Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Dezember 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, Sonntag den 10.XII.16.
Liebe Freundin!
Heute kam ein gewichtiger Kasten, dessen Inhalt mir aber noch geheimnisvoll ist, weil ich keinen Schlüssel zu dem Vorhängeschloß habe. Er kommt wahrscheinlich im Brief, und ich möchte keinen voreiligen Gewaltakt begehen. Ehe ich Deine Zeilen habe, beginne ich aber schon zu schreiben, da ich verschiedene neue Anliegen habe.
Meine Nachrichten kann ich kurz dahin zusammenfassen, daß ich gesundheitlich zufrieden bin, daß ich aber diesen Gemütszustand nicht mehr lange aushalten werde. Es ist schlimmer als je. Alles, wodurch ich lebe - Hoffnung und Tätigkeit - hat keine Macht mehr. Ich sehe nur noch ein grauenvolles, erbarmungsloses Schicksal. Eben lese ich Walther Köhlers gesammelte Aussprüche. Warum hat mir die Natur nicht diese ständige Todesbereitschaft, diese geistige Selbstverachtung gegeben? Warum den Drang nach schaffendem Leben, den ich doch nicht retten kann vor der Umklammerung durch die Tag für Tag ungewisse Zukunft? Ich merke, wie meine
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| moralischen Kräfte in diesem unzeitgemäßen Klosterleben versiegen. Meine Nerven werden täglich schlechter; ich bin immer matt, ohne Initiative und Lust, und dabei kommt meine Arbeit täglich vorwärts, so daß es nicht daran liegen kann. Aber ich habe keinen Glauben, keine Liebe und keine Hoffnung für diese Arbeit.
Vielleicht haben ärztlicher und freundschaftlicher Rat mich in eine falsche Bahn getrieben. Wäre ich in Leipzig im Dienst geblieben, so hätte ich auch nicht mehr leiden können und wäre auf meine Art, in nutzbringender Arbeit zugrunde gegangen. Hier sitze ich, der ich nie eine Stunde im Leben ohne Not müßig war, in der Zeit der größten nationalen Kraftanspannung und warte tatenlos auf das Wiederkommen einer Gesundheit, die dann für mir heterogene Zwecke verbraucht werden soll. Diese Sinnlosigkeit ist nicht zu überkleistern; ich sehe, daß selbst die intensivste wissenschaftliche Arbeit mich nicht befreit, und ich weiß nicht, wohin das führt.
Freilich muß, solange man lebt, allerhand "abgewickelt" werden. Ich möchte zunächst Deine Ansicht hören über das Honorar für Benary. Er hat in guten Jahren als Hausarzt 300 M bezogen.
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| Das ist dann später auf 150 M herabgesetzt worden, und in den Jahren 1911-1915 war seine Tätigkeit damit bezahlt, da er ja nur noch eine Person statt 3 zu "bewachen" [über der Zeile] ! hatte. Dies Jahr kommt nun meine Krankheit hinzu, die eigentlich nicht mehr in den Kreis der hausärztlichen Verpflichtungen fällt, und die Assistenz bei der Operation am Ostersonntag. Zeit und Mühe hat er nicht gespart, wenn er sich auch sonst nicht mit Ruhm bedeckt hat. Ich dachte, ihm 300 M "ausnahmsweise" zu schicken. Solltest Du aber der Ansicht sein, daß 250 M (da er unsre Verhältnisse wohl kennt) auch genügen, so würde ich mich nicht sträuben.
Sodann bitte ich Dich, den Brief an Herrn Haas zu lesen. Zur Erläuterung für Dich lege ich die Karte von Friedmann bei. Findest Du mein Vorgehen trotz des Entschlusses, den Auftrag nicht zu übernehmen, richtig, so sende den Brief bitte eingeschrieben ab, aber ohne die Karte.
Nun die Frage der Weihnachtsgeschenke. Die Rungeschen Kinder und Ludwigs Töchterchen werden von Berlin aