Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./28. Oktober 1916 (Partenkirchen, Pension Witting)


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Partenkirchen, Pension Witting, den 27.X.16.
Mein Liebling!
Kurz vor der Suppe kam gestern Dein Packet und gleichzeitig im gleichen Format die Sendung vom Vorstand. Beim Auspacken fühlte ich die Liebe, mit der Du alles hergerichtet hast. Die 3 Sorten Eßwaren werde ich sorgsam hüten; die Kragenschachtel ist ein ästhetisches Vergnügen; auch das Kamel fühlt sich bei mir heimisch.*) [re. Rand] *) Die Lungenschützer kommen erst morgen an die Reihe. Du hast wieder mal sehr viel Geld ausgegeben; so darf es in dieser Zeit nicht weitergehen. Vor allem das Entbehrliche soll man ja lassen, und dazu rechne ich - ehrlicher Weise - auch das Lesepult. Es kam in sämtliche Bestandteile, die es hat, aufgelöst hier an. Eine Stunde habe ich nachgedacht und probiert, wie die Sache wohl gemeint sein kann, und schließlich fragte ich mich: "Was soll das Ganze? Ich habe nich zugeraten!" Verzeih, aber ich muß ein bißchen dafür sorgen, daß Du nicht Pleite machst während des Weltkrieges. Nun beschreibe mir wenigstens, wie man das Ding benutzt; ich glaube zwar nicht, daß die wacklige Geschichte
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| zu leimen ist. Aber meine Freude, besonders auch an Deinem lieben Brief, wird dadurch nicht beeinträchtigt.
Ich habe die Umzugsfrage lange erwogen und alle Erkundigungen über das Parkhotel eingezogen. Das Ergebnis ist, daß ich mit voller Überzeugung wohnen bleibe. Freilich mußte ich heut in ein andres Zimmer übersiedeln und habe mich dabei, wie es immer ist, in einigem verschlechtert, in anderem verbessert. Die Gelegenheit zum Arbeiten ist besser, der Raum ist noch kleiner. Er macht quadratischen Eindruck, ist aber ungenau gemessen 3,70 tief und 3 m breit. Etwa so:
<Zeichnung: Grundriss des Zimmers mit eingezeichneten bezifferten, nebenstehend aufgeführten, Möbeln.>
a Centralheiz.
b Handtuchständer.
c. Schrank. (zu klein gezeichn.)
d. Bett.
e. Nachttisch.
f. Waschtisch.
g. Koffer
h. Chaiselongue.
i Altar (mit 3 Bildern.)
k. Tisch mit herabziehbarer Lampe.
l m Stühle.
Viel Platz zum Gehen ist da nicht. Es bleibt bei der mießen Gesellschaft. Aber das Essen ist 1. Klasse. Und Sonne habe ich in dem Zimmer, besser auf dem Balkon, so viel es gibt.
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Gestern suchte ich meinen Doktor verabredungsgemäß wieder auf. Es hieß: er hat plötzlich nach München reisen müssen. Heute traf ich ihn. Er hatte das Röntgenbild und war v. Strümpell orientiert. Morgen soll die 1. Bestrahlung sein, sehr vorsichtig und allmählich, immer mit begleitendem Messen. Anfangs täglich in minimalen Dosen; später wöchentlich zweimal stärker. Das Röntgenbild kann übrigens jeder Laie gut verstehen. Links war ganz hell.
Es geht mir hier ganz wie in Freudenstadt, d. h. zunächst eher schlechter als besser. Das siehst Du schon an dem Temperaturen (Darm, d. h. immer 3 Strich mehr als wir feststellten.)
8 Uhr.12 Uhr. 5 Uhr.
22.X.     36,4 ½    36,8 ½     36,9.
23.X. 36,5 ½36,6 ½37,0
24.X.36,6 ½37,037,0
25.X.36,536,9 37,1 ½
26.X. 36,5 ½36,8 ½37,1
27.X.36,6.36,9 ½37,2 ½.
Das Liegen scheint eben nicht meine Sache. Die Gehfähigkeit und der Atem sind ein wenig schlechter geworden, ebenso der Appetit.
Hingegen glaube ich zuzunehmen. Überhaupt gefällt es mir, auch die ganze Lebensweise, die mich allerdings stark beschäftigt. 3 x messen = 45 Min.!
