riehl
geht es garnicht besonders. Leider hat sie für sich selbst nicht soviel Sorgfalt wie für andere.
Sehr gern würde ich noch nach Cassel kommen, ehe ich nach Grimma gehe. Aber bei der Kürze der Zeit würde es eher anstrengend wirken, und Vernunft soll ja meine höchste Göttin sein. So verschiebe ich denn meine Wünsche bis in den August und bleibe hier etwa bis zum 15. Die Wohnung hilft mir vielleicht die weibliche Trabantenschaft in L. oder ein Freund besorgen, oder ich annonciere im Grimmaer Blättchen. Denn ich habe mich in den Gedanken Grimma nun einmal eingelebt und glaube kaum, daß ein andrer Ort für mich gleich geeignet wäre. Die Preise werden ungeheuer sein. Hier im Waldfrieden (Kutscherkneipe) "steht an": "Pension von 7,50 M an".
Das ist nun wieder ein reiner Geschäftsbrief geworden. Aber ich wiederhole: wenn ich den Tag nicht mit voller Energie anfasse, schaffe ich kaum das Nötigste. Abends lesen wir Plato. Das ist immer feierlich. Wir müssen es im August auch.
Der Tante einen herzlichen Gruß. Ich denke Dein in tiefster Liebe Dein
Eduard.

[li. Rand] Natorp (!) macht mein Referat für den Deutschen Ausschuß fertig!?!