Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. Oktober 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, 22. Oktober 1916.
am ersten Sonntag abend.
Mein Liebling!
Sehnsüchtig erwartet kamen heute Mittag zwischen Suppe und Fisch gleichzeitig Deine beiden dicken Briefe; ich hatte schon die Tage vom Schreiben bis zum Bekommen gezählt: Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonnabend, Sonntag - eine lange Zeit. Ich gebe mir Mühe, so zu tun, als ob nicht alles anders wäre, seit Du nicht mehr da bist. Aber das ist schwer. Und Dein Gedanke, daß wir hier zusammen wieder eine Wirtschaft aufmachen sollten, ist eine starke Versuchung. Aber, liebes Kind, das Ganze ist schließlich eine Geldfrage. Spare, damit Du mich mal besuchen kannst, und setze dafür schon jetzt einen Termin fest, damit ich mich damit etwas trösten kann. Denn alles wäre hier schön und gut, wenn nicht die Vorstellung wäre, daß es 6 Monate dauern soll. Ich will Dich noch tiefer in mein widerspruchsvolles Herz sehen lassen: Fürchte nicht, daß ich ohne Aufsicht unzweckmäßig lebe; ich bin viel vernünftiger, wenn keine Gefahr besteht,
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| daß mein Verhalten als Nachgeben gegen einen andern (als mich selbst) erscheinen könnte. Und dann: wenn Du da bist, muß ich Dich immer und jeden Augenblick haben. Du bist die einzige Gefahr meiner Arbeitsamkeit, weil Du allein meinem Leben das Schaffen zu ersetzen vermagst. Deshalb war es in Freudenstadt so schön; deshalb hat mir trotz scheinbarer Entsagung dort nichts gefehlt. Hier wird das nun anders. Ich komme mir hier oft wie auf den Sand geworfen vor. Eben das soll mir Trieb sein, irgendwie den Wert meiner Existenz wiederzugewinnen. Wenn diese Einsamkeit produktiv wird, dann wirst auch Du wieder Freude an mir haben. Denn die letzte Zeit war ich wirklich nicht mehr als Träger meines Rationales. Es löscht meine Existenz geradezu aus, wenn ich fühle, daß man mich kommandiert. Und ebenso ertrage ich nicht, einem andern viel danken zu müssen. Nur bei Dir kommt mir dies Gefühl eines verschobenen Contos niemals. Du bist der einzige Mensch, von dem ich alles nehme. Und das ist mir fast das höchste Zeichen, wie es zwischen uns ist. Die Monate dort oben waren für mich oft schwer, wenn ich bei jedem Schritt meine Schwäche empfand. Aber Deine Ruhe hat mir das alles beinahe zum Glück verwandelt, und im Rückblick erscheint es nun schön und fertig.
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Der Ausblick aber enthält manchen dunklen Punkt. Alle Gedanken Deines zweiten Briefes müßte ich unterschreiben, wenn ich nicht inzwischen hier den Arzt gefunden hätte, zu dem ich Vertrauen habe. Er läßt mir auch am Tage nicht viel Zeit. Ich bin immerzu beschäftigt, mit Messen, Liegen, Umziehen, Liegen, Spazierengehen etc. Aber vielleicht wird das im Lauf der Zeit besser. Jetzt bin ich noch so müde, daß ich trotz 11 Stunden Schlaf immer noch liegen kann. Aber die Wohnungsfrage! Von der Seite des Essens gesehen - darin wird Bardenheuer Recht haben - werde ich mich kaum verbessern. Ich werde eigentlich immer satt, obwohl ich den Käse überschlage; alles ist ausgezeichnet, nur ist es keine Mastkur. Bleiben aber 2 Mängel: 6 Monate in dem Kasten ist an sich kein Spaß. Bald soll er warm sein, bald kalt. Die Centralheizung reagiert nicht so sicher. Ich laufe immer vom Thermometer zur Klappe, von der Klappe zum Hahn. Unvermerkt sind 18 Grad, dann wieder 10 Grad. Habe ich 2 Räume, so ist der eine für Außentemperatur, der andre für Wohntemperatur, und man sucht beides stabil zu halten. Das zweite ist die Ungemütlichkeit. Wir sind 7 Hausbewohner: 5 Schachteln, 2 Männer. Man ißt an einzelnen Tischen, die Weibsbilder wollen aber natürlich Unterhaltung haben und schreien miteinander durch den
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| ganzen Raum. Da ich nicht mitschreie, sondern kein Wort sage, bin ich bereits unten durch. Der nach mir angekommene gleichaltrige Leidensgefährte sieht so aus, als ob er es nur noch 2 Tage aushielte. Die Oberfinanzrätin [über der Zeile] Frkft. a. M., die Dame in Trauer, die "Oberstensgattin" mit der spitznasigen Tochter und der weibliche Bädecker - eine immer hochmütiger als die andre. Die Mahlzeiten sind wahre Qualen. Man muß sich immer sauber dazu anziehen, Stiefel u. Jacke wechseln, und kommt sich vor, wie einer, der das ewige Schweigen gelobt hat. Ob ich es mal mit einer Annonce in dem Blättchen versuche? Aber das ist sicher, so viel Fleisch- und Fischsorten bekomme ich nirgends wie bei Witting.
Du siehst, alles hat seine Schattenseiten. Auch Du hast mit Deinen Zähnen so viel Plage. Man fragt sich: wozu diese kleinen Reibungen, die die Stunden verbittern, und das Leben besteht doch eben aus Stunden. Laß Dich nur von keinem ungeschickten Kunden behandeln. Lieber fahre nach Heidelberg; es ist eigentlich schon wegen der Großmutter Knaps, daß Du die nochmal siehst.
Das Hänschen fängt recht früh an, hat aber dadurch hoffentlich die Möglichkeit, seine "Schwarten" noch ganz auszukurieren. Mir sagte Bardenheuer, daß seiner Ansicht nach solche Verwachsungen sich nie ganz lösten, nur im Laufe der Zeit dehnten.
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| Meine Erkältung bin ich los, es ist aber eine starke Verschleimung da, die ich in früheren Zeiten nicht beachtet hätte, da im Winter die Bronchien wie die Nasenschleimhaut leicht stärker tätig sind. Jetzt aber fürchte ich, daß der Schleim tiefer herkommen kann. Ich rede fast den ganzen Tag nicht; aber dann ist die Stimme ganz belegt.
"Darmmessungen" gehören zu dem unerläßlichen Programm. Nun habe ich heut um 8 auf diese Art 36,45, um 52: 36,85 und um 5: 36,9 festgestellt. Das ist doch kein schlechtes Ergebnis, zumal die Akklimatisation noch nicht erfolgt ist. Draußen jedenfalls sind die Extreme größer. Als ich aufwachte, sah ich schon durch den Vorhang einen sonnenbeschienenen Schneegipfel. Die Landschaft war märchenhaft zart in den Farben. Es kam ein Tauwetter, das die 10 cm hohe Schneelage bald überall beseitigt hatte. Um 3 hatte ich in der Sonne auf dem Balkon 15°, jetzt (abends 9 Uhr) sind gewiß nur 0°. Ich glaube, daß das Höhenklima mit seinen Extremen für mich nicht das Beste ist. Davos (übrigens auch bei scharfem Temperatursturz ganz eingeschneit) wäre in dieser Hinsicht gewiß noch schlechter. Für mich ist das vorwiegend Milde, und ich habe manchmal schon gedacht, ob nicht der Taunus oder die Bergstraße gerade jetzt für
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| mich das Rechte wären. Die Ärzte denken ja über den Wert des Hochgebirges für die Lunge auch verschieden.
Was hörst Du von Walther? Ich habe hier naturgemäß noch garkeine Post. - Die Einladung [über der Zeile] der H. f. F. sagt nichts vom Minister; ich vermute, daß das Geschäftstrick ist mit der ganzen Féte, und daß am Ende - Müller kommt. Den Brief von Götz finde ich halb. Auf m. Brief konnte man grob werden oder eine tiefgehende Aussprache hervorrufen. Auf das Ding antworte ich nicht. An Strümpell habe ich geschrieben, daß er an B. die Röntgenphotographie und den Bericht sendet. Am 31. ist Rektoratswechsel. Ich habe auch an Volkelt u. Seeliger geschrieben, leider zu spät für die Fakultätssitzung, die am 18. Oktober war (wobei ich nicht begreife, wann man dazu eingeladen hat; denn am 17. früh war noch nichts da, wie Du weißt.)
Für heute Abend Schluß, da ich mit den Hühnern zu Bett gehe. Gute Nacht, mein Liebes!
23.X. früh. Ich muß dieses Geschreibsel mal beschließen. Es ist aber insofern ein Novum eingetreten, als eben das Bureaufräulein bei mir erschien u. mir klagend mitteilte, daß m. Zimmer ab Samstag vergeben sei, was sie nicht gewußt habe. Ich muß also ein andres Zimmer im Hause nehmen, oder dies ist ein Wink, noch anderwärts zu suchen. Du hörst bald mehr. Ich danke für die Chokolade, höchst willkommen, aber ein Schmerz: 1,30 statt 30 Pf im Frieden. Grüße die liebe Tante herzlichst. Und Dir sage ich mehr Liebes als ich sagen kann.
Dein Eduard.