Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Oktober 1916 (Partenkirchen, Pension Witting


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Partenkirchen, Oberbayern, Pension Witting
den 18. Oktober 1916 Abends 4 Uhr.
Mein liebes Kind!
Ich habe mich entschlossen, "bis auf weiteres" hier zu bleiben. Aber der Entschluß ist mir nicht leicht geworden, und das sog. "allen Ansprüchen genügende“ Logis habe ich nicht gefunden. Von 10 bis um 3 habe ich alle fraglichen Gegenden noch einmal visitiert und über Mittag alles gründlich überlegt. Hätte ich nur auf Lage und Zimmer zu achten, so wäre es sicher beim Parkhôtel geblieben. Aber das Essen ist ja fast noch wichtiger. Und da P. Witting in dieser Hinsicht allgemein gelobt wird, so habe ich wesentlich auf diesen von mir noch unerprobten Faktor hin gewählt.
Weshalb ich die andern nicht wählen konnte, will ich nicht weiter auseinandersetzen, sondern schildern, wie ich jetzt wohne. Das Zimmer ist etwas klein, nicht viel größer als das bei Wigger, aber 1) nicht von einer Seite verbaut 2) etwas heller. [über der Zeile] 3) 11 M statt 18 ½ M. Die Aussicht und Sonnenlage ist gleich schön, ich sehe über ganz Partenkirchen und Garmisch, habe vor mir
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| den "<Wort unleserlich>", die Alpspitze und das Tal, wo wir s. Z. stecken blieben. Heute Vorm. schien etwas die Sonne; bei meinen Einzug regnet es schon wieder.
Das Zimmer von der Doppeltür bis zur Balkontür ist ca. 22 mal so lang wie dieses Blatt hoch (bitte mir in cm mitzuteilen); die Breite ist 15 mal so groß. Die Einrichtung nach den Abänderungen, die ich sogleich treffen ließ, ist nun folgende (wie Du siehst primitiv):
<Zeichnung zentriert: Grundriss des Zimmers mit eingezeichneten und bezifferten, im Folgenden aufgezählten, Möbeln.>
a) doppelteilige Balkontür
b) schiefer Eckschrank mit Glastür.
c) Tisch.
d) Handtuchständer l) Kofferständer.
e) Waschtoilette m) 2 Stühle.
f) Centralheizung n) Liegestuhl.
g) Eingangstür.o) Tisch.
h) Nachttisch.
i) Bett
k) Chaiselonguel
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Leider haben all diese Gegenstände einen Mangel. Die Balkontür hat auf jeder Seite 3 so starke Holzrippen, daß das Licht versperrt wird. Der Eckschrank ist ganz dumm, das oberste Brett zu hoch, das untere zu tief. Der Tisch ist zu klein, der Waschtisch für eine Familie. Die elektr. Stehlampe auf dem Nachttisch hat eine zu kurze Anschlußleine und gibt nicht viel her. Die Bettstelle ist eisern und erweckt Klösterliahnungen. Die Chaiselongue ist zu kurz.
Vorzüge sollen nicht verschwiegen werden: Der Balkon ist groß und schön, das Haus sauber und bis jetzt still; Die Lage zur Stadt bequem: die Kirche, also das Centrum liegt unmittelbar vor mir - 3 Minuten zu Fuß.
Weiteres muß abgewartet werden, z. B. auch die Ankunft der Frau Witting, die noch verreist ist. Ein Eckzimmer (mit 2 Betten) hätte 18 M gekostet. Das ist Sanatoriumspreis. Im Haus am Ried nur 13 M, aber da hatte ich Angst wegen der Verpflegung.
Die Arztfrage ist noch ungelöst. Du weißt ja, daß ich erst einmal Ruhe suche. Ich will es mindestens 3 Wochen hier versuchen. Vielleicht lebt man sich ein. Hier ist jedenfalls
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| nichts anderes. Ich habe mit aller Sorgfalt gesucht. Der Krieg macht manches Haus unbrauchbar, das sonst sehr schön wäre.
Es ist sichtbar viel Zeit verloren. Bis auf die mittleren Lagen, die neulich schon [über der Zeile] noch herbstlich bunt waren, liegt heute schon Schnee; die Luft ist winterlich. Und die Stimmung ist eben auch so eine Art Sibirienresignation.
Ich schreibe für heute nichts mehr, vor allem nichts Persönliches; dazu muß erst Ruhe kommen. Aber diese paar Zeilen schicke ich schleunigst fort zur Herstellung der Verbindung, und zugleich der lieben Tante und Dir "meiner treuen Pflegerin" herzliche Grüße
der entflogene flegelhafte
Pflegling.