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| Vorm. gehe ich hinter dem Hause am Abhang einen fast ebenen Weg mit Grunewaldvegetation und sehe dabei die schönsten Tal- und Bergscenerien. Nachm. gehe ich zum Bhf., trinke Kaffee, lese Zeitung, und zurück. Mittags war es oft ganz sommerlich, fast südlich schön. Aber abends beginnt dann m. Arbeitszeit von ½ 6 - ½ 8. Ich habe Therese Zangenberg bereits expediert u. eine Examensarbeit über Schulze gelesen. Jetzt bin ich bei Wundts großartigem Leibniz, habe aber auch die Korrespondenz fast eingeholt. Zunächst will ich die "Begabten" erledigen. Die müssen leider ganz umgebaut werden. Das 1. Kap. habe ich heut in Ordnung gebracht. Bei normalem Verlauf hoffe ich in 14 Tagen fertig zu sein.
Die Korrekturen mußte ich leider sehr schnell erledigen; ich schicke Dir aber einen unkorrigierten Abzug. Ferner den Kunstwart, in dem Dich vieles interessieren wird. Du mußt das Heft aber bald an Frl. Kiehm, vor dem Hospitaltor 18c weiter[über der Zeile] zurücksenden.
Ich lege 2 Verfügungen bei, die ich zurückerbitte. Du entnimmst daraus, daß Deine Ansicht richtig war: der erste Zettel lag bereit. Ein weiterer Beweis dafür ist, daß Schröbler am 4. Oktober!! für den
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| 21. Oktober (!!) ebenfalls Ordre erhielt, nach Metz!! Die 2. Reklamation hatte Erfolg, bis 31.XII.
Gestern war das "Fest" in der Hochschule. Ich aber habe mich hier als Sieger gefühlt. Denn die ausgezeichnete Analyse im Kunstwart kam gerade an diesem Tag, und gleichzeitig ein Brief von Lili Dröscher, worin sie ihrer doppelten [über der Zeile] dreifachesn Empörung Ausdruck gibt, 1) daß die „Hochschule“ so etwas Subalternes macht 2) daß sie es so schlecht macht 3) daß sie es ohne ihr Wissen macht. Sie hat den Fröbelverband bereits dagegen mobilisiert. Ich behalte mir vor, mich auch zu äußern.
Von Biermann trotz 2 Briefen von mir verständlicher Weise nichts. Ich bin in Sorge, ob ich auch vor dem 1.XI. mit meinen Sachen aus der Grassistr. heraus bin. Stolpes wären fähig, mich noch für einen Monat haftbar zu machen. Bitte frage doch einmal bei B. an, ja?
Mein Vater klagt über Finanzschwierigkeiten. Er hat von Dr. Goedecke eine Liquidation über 30 M bekommen, die er vom Laufenden nicht bestreiten kann. Es ist für das Aufpieken der Fistel. Da ist Bubenhofer billiger, nicht?
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Hier lebe ich bis jetzt nicht zu teuer:
Pension 11,00.
2. Frühstück ––––fällt bisher fort, da ich lange schlafe.
¼ Rowein   0,70
2 Fl. Bier  0,60
Trinkgelder      1,10
13,40im Hause
Kaffee m.
Kuchen  0,80.
Dazu kommen nur die Extraausgaben, die wir früher berechnet haben, und der Doktor. Kannst Du irgend ergründen, ob solche Bestrahlungen sehr teuer sind? Da im Anfang die Sache nur 2 Min. dauern soll, kann ja der Zeitfaktor nicht stark ins Gewicht fallen.
Selbst wenn es teurer wäre als im Sanatorium, hat es s. Vorzüge. Wigger muß furchtbar sein, Abends große Toilette. Ich verstehe Frau Riehl nicht, daß sie sich in das Ding verliebt hat.
Für heute muß ich das Geschwätz beenden. Es ist ½ 10. Niemand reibt mich ein, niemand lauert, daß meine Seele aus dem Leibe heraus fährt. So wird es kahl im Herbst. Gute Nacht.
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28.X.   ½ 10.
Ich muß gleich zu meinem Aladin mit seiner Wunderlampe. Daher nur noch wenige Worte. Dein lieber Vorschlag, uns hier nach Freudenstädter Art einzurichten, hat für sich das Zusammensein. Aber durchführbar wäre es heut nicht mehr; der Fremde bekommt hier viel schwerer etwas als der Einheimische. Wir müßten beide in voller Pension sein, und das eben ist doch, leider, zu teuer.
Ich habe hier ebenso ungünstige Nervenwirkungen von dem Liegen wie in Freudenstadt; aber die Verschleimung, die sehr stark war, ist wesentlich besser. - Schicke bitte vorläufig nichts. Ich notiere, was ich noch brauche.
Und nun verzeih, wenn ich ganz plötzlich abbreche; ich darf nicht zu spät kommen. Aber Du weißt, mit welchen Gefühlen ich täglich an Dich denke. Viele herzliche Grüße auch an die Tante und Walther
Dein
Eduard.

[] Morgner?