Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. November 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 2. November früh.
Geliebtes!
Mein längeres Schweigen ist verwerflich, hat aber die erfreulichsten Ursachen. Wir haben hier seit 1 Woche Tage von solcher Schönheit, wie Du sie Dir kaum vorstellen kannst. Im Sommer war es jedenfalls nie so. Es ist ununterbrochen Balkonwetter, noch um ½ 6 nach Sonnenuntergang 12 Grad. Ich nutze das natürlich liegend und lesend aus. Außerdem bin ich mit der Kur sehr beschäftigt. Die Bestrahlung des ganzen Adam ist täglich um 11. Ich bin schon ganz braun; die Temperaturen gehen während der Sache ein paar Strich in die Höhe, sinken aber hinterher vorschriftsmäßig und übersteigen abends 37,0 kaum, möchstens mal 37,1. Endlich bin ich zwischen ½ 6 und ½ 8 dabei, "Begabung und Studium" endlich abzuschließen, damit die Sache mal aus meinen Gedanken kommt. Ich stehe im 5. u. letzten Kapitel, muß aber im 2. u. 3. noch viel bessern.
Dies alles nur zur Erklärung, daß ich nicht
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| mehr von mir gebe. Meine Gedanken behalten Zeit genug, oft bei Dir zu sein. Ich hoffe, daß Du inzwischen auch das Freudenstädter Ende des Fadens wiedergefunden hast und es ohne Sorge und Aufregung weiterspinnst. Etwas Liegekur wäre Dir gewiß auch ganz gut; ich empfehle Lebertran.
Meinen Urlaub habe ich erhalten. Korrespondenz ist munter, nur daß die Sympathiekundgebungen aus L., die im Frühjahr so zahlreich waren, absolut ausbleiben. Die Berichte über den 26.X, sowohl in den Zeitungen wie durch Biermann, beweisen, daß es 2. Garnitur war. Lili Dröscher - weißt Du das schon - schrieb mir entrüstet über das neue Vorlesungsverzeichnis. Die beiliegende Karte ist wohl ein Scherz. Was kostet der Zucker, damit ich den Betrag senden kann. Verwertung habe ich dafür nicht, der andre liegt noch da. Von dem Bild hätte ich aber gern ein paar Abzüge.
Das Zimmer ist klein u. wird mich stören, wenn es mit dem Balkon vorbei ist. Gesellschaft habe ich noch nicht; z. T. sehr ungemütlich. NB. dem Vorstand mußt Du bitte Wäsche u. Porto bezahlen. Nimm vorlieb für heute, ich muß schon wieder zu der Wunderlampe oder der Kellersonne. Du bist meine echte Höhensonne.
Herzlichst Dein Eduard.

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<Zeichnung: Umriß seiner Stiefelsohle mit Bezeichnungen „vorn“ und „hinten“.>
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Eiligst: Tausend Dank für alle Gaben! Leider 1 Nr. zu klein. Bitte erst mitschicken, wenn Sammelgut. Und nicht zu eifrig, liebes Kind! 1,50 Porto waren zu sparen, wenn ich meine verehrliche Stiefelsohle in den Umrissen wie umstehend auf Papier zeichnete. Nochmals Dank und Gruß in Eile
Dein
E.