Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. November 1916 (Partenkirchen, Pension Witting)


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Partenkirchen, Pension Witting
den 9. November Abends.
Liebe Freundin!
Der "Aufstieg der Begabten", der doch eigentlich nur abgetan werden sollte, um freie Bahn für Ordentliches zu haben, nimmt mir von meinem kurzen Tag so viel Zeit weg, daß selbst die liebste Korrepsondenz darunter gelitten hat. In Deinem Brief kam wirklich der hinkende Bote hinterdrein. Ich bin über Deinen Fuß etwas unruhig. Die Gicht bekommt heutzutage niemand. Eher ist es möglich, daß es Nachwirkung der Wasserwohnung in Leipzig ist. Wir dachten erst an wenige Tage, nachher sind es 3 Wochen geworden, und die Gegend ist die allerungesündeste. Ich bitte Dich, mir bald zu schreiben, wie es damit steht, und natürlich auch, ob die Tante sich erholt hat. Meine treuen Wünsche werden auch ohne Schriftliches zu Euch gedrungen sein!
Mein Leben hier geht seinen gewohnten Gang, und die günstige Seite überwiegt, vor allem in meinem Befinden, das bei den herrlichen Tagen fast ganz normal war. Seit gestern Mittag hat aber starker Regen eingesetzt, und heute Abend
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| sind wir bereits wieder tief eingeschneit. Jedenfalls habe ich eine sehr schöne Zeit genossen. Die Gesellschaft besteht noch immer wesentlich in der "Schwester", die in Wahrheit eine sehr intelligente und edel empfindende Frau aus besten Kreisen ist. Ich habe ihren Sohn aufgefordert, mich zu besuchen, da er fast ohne männlichen Umgang ist: ein junger Mensch von 16¼ Jahren mit klugem, offenem Gesicht, dem man die schwere Krankheit (Knochentuberkolose am Kreuz) kaum noch anmerkt. Er war schon dreimal bei mir, hat für alles lebhaftes Interesse, ist sehr wohlerzogen und erweckt mir die erfreulichsten Aussichten für weiteren Verkehr, dem ich gern noch etwas systematischeren Inhalt geben würde, da er doch nicht die Schule besucht, sondern nur einen Hauslehrer hat. Den Hauslehrer NB fürchte ich, weil er Dr. philos. ist und sich für Philosophie habilitieren will. Und noch andre Wolken ziehen auf: seit gestern habe ich 2 Tischgenossen: einen braven Techniker aus Hermsdorf bei Berlin, der der Nerven wegen da ist und die Langeweile fürchtet, obwohl er sie selbst verbreiten hilft, und einen bayrischen Maler, der seinen tieferen Gehalt wenigstens vorläufig noch in Maulfaulheit verbirgt. Diese Gesellschaft nehmen mir aber die weiblichen Gäste so übel, daß sie den
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| Grüßfuß aufgegeben haben. Das Mokieren über meine Schweigsamkeit geht ohnehin immerzu. Du wirst nun sagen: "daraus muß man sich nichts machen", Du wirst mich aber auch genug kennen, um zu wissen, daß mich dieses „Aufeinandersitzen“ mehr stört als absolute Einsamkeit oder ein Großbetrieb. - Fall mir nicht in Ohnmacht: aber in ein anderes Zimmer werde ich Anfang nächster Woche wohl ziehen, wenn es auch nur wenige Meter größer ist.
Die Post ist hier nicht ganz so fleißig wie in Freudenstadt. Immerhin genügt es. Im Ministerium scheint man die Tatsache meiner Beurlaubung ohne Schmerz hingenommen zu haben; der Referent sandte jetzt noch sehr freundlichen Privatbrief. Die Paeonia hat in corpore mein Schreiben beantwortet und Partsch hat heute noch 4 herzliche Seiten extra gesandt. Auffällig ist mir nur, daß Volkelt meinen heut vor 3 Wochen abgesandten Brief, der doch auch Geschäftliches enthielt, nicht beantwortet hat. Er ist inzwischen mit meiner "besonderen" Vertretung beauftragt worden. Mein Vater hat eine Andeutung von mir in Bezug auf mich mit Recht dahin ergänzt, daß wohl sein Bruch auch nicht so schlimm geworden wäre, wenn Herr B. 1912 auf seine diesbezüglichen Klagen damals schon ein Bruchband
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| verordnet hätte. Dies vertraulich.
Ich könnte morgen die 200 Quartseiten "Begabung und Studium" zum Druck senden, wenn ich aus Hamburg endlich Nachricht bekäme, ob der Vertrag mit Teubner abgeschlossen ist. Die Sache hat mir unverhältnismäßig viel Zeit gekostet. Und nun muß ich alle Bücher in den Anmerkungen aus dem Kopf citieren. Ich denke, daß mein Famulus oder sonstwer die bibliographischen Angaben zusammensuchen kann. Aber in 2 Dingen mußt Du mir helfen: 1) schreibe mir doch aus Goethes "Geheimnissen" die ganze Strophe ab, wo die Worte vorkommen: Von der Gewalt, die alle Menschen bindet, etc. Ferner erinnerst Du Dich, daß in Rohrbachs Baltenbuch ein Abschnitt v. E. v. Bergmann über die Hand des Chirurgen abgedruckt war. Die Quelle war angegeben. Ich muß die Stelle genau czitieren können, weiß aber nicht, ob diese "Lebenserinnerungen" als Buch erschienen sind oder in einer Zeitschrift.
Auch sonst habe ich allerhand Bitten. Im voraus bemerke ich, daß Deine Schuld mir geringer erscheint, nachdem ich weiß, daß Du das klapprige Lesegerüst nicht käuflich erworben hast. Das Schicken lohnt es nicht, jedenfalls nicht extra. Auch die Wäsche kann ich nicht immer schicken (da ein Teil der Züge nach München u. von eingegangen ist, wird Verbindung noch schlechter.)
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| Ich bitte Dich aber, die reparaturbedürftigen und =fähigen Sachen von Zeit zu Zeit schicken zu dürfen, und zwar, mangels andrer Möglichkeit, ungewaschen.
Fressalien, wenn erschwingbar, sind immer noch erwünscht. Mein Appetit ist nicht glänzend, was wohl am Lebertran liegt; ich bin auch in 10 Tagen von 62,250 auf 62 - zurückgegangen. Temperaturen sind aber trotz Bestrahlung absolut normal.
Die Gummischuhe werde ich allmählich brauchen; ob eine wollene Decke mehr Sinn hat, weiß ich nicht recht. Es ist im allgemeinen nichts mit dem Draußenliegen, wenn die Sonne nicht energisch scheint. Dazu würde dann ein Pelz gehören.
Kragen kann man noch ohne Bezugsschein kaufen. Ein halbes Dutzend, nicht zu niedrig, wäre doch für Feiertage gut. Ich weiß aber nicht, ob 41 oder 42. Man mißt von Mitte d. Knopflochs bis Mitte Knopfloch.
Hast Du unter den Couverts, die in Freudenstadt oben im Schrank lagen, das noch da, wo draufstand: Preußisches Ministerium? Das hätte ich gern ganz. Siehst Du bei einem Buchhändler Kröners Taschenausgaben (blau oktav), so hätte ich daraus gern Adam Smith, vom Reichtum der Nationen. 1,20 M. Auch Shakespeare
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| würde ich später gern einmal haben, und zwar Sturm, Kaufmann, Romeo, Richard III., aber nicht alles auf einmal, sondern gelegentlich.
Lipsius hat in der Kantvorlesung 30 Mann, darunter über 50% Damen. Er will jetzt auch die Kantübungen für mich abhalten. Bezeichnend ist, daß im Gegensatz zum vorigen Semester jetzt nicht eine Sympathiekundgebung aus dem Studentenkreis gekommen ist. Anliegen natürlich genug, und ich habe viel zu schreiben, denn die Conrads, Thümmels, Hilgenfelds, Kiehms, Wezels etc. sind auch fleißig.
Über Polen sage ich nur, daß es für den Augenblick gut sein mag; für die Zukunft halte ich es für ganz unlebensfähig und die schlimmste Gefahr für uns.
Heute habe ich auch meinen Steuerzettel bekommen. Mit dieser angenehmen Mitteilung will ich für heute schließen, da es ¼ 11 und weit über meine Zeit ist. Ich grüße Dich von ganzer Seele.

10.XI.  ½ 10.
Eben habe ich Deinen lieben Brief vom 2. noch einmal gelesen und ergänze Obiges in Eile, da ich
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| um 10 bei der Kellersonne sein muß. An Biermann könntest Du ja wegen der Umzugskosten schreiben; es muß aber ausdrücklich erwähnt werden: "einschließlich der beiden Versicherungssummen." Warum hast Du eigentlich Gretchen Stolpe wieder geärgert? Das mit den Stiefeln zum Probieren der Gummischuhe ist ganz dumm. Wenn es nicht die leichtesten, dünnsten Sommerstiefel wären, hätte ich sie ja wohl mit. An Nelly Pelargus schicke bald, wenn Du gewiß bist; sonst verjährt der Korrespondenzfall. Die sozialdemokratische Zeitung habe ich gelesen; mich wundert, daß die Stimmen nicht noch zahlreicher sind. Oesterreich (der in Tübingen) ist seit dem Bombenschmeißen, das erheblicher gewesen sein soll, als berichtet, noch negativer geworden. Ich muß jetzt abbrechen.
Alle meine Wünsche gelten nur, wenn Ihr beide ganz gesund seid und sie infolgedessen gut zu erledigen sind. Andernfalls tut ja alles, um Eure Leiden zu beheben. Es bleibt ja immer noch genug, auch ohne Extradosen.
Mit den innigsten Grüßen
Dein dankbarer
Eduard.

[re. Rand] Kerschensteiner war bei Riehls.