Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. November 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 24. November 1916 abends.
Liebe Freundin!
Wenn es mir gelingt, diesen Brief morgen rechtzeitig in den Zug zu bugsieren, so erreicht er Dich am Sonntag früh in dem lieben Heidelberg. Ich habe gestern daran gedacht, was Dir der Augenarzt gesagt haben mag und würde Dir heute gern etwas von Deinen Zahnschmerzen tragen helfen. Deine Nachrichten über die Tante habe mich auch nicht gerade freudig gestimmt. Hoffentlich hast Du ohne eigentliche Sorge reisen können.
Den Damen Knaps wirst Du alles Passende und Schöne sagen, auch Dank für die Notiz betr. Junius Alter. Ich habe 3 Exemplare ewigen Frieden nach Cassel gesandt. Eins davon war für Frl. Knaps gedacht.
Heute war ein Tag zum Streicheln. Die scharfe Morgenkälte verwandelte sich bei strahlend durchsichtigem Sonnenwetter in wirkliche Glut. Ich konnte um 3 Uhr ohne Überzieher einen Brief an Freund Jaeger auf dem Balkon schreiben. Aber um 3¼ verschwand die Sonne hinter der Zugspitze und sofort war es eisig.
Mein Befinden ist gut, aber in den letzten Tagen doch nicht eigentlich aufwärts gegangen. Der ständige Gemütsdruck ist Ursache. Ich bin viel mit dem Ingenieur Fischer zusammen gewesen, einem ruhigen, angenehmen Menschen, der morgen abreist. Der Maler ist schweigsam, aber gut. Der Stabsarzt kommt nur sehr selten. Er ist mir nicht
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| sehr erfreulich, seitdem er mir eröffnet hat, das Bezirkskommando könne den Urlaub jederzeit durch einfache Einberufung ohne Untersuchung annullieren.
Ich habe viel gearbeitet, d. h. stetig, fast jeden Tag 2 Stunden produktiv und 1 Stunde gelesen. Die Postpflichten übersteigen alles dagewesene. Dabei kommen von Riehls tägliche ungeduldige Fragen u. auch von andern. Das ist von der einen Seite sehr lieb; aber manche Leute begreifen nicht, daß die Notwendigkeit, einen Brief zu schreiben, meine Gedanken für die Arbeit an dem betr. Tage einfach zerstören kann; ich muß den Kopf von allem andern ganz frei haben. Besonders jetzt, wo ich bei dem Anfang der "Philos. Grundlegung" bin. Der Gegenstand ist sehr schwierig; er muß wenigstens einigermaßen herauskommen. Später muß der Anfang naturgemäß doch ganz umgebaut werden. Ich sehe aber einige neue Perspektiven u. will die Sache festhalten. Der Kontrakt für "Begabung u. Studium" ist noch nicht zustande gekommen. Daran werde ich also auch noch herumfeilen.
Wenn Du wieder in Cassel bist, brauche ich einige Teile aus meinen Vorlesungen. Bei der Gelegenheit möchte ich auch fragen, ob es für die Feldpostpackete zu Weihnachten schon zu spät ist. Einige Freunde sind seit 2 Jahren dran gewöhnt: die Sache müßte ich dann Dir auch aufpacken. Ich besorge zwar für Riehls kondensierte Milch und bin für Euch zu gleichem erbötig, wenn Ihr nachweist, daß Ihr hungert, aber mein Verhältnis zum Einkaufen
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| kennst Du ja. Biermanns, vielmehr Frau B., hat mir eine Büchse Marmelade und 2 Büchsen Gänseleberpasteten geschickt. Ich weiß nicht recht, wie aufmachen und wie nehmen, habe auch vorläufig keinen Bedarf, da ich den Säuglingsbrei um ½ 12 jetzt eingeführt habe.
Der Sohn der Frau Ries, der behandelnden Schwester, kommt von Zeit zu Zeit. Er ist intelligent und von angenehmem Wesen, hat aber anscheinend wenig Entwicklungsmöglichkeiten des Gemüts, daher ich mein Herz von vornherein nicht an ihn hängen will. Selten habe ich eine Mutter gesehen, die so scharf die Grenzen Ihres Kindes erkannt hätte.
Das Leben in der Pension ist trotz Abreise mancher nicht angenehmer geworden; es ist da ein weibliches Phänomen, das mich stört. Du weißt, ich bin in dieser Hinsicht kleinlich. Aber ich halte es aus. Morgen wollte ja Kerschensteiner kommen u. bis Sonntag bleiben. Er hat bisher nicht abgeschrieben, aber der Reichstag tritt doch morgen zusammen, um die Freiheit zu begraben. Man sprach davon, daß alles Privatreisen verboten werden sollte. Vielleicht Ente, paßt aber ins Bild. Es ist sehr merkwürdig, daß ich mein Herz zu garkeinem patriotischen Enthusiasmus mehr aufpeitschen kann.
Ich habe an Frau Rohn, Vater Scholz (der kl. Scholz ist ganz in Tätigkeit), Muthesius, Volkelt u. viele andre geschrieben. Der alte Böhm geht dem Ende entgegen: Wasser
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| in den Füßen. Ich habe ihm ein paar Worte geschrieben. - Heute kam eine Postanweisung über 25,50 von R. u. R. 17 Exemplare Geschichtswissenschaft trotz Krieg verkauft. Das Honorar für den ewigen Frieden beträgt 7 M. Fast jeden Tag kommt, ein dickes Buch als Dedikation.
Deine „Inspektion“ hier fürchte ich garnicht; teils weil ich sehr dickhäutig bin, teils weil alles unter den gegeben Verhältnissen aufs beste geregelt ist. Daß noch etwas andres als die Gesellschaft und der Sportlärm um Weihnachten mitspricht, will ich nicht leugnen, obwohl ich zweifle, daß Du es ganz verstehst. Solange der Krieg dauert, ist mir eine Askese im seelischen Sinne Bedürfnis. Ich bin schon wieder im selben Fahrwasser wie vorigen Winter, d. h. innerlich mit dem Gemüt, äußerlich bewahre ich noch raison. Mache keinen Versuch, mich davon abzubringen. Wir seh stehen vor einem Elementaren. Jeder erlebt es auf seine Art. Schon in Fr. hat starker Wille zur Gesundheit mit dem Gegenteil geschwankt. Es ist etwas in mir aus seiner Bahn. Vor dem Frieden werde ich nicht gesund. Und vielleicht ist es gut so.
Bezüglich der "Spannweite": ich hatte aber in der Zwischenzeit eine Karte u. einen eiligen Brief gesandt. Hast Du die bekommen? Von Dir wußte ich in den 10 Tagen garnichts.
Hast Du Biermanns um die Rechnung gebeten? - Ich lege 2 Karten bei, von denen Du Dir wohl die Adressen abschreibst.
Teile mir Deine Adresse immer rechtzeitig mit. Ich denke täglich an Dich und hoffe auf Tage, wo man wieder mit freierer Seele zusammen sein kann. Lebe wohl, laß Dich nicht quälen von dem Dornrösel und gedenke der <li. Rand> Guten Tage in Freudenstadt. Innigst Dein Eduard.
[Kopf] Hast Du von Heinzelmanns etwas gehört?