Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. November 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 16. November 1916 Abends.
Mein liebes Kind!
Ich dachte schon, Du lebtest mit mir "auf gespanntem Fuße". Daß Du stattdessen Zahnschmerzen im Fuß hattest, tut auch mir sehr leid. Aber ich bin nun froh, daß Du wieder ein Lebenszeichen gabst, denn von Sonntag bis zum Mittwoch nächster Woche sind 10 Tage, genau so doppelt so viel wie vom Dienstag bis Sonntag!
Heute kam nun auch Dein Sack voll Gaben, die ich garnicht alle einzeln nachzählen kann. Es ist alles willkommen, wenn auch jetzt alles fast wehmütig stimmt, was man sich an Luxus erlaubt. Die Gummischuhe passen vorzüglich und erweckten beim Eintritt ins Kaffee sogleich den Neid des ersten und einzigen Menschen, eines guten alten Hauptmanns, der schon 1870 mitgekämpft hat. Rasierklingen, Eßwaren u.s.w. alles sehr erwünscht; auch die "Hilfe", auf die ich noch komme.
Um von mir zu berichten, so geht es mir sehr
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| gut, und ich gehe der Kriegsverwendungsfähigkeit [über der Zeile] <evtl. von fr. Hand> mit raschen Schritten entgegen. Die Bestrahlungen, die jetzt nur alle 2 Tage stattfinden (von gestern an), härten ab. Das scheint ihre erste Wirkung. Aber auch das Atmen wird besser und die lokalen Empfindungen fehlen fast ganz. Ich habe allerdings auch sehr kurgemäß gelebt. Hätte ich so vom 1. September bis 1. November fortleben können, so wäre der Urlaub vielleicht unnötig gewesen. Ich arbeite nach Möglichkeit. Die 204 Seiten Begabung und Studium liegen noch immer da, weil ich, trotz Brief und Telegramm, von Hamburg keine Antwort in Sachen der Verlagsfrage erlangen kann. Sollte Chicane von Teubner dahinter stecken? Inzwischen hat Riehl mir einen ausführlichen Brief zu diesem Gegenstande geschrieben, der mich vielleicht zu Ergänzungen veranlaßt, und der Mathematiker Geheimrat Klein, Mitgl. d. Herrenhauses (der NB. über Unterernährung klagt) hat mir auch interessante Beiträge gesandt. Ich bin aber schon zu 2 weiteren Manuskripten fortgeschritten, das eine ein Schnellprodukt: "Von der ewigen Renaissance" (- Skizze des Pubertätsalters) für das 25. Jahr des Philologenblattes, das andre wesentlich zu meiner Selbstverständigung: "Über Wesen und Arten des Sozialismus." Dieses steckt
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| noch in den Anfängen. Mit den 5 Examensarbeiten bin ich fast fertig. Es hagelt aber nur so Dissertationsanfragen, Privatmanuskripte, Seminarsachen, - so daß ich weiter keine Zivildienstpflicht brauche.
Meine beste Gesellschaft ist nach wie vor die Schwester. Aber ich habe jetzt auch bei Tisch 2 Kumpane: einen kleinen buckligen Ingenieur aus Hermsdorf bei Berlin, und einen Maler aus München, beides gute Leute, aber garnicht unterhaltsam. Für 2 Mahlzeiten kam direkt aus dem Westen der Stabsarzt Giulini aus Nürnberg dazu, mit dem ich sofort entente cordiale schloß, lebhaft und allseitig interessierter Mensch, kennt auch Budenbenders, von denen der Überlebende schwer verwundet ist. Giulini wohnt jetzt in der Nähe im Offizierserholungsheim, wir sind fast täglich 2 Stunden zusammen und ich behandle ihn ärztlich, indem ich sein erweitertes Herz vor Anstrengungen behüte. Ob diese Bekanntschaft meiner Gedankenentwicklung günstig ist, zweifle ich; es ist eben keine Mitte zwischen absoluter Geselligkeit oder absolutem Zurückziehen zu empfehlen.
Nun aber zur Hauptfrage: unserm Wiedersehen. Jeder Tag mit Dir ist doppelt gelebt und mein Herz sagt unmittelbar: je eher je lieber. Die Erwägungen, die ich anfüge, wirst Du verstehen. Ich kann nicht
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| anders als Deutschlands nächste Zukunft sehr pessimistisch sehen. Ich halte (wie Max Weber, der ja auch keinen Ausweg sieht) die Sache für "verfahren". Es folgt daraus die Pflicht äußerster Sparsamkeit, bis wieder gesicherte Verhältnisse sind. Ein Abstecher von Heidelberg auf noch so kurze Zeit aber kostet 100 M. Dazu kommt zweitens, daß wir uns in dieser Pension sehr ungemütlich fühlen würden. Du müßtest natürlich hier wohnen. Wir würden sofort das Centrum der allgemeinen Aufmerksamkeit sein, die sich in allen anderen als zarten Formen äußert. Wohnst Du wo anders, so bleibt die Sache dieselbe u. wir sind noch weniger zusammen. Was den Zeitpunkt betrifft, so spielt die Erhöhung der Preise in der Saison keine Rolle; es ist dann aber hier sehr unruhig und ekelhaft wie damals, als wir umkehrten. Ich habe erwogen, da ich in den Feiertagen nicht gern hier im Hause sein möchte, ob es nicht so einzurichten wäre, daß Du den 24.XII. mit der Tante feierst, am nächsten Morgen nach Augsburg oder München fährst, wo wir 2-3 Tage zusammen bleiben könnten. Ich begreife, daß Du gern bald Klarheit über die Pläne haben möchtest. Laß sie uns aber auch gut beraten. Es wird am besten sein, wenn Du die Behandlung Deiner armen Zähne recht bald durchführst. Die Reise hierher kann dann eine Sache für sich sein. Die 15 M
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| Fahrt machen auch nicht viel aus. Zum Fahrplan will ich noch bemerken, daß es von Heidelberg 7.15 in 1 Tage geht, während die andre Art von München erst 5.50 früh weiter führt, oder 9.30, so daß Du dann erst 2.15 ankommst. Über alle diese Dinge möchte ich Deine Meinung ganz offen hören. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich weiß: Mißverständnisse sind ausgeschlossen; zumal meine Arbeit gestattet jetzt Unterbrechung eher als später.
Ich will jetzt an Hand Deiner beiden lieben Briefe einzelne Fragen beantworten: 1) Freudenstadt vom Teuchelesweg - ich denke mit Wehmut gerade an diesen Weg; denn F. verbindet sich jetzt für mich mit der Vorstellung einer hilflosen Schwäche, die doch sehr ernst war. - Wäsche möchte ich vorläufig nicht weiter. - Handschuhe mit 5 Fingern gibt es wohl nur gegen Marken? - Kragen gleichwie ob rund oder eckig, nur darf die Abrundung nicht zu stark sein, und jedenfalls keine umgebogenen Ecken. - Ich habe jetzt ein sehr hübsches Zimmer, das mich durchaus zufriedenstellt. Auch esse ich vorm. auf höheren Befehl einen "Brei", der gestern so milchhaltig war, daß die Katastrophe nicht ausblieb. - Gleichen-Rußwurm ist Enkel von Schiller, das weißt Du? - Das Heft der Hilfe, wo der
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| Aufsatz von Meinecke drin war, habe ich damals hier Frau Riehl zum Lesen gegeben mit der Bitte um Rückgabe. Auch steht Dein Name drauf. Ich will mahnen, bitte Dich, aber, da Du doch ein Heft nicht hast, die 25 Pf. zu opfern u. es lieber gleich nachzubestellen. - Adam Smith bitte ich vorläufig nicht zu kaufen. - An Frau Rohn werde ich schreiben; ich schreibe ja ohnehin jeden Tag mindestens 4 Briefe. - Wäschesack nicht erforderlich, Korb noch weniger. - Von Morgner nichts Neueres.
In dem Artikel von Max Weber steht viel Kluges und Bedeutendes, wie er denn übhpt einer unsrer hervorragendsten Köpfe ist. Aber die Quintessenz ist doch: unsere Fehler sind schon so groß, daß nichts mehr zu ändern ist. Wir hätten mit Rußland nicht brechen dürfen oder nicht mit England. Die Einführung der Zivildienstpflicht bedrückt mich geradezu, statt mich zu erheben. Sie ist ein Zeichen höchster Not. Auch die Nahrungsfrage ist doch wirklich brennend; von Verwöhnung ist wohl nicht mehr die Rede. Wir werden alle unterernährt, und die große
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| Masse am meisten. Ich kann mich über die allgemeine Lage und meine Stellung zu ihr selbst Dir gegenüber nicht frei aussprechen. Es ist immer die Zweideutigkeit, als wollte man die persönlichen Opfer nicht tragen. Aber wenn dies fortfiele, bliebe doch die Frage: sind wir auf dem richtigen Weg? Erinnerst Du Dich, wie wir mal von Stützerbach nach demKickelhahn gegangen sind? Es war schließlich der richtige Weg, d. h. man kam oben an, - aber wie! So bohrt mir im Kopf, ob nicht alleVölker in eine Linie gekommen waren, die so nicht weitergeht und die mit der Katastrophe enden muß. Ich weiß zu wenig, um urteilen zu können, und muß doch immer länger darüber grübeln. Die freie Konkurrenz und die Maschine haben erst die Völker von innen ruiniert wegen des rapiden Fortschritts. Nun zeigt sich dieselbe Wirkung nach außen: sie ruinieren sich gegenseitig, um der Absatzgebiete willen. Muß da nicht ein Rückschlag eintreten? Jeder Staatsmann gibt zu, daß das Elend ungeheuer ist. Und doch kann niemand das Rad halten. Ja findest Du eigentlich, daß jemand die Wahrheit sagt? Ist nicht alles schablonenhafter Patriotismus? Gehört dazu noch Mut, wo doch alles nur Mitlaufen mit der üblichen
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| Ansicht ist? Ich komme aus dem Druck dieser meiner inneren Unwahrhaftigkeit nicht los. Deshalb ist auch das hier wieder einmal eine Scheinkur.
Aber ich muß endlich aufhören, es ist spät. Nur noch etwas Sammelgut: Volkelt hat sehr freundlich geschrieben und hat die Vertretung mit persönl. Besuch im Seminar begonnen. Von meinen 3 Vettern sind 2 eingezogen, der eine 43, der andre Koch beim Kronprinzen! der 3. kommt wohl noch. Herre ist anscheinend noch frei. Frau Riehl war mit Lore in Halle und Jena bei den Gräbern. Susanne Conrad ist von Berlin, besonders von Hintze, beglückt. In der "Frauenbildung" von Wychgram waren meine 3 Broschüren überschwenglich gelobt und es war von der "rasch gewachsenen großen Bedeutung des Verfassers" die Rede.
Nun gute Nacht und ein inniges Gedenken. Draußen liegt Schnee und es ist schon sehr kalt (-5) Wie mag es in Cassel sein? Die Tante soll sich nur vorsehen. Bei dem schneidenden Wind. Ich vertrage ihn schon wieder ganz gut. Habe tausendfachen Dank für alle Mühen u. laß Dich von Deinen Zähnen nicht so quälen.
Dein in Licht und Dunkel Dich liebender
Eduard.

[li. Rand] Langerhans auf Wunsch Liquidation 10 M (billig gegen den Juden Crohn, der für 2 Besuche 25 nahm)