Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. November/1. Dezember 1916 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 30. November 1916.
Meine einzig Geliebte!
Du wirst mich immer ganz verstehen; das weiß ich. Aber Du hast auch recht, wenn Du mindestens nach den wichtigsten Daten fragst, die dazu erforderlich sind. Deshalb laß mich diesen Brief unter Übergehung des Täglichen den großen Grund- und Lebensfragen widmen, die mich bewegen.
Schon sonst war es so, daß eigentliche Arbeit im schöpferischen Sinne mich völlig absorbiert, so lange sie währt. Ich kann mit gleichgiltigen Menschen zusammensein, kann auch Briefe "erledigen", ich kann aber nicht zugleich mit meiner ganzen Natur bei einem Menschen sein, den ich liebe. Es geht nicht, so hart es klingt.
Dieser Zustand ist nun doppelt stark, weil ich nicht eigentlich aus freiem innerem Trieb an der Philosophie der Pädagogik arbeite, sondern unter Verdrängung von brennenden Tagesfragen und allerhand kleinen und großen Hemmungen. Unter Aufbietung großer Energie gelingt es mir, mein Gehirn bis zur Übersättigung mit den problematischen Gedankenreihen zu füllen. Es produziert dann, gleichsam aus
[2]
| Not, den rettenden Gedanken, irgendwann, vielleicht im Halbschlummer, selbst. Aber nur dann, wenn diese Übersättigung, die man auch Konzentration nennt, stattgefunden hat. Freilich ist es bei mir und bei meinem Stoff nicht eigentlich Konzentration; sondern wie ich Dir schon früher schrieb: ich muß den Stoff von allen Seiten her in den Mittelpunkt hinein denken; sonst "organisiert er sich" nicht. Er empfängt seine innere Formung in einem unsäglich schmerzhaften und quälenden Prozeß, bei dem mir niemand helfen kann, es sei denn ein Schwätzer, der mich für Augenblicke durch absolut Gleichgiltiges befreit.
Du wirst nun fragen, warum das alles denn durchaus jetzt sein muß. Aber die Antwort ist einfach. Nie wieder wird eine solche stille zusammenhängende Zeit kommen. Wenn man mich später einmal fragt: Wo waren Sie, als alle im Felde standen? muß ich vor mir selbst wenigstens sagen können: Ich habe damals das mit äußerster Anspannung getan, was meine Bestimmung war. Habe ich das Gefühl nicht, so kann ich im Zeitalter der Civildienstpflicht unmöglich hier oben sitzen und liegen oder Partien machen, zumal meine Genesung viel schneller fortschreitet als erwartet.
Du siehst also, daß nicht Gleichgiltigkeit oder
[3]
| Bequemlichkeit meine Nachrichten jetzt so selten macht, sondern eine ganz tiefe Lebensnotwendigkeit, der zu genügen ich mich täglich diszipliniere. Denn daß mir nur 2 Stunden am Tage bleiben, weißt Du ja selbst. Nicht so oft, wie mein Herz will, aber gewiß regelmäßig wirst Du von mir hören. Ein so intensiv lebender Mensch wie ich hat eigentlich das Bedürfnis, jede Stunde seines Tages mitzuteilen. Aber das darf nicht sein, weil es zu subjektiv ist. So verstehe ich die Askese. Es kommt hinzu, daß auch von außen alles zur Eile mahnt. Denn man wird mich kaum hier bis zum 13. April lassen. Und von Tag zu Tag kann ich weniger bleiben wollen.
Du bist zu gut und kennst mich zu tief, um in dem, was ich Dir sage, Undankbarkeit oder Kühle zu fühlen. Ich sehe ja die wärmeren Töne meiner Welt nur durch Dein Auge und ich habe Dir oft genug gesagt, daß Du allein außer dem, was mir als mein Werk vorschwebt, meinem täglichen Leben den Inhalt zu geben vermagst. Deshalb sei nicht ungeduldig, sondern hilf mir, diese <Wort unleserlich> zur Welt zu bringen, die nicht so leicht hingeschrieben ist wie unsere Freudenstädter Skizzen.
Ich bin seit vorgestern an einem toten Punkt. Das ist sehr übel, aber nicht zu verwundern, weil die Linie des Schreibens absolut nicht zusammenfällt mit der Linie oder vielmehr dem Netz des Denkens. Auch
[4]
| sind meine Kräfte ja noch immer schwach.
Dafür ist mir aber die Symmetrie des Grundschemas der Lebensformen (u. also der Bildungsideale) nach 3 jähriger Arbeit jetzt endlich aufgegangen, so daß die Einfachheit vielleicht eine Gewähr für die Richtigkeit gibt.
Hierüber bitte das beiliegende Blatt. Es ist ½11; ich breche heut ab.

1.XII.
Räche Dich nicht etwa durch Schweigen Deinerseits. Gerade jetzt brauche ich Deine Briefe mehr als je. Du wirst auch finden, daß die Pause bei mir kaum je länger als eine Woche war. Für den Pelzkragen herzlichsten Dank. Mein Hals geht gerade noch herein. Der Sack hat sich 2mal als sehr zweckmäßig erwiesen. Im allgemeinen ist es noch zu warm für 3fache Garnitur. Auch die Handschuhe sind zum Lesen angenehm. Ich lese nämlich noch viele Bücher, die mir Riehl für "Begabung u. Studium" genannt hat. Felix Klein habe ich zu Hilfe gerufen, an Troeltsch endlich 8 Seiten geschrieben. Kerschensteiner steht ganz an der Stelle meiner Probleme. - Neben mir sind Juden eingezogen, es wird laut; eben kommt der Meschores versehentlich zur Tür herein.
Wenn Du in Cassel bist, bitte ich erstens die Tante herzlich zu grüßen. Hoffentlich ist sie wohler als bei Deiner Abreise. Dann möchte ich eingeschrieben haben von der Vorlesung Paed. I. Winter 1913/4, die ganze Philos. Grundlegung. und von Paed. III. Winter 1914/5 den Abschnitt über Pubertät (so ungefähr 28.- 30. Vorlesung.) Da muß dann ein Zeichen hineingelegt werden, daß etwas fehlt.
Der Arzt fand meinen Zustand glänzend gebessert, was mit dem eignen Befinden übereinstimmt. Militärdienst nach s. Ansicht "ausgeschlossen", nach m. nicht. Allerdings eine Schneeballschlacht von 3 Min hat mich fast um den Atem gebracht. Ich kann ohne Mühe bis 200 m steigen. Rheumatismus zeigt sich bisweilen. Soll nach einer Theorie übhpt tuberkulös sein. Leuchtet mir ein, da Zshg mit Brustfell unbedingt vorhanden. Hoffentlich bist Du Deine Schmerzen nun für <li. Rand> lange los. Du mußt ja "brillant" aussehen. Grüße auch Knapsens. Für heute Schluß, mit <Kopf> Gruß und Kuß immer Dein Eduard.
[re. Rand] Briefe das nächste Mal zurück.