Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Juni 1916 (Neubabelsberg)


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Neubabelsberg, den 10. Juni 1916.
Liebe Freundin!
Dies soll ein Pfingstbrief werden. Erwarte aber deshalb nichts von "Geist". Vielmehr will ich gleich mit dem Praktischen anfangen, da es darüber zu einer Verständigung zwischen uns kommen muß.
Deine liebe ausführliche Moralpredigt war mir ein ästhetischer Genuß. Besonders im letzten Teile sah ich noch so viele moralische Vollkommenheiten, die ich erreichen kann, im Geiste vor mir, daß ich ganz berauscht war. In Wahrheit ist das Leben ja wohl weit mehr Abwicklung, als solche methodische Erhebung. Es ist auch für Selbstregulierung gesorgt, wenn Moral nichts nützen sollte. So in meinem Fall: So schön und lieb sonst alles ist - meine Gesundheit macht keine Fortschritte, sondern bleibt in einem eigentümlichen Schwanken. Morgens immer fieberfrei, Abends zwischen 37,3 und 37,7
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| wechselnde Beschwerden beim Atmen und Unfähigkeit, die anfangs mühelos gemachten Wege zu bewältigen. Kurz - in diesem Zustand allein liegt ja schon die Entscheidung.
Strümpell hat nun s. Antwort leider so verzögert, daß ich diese Woche nicht mehr zur Untersuchung fahren konnte. Er schrieb dann, er sei gern bereit. …. „Übrigens kann ich Ihnen schon jetzt sagen, daß ich Ihnen unbedingt rate, für das ganze laufende S.S. Urlaub zu nehmen. Eine derartige Rippenfellentzündung, wie Sie sie durchgemacht haben, ist stets auf Tuberkulose verdächtig, und da ist eine völlige u. dauernde Heilung nur dann sicher zu erwarten, wenn der erste Anfall gleich richtig und vollständig auskuriert wird. Also - unbedingt Urlaub bis Ende Juli bz. Ende Oktober u. möglichst bald Aufenthalt in einem geeigneten Kurort.“ etc.
Die Untersuchung kann frühestens Freitag Nachm. sein. Ich denke Donnerstag hinzufahren u. Sonnabend noch einmal hierher zurückzukehren. Die fatale Unbestimmtheit liegt immer noch darin, ob St. Freudenstadt für geeignet halten wird. Ich weiß nicht,
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| ob Frau H. noch frei hat; wir können sie nicht binden. Ist Freudenstadt zulässig, so wäre die Sache ja in 1 Tage telegraphisch gemacht und wir könnten etwa am 20. u. 21. reisen. Wie aber, wenn es heißt Badenweiler, Reichenhall u. so? Ich fürchte, daß Du dann die Mühe auf Dich nehmen müßtest, als Quartiermacher voranzureisen. Oder - wenn ich bis dahin weniger Fieber habe, - wir reisen bis zur größeren Stadt vorher zusammen, u. von da aus machst Du die Expedition?
Meine Vorbereitungen denke ich mir so, daß ich in L. meinen alten Koffer so weit fertig mache, daß nur noch ein paar Nachträge durch Stolpes (bei denen ich um solcher Liebenswürdigkeiten willen nicht kündige) hineinkommen. Dieser wird dann per Fracht nachgesandt. Das Nötige für die erste Woche transportiere ich über Neubabelsberg. Waschen lasse ich in Charlottenburg, damit auch dies nachgesandt werden kann.
Bitte überlege dies alles u. sage mir Deine Ansicht möglichst bald.
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Habe ich neulich mitgeteilt, daß der Posten von Elster besetzt ist? - Gestern bin ich zu einem 2. Gutachten v. Trott zu Solz aufgefordert worden über die preuß. Prüf. O. für höhere Lehrer, in deren 2. Fassung § 25 wörtlich von mir stammt.
Mit dem Kollegen Götz, der mir sehr liebenswürdig geschrieben hat, habe ich eine sehr ehrliche Auseinandersetzung begonnen. Vielleicht nicht klug. Er soll aber merken, daß seine Methode, mit allen Freund zu sein, auf mich nicht paßt.
Beförderung u. Ernennung: Nieschling Eis. Kreuz I. Oesterreich, Professor.
Die L.N.N. haben jetzt die Nachricht v. m. Erkrankung gebracht. Das erste, was darauf hin kam, war ein medizinisches Buch zur Selbstbehandlung. Jetzt schreiben alle möglichen Leute. Meine ganze Arbeit am Tage besteht in Erledigung der Korrespondenz. Das muß ja anders werden. Sonst werde ich gesund, aber versumpfe und verstumpfe.
Ich wünsche der lieben Tante und Dir gute Pfingsttage. In ungeduldiger Erwartung Deiner "Meinungsäußerung" grüße ich Dich herzlichst
in Liebe und Vorfreude Dein Eduard.

[li. Rand] Robert Petsch hat mir sehr herzlich geschrieben. Er ist bei Kriegsausbr. aus Engl. geflohen