Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juni 1916 (Leipzig, Grassistr. 14)


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Grassistr. 14, den 16. Juni 1916.
Liebe Freundin!
Hier das Ergebnis der Konsultation: zunächst eine so väterliche und eingehende Wärme von Seiten Sr. M., daß das allein schon als Behandlung wirkte. Er nahm den Fall zunächst in der Besprechung recht ernst; dann bei der Untersuchung etwas günstiger. Aber er sagte: es ist nicht sicher daß Sie im W. S. lesen können. Befund: Einige Stellen zeigen noch Senkung, abgesehen von den Narben (Schwarten.) Fieber beweist, daß auch noch frisch tätiger Prozeß da sein muß. Ätiologie: Ursache höchst wahrscheinlich tuberkulös. Bronchie vielleicht infiziert, die dann durchgebrochen und die Pleuritis verursacht. Lungenspitzen gut.
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| Anlage des Brustkastens günstig. Behandlung: Es kommt mehr auf das Wie als auf das Wo an. Lungensanatorium nicht notwendig, Sanatorium empfehlenswert. Hier machte ich nun meine Abneigung geltend, die er anerkannte. Ich schlug Freudenstadt vor und schilderte unsern Plan. Die Hauptsache war ihm der Balkon nach Süden oder Westen mit Liegegelegenheit. Ich beschwöre Dich, die Veranda bei Heinzelmanns als solchen gelten zu lassen; man kann ja alle Fenster herausnehmen. Nur wenn Du den Balkon so schilderst, daß er zur Liegekur geeignet ist, wird etwas aus unserm Plan. Und das ist für mich die halbe Frage der Genesung. Er wünscht aber dringend, Dich zu sprechen und Dir genaue Maßregeln zu geben. Ob Du Einfluß auf mich hättest? Ich: einen dämonischen, zumal wenn Mag. dahinterstecke. Ich habe ihm heilig versprechen
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| müssen, alles zu befolgen; auch dort einen Arzt zu nehmen.
Die praktische Folge ist also zunächst die, daß ich Dich bitten muß, doch noch nach Leipzig zu fahren. Montag oder Dienstag Sprechstunde 4-5 würde ich vorschlagen. Er ist zwar bereit, Dich auch außerhalb der Sp. zu empfangen; aber das ist vielleicht unbescheiden. Es ist Beethovenstr. 33, das nächste Haus von Rohns. Bei R.s bist Du angemeldet, wenn Du Zeit hast. Bei Biermanns nur, wenn Du Lust hast. An Frau H. telegraphiere ich nicht. Du kannst es aber sogleich tun, wenn Du nach dem Gesagten gewillt bist, auch Deinerseits St. gegenüber Freudenstadt als geeignet hinzustellen.
Hier darf ich nichts erledigen. Nicht einmal mein Seminar besuchen. Liegen 6-7 Stunden ist Parole. Ich fahre also morgen um 12, spätestens um 5 wieder
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| nach Neubabelsberg. Die Einzelheiten der Fahrt, die erst stattfinden kann, wenn wärmer, überlegen wir dann noch. Am liebsten wäre mir Station in Cassel und Vermeidung eines Hôtelaufenthaltes.
Ich bekomme ein Attest meiner völligen Militäruntauglichkeit, damit ich keine Scherereien habe. Wenn Befund im September nicht besser - Arosa.
Wenn Du 2 Nachtaufenthalte vermeiden willst, ist möglich:
    Ab Cassel 6.30 - früh Eilzug über SemperhausenHalle. [unter der Zeile] (oder 11 Uhr 2 bis 4.31 letzterer etwas knapp.)
    An Leipzig 11.50.
Rückwärts bleibst Du vielleicht 1 Nacht in Halle.
Ich schreibe bald mehr. Deinen lieben Brief heut früh erhalten, kann aber auf Einzelheiten nicht eingehen, weil ich sorgen muß, daß dieser Brief rechtzeitig fortkommt.
Innigsten Dank für Deine Reise im voraus. Und tausend Grüße.
Dein
Eduard.