Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Mai 1916 (Neubabelsberg)


[1]
|
Neubabelsberg, den 31. Mai 1916.
Liebe Freundin!
Dieser Brief hat sich wider meinen Willen etwas verzögert; aus zwei Gründen; mit dem angenehmeren will ich beginnen.
Gestern war Kerschensteiner bei uns. Er hatte schon in Leipzig zu Frl. Kiehm gesagt, daß er mich besuchen wolle. Montag telephonierte Frau Riehl ihn an, und er war sofort für Dienstag entschieden. Vater Riehl holte ihn von der Bahn, wir tranken zusammen Tee und, dann gingen er und ich 2 Stunden allein im Babelsberger Park, bei herrlicher Sonne an der blauen Havel, spazieren. Wir haben über alles mögliche gesprochen, als ob wir uns schon lange kennten. Meine große Meinung von ihm hat sich bestätigt, ebenso die, daß er ein herrlicher, warm emfpindender Mensch ist. - Nach dem Abendbrot blieb er noch bis 10 und sagte zum Schluß: ob er
[2]
| schon in den nächsten 8 Tagen wiederkommen könne, sei ungewiß. Riehls hatten große Freude an ihm; wir waren fast lustig, trotz Krieg und allem.
Ende voriger Woche kam in meinem Befinden ein merkwürdiger Rückgang. Sonnabend nachm. ging ich nach Nikolskoe; ich war den Abend dann ganz allein im Hause, bei dem schweren Gewitter. Es war herrlich draußen; aber ich fühlte mich fiebrig. Sonntag habe ich den halben Tag in Bett gelegen. Montag waren noch Nervenschmerzen da; seit heute fühle ich mich normal. Was eigentlich vorlag, werde ich erst später beurteilen können. Ich habe bei dieser Gelegenheit meinen Brustkasten betrachtet und verstehe, daß B. bei seinem Anblick neulich sehr liebenswürdig sagte: "Kläglich."
Nun, solche nervösen Attacken und Unterbrechungen im sonst guten Fortschritt sind ja wohl unausbleiblich. Mein Appetit ist immer gut. Meine geistige Leistung noch ziemlich schwach. Heute soll ich beim phil. Abend den Vortrag halten;
[3]
| wollen sehen, wie es geht.
Es gibt viele Neuigkeiten. Die Stelle von Elster im Kultusministerium ist besetzt, mit dem 40. jähr. Prof. der oriental. Philologie Becker in Bonn. Also erledigt. Ebenso wie Hochsch. f. F., obwohl Kerschensteiner sagte, Götz hoffe auch noch auf mein Einlenken. Ich habe aber eine Schützengrabenlinie gegen ihn gebaut.
Bücher, "der Biecher", legt seine Professur Michaelis nieder. Manche wollten mich durchaus in die Kommission haben. Die Frage hat [über der Zeile] für mich großes Interesse. Aber natürlich habe ich a limine ablehnen müssen. Aus Anlaß der Sitzung haben sich nun auch ein paar Kollegen um mich gekümmert.
Das Minsterium hat heute seinen Konsens zu meinem Plan gegeben, u. nur betont, daß ich zu dauerndem Wohnsitz außerhalb L.s der Genehmigung bedürfte. Der Minister fügte ein persönliches Schreiben bei, worin er sich für die schwarz-weiß-rote Broschüre bedankt (ich habe sie ihm nicht geschickt) und mir gute Besserung wünscht. Übrigens hat Kerschensteiner sie auch noch nicht gesehen. Er will aber meinen großen Humboldt mit einer persönl. Dedikation haben.
[4]
| Ehrenvoll u. billig. Seine Freundin, Baronin v. Kalk? schwärmt für das Buch; er las mir eine Stelle aus ihrem Brief vor.
Nun zum Schluß die Hauptsache: Daß Du mir in Grimma helfen willst, ist mir sehr, sehr lieb. Ob es nicht so am besten wäre, daß wir zu gleicher Zeit dort einträfen u. zusammen entschieden? Ich warte zunächst ab, ob meine Gönnerinnen etwas ausspüren. Andernfalls will ich um den 10. Juni herum inserieren oder eine andere Form der Erkundigung wählen. Reisen müßte ich von hier spätestens am 17. Eine Nacht in Leipzig. Von dort aus am 18. Wahl, am 19. Einzug. Denn am 21. beginnt mein Dienst.
Zu der Ankunft einer kleinen Hadlich, für die ich einen schönen Namen wüßte, habe ich mich gefreut, und Du gewiß auch unendlich. Man denkt jetzt doppelt an die, die nach uns leben werden.
Außer Deinen Briefen suche ich Dir allerhand zusammen, was Dich interessieren könnte. Aber es fehlt manches, weil ich es noch brauche. Morgner geht zu seiner alten Division.*) [li. Rand] *) Genaue Adresse noch nicht bekannt. Ludwig, dessen Frau in der Pestalozzistr. war, ist im Osten, wie ich aus dem Brief eines m. Schüler feststellen kann, der beim gleichen Armeekorps steht. In der Deutsch. Lit. Zeit. ist m. Berliner Vortrag recht negativ von Hermann Reich besprochen. Ich hebe das <Kopf> Blatt für Dich auf. Papier alle. Stoff noch lange nicht. Innigen Dank für <li. Rand> Deinen lieben Brief u. viele Grüße v. uns allen an Dich, auch der l. Tante herzl. Gr. <re. Rand> Nähere Verabredung so bald wie möglich Dein Eduard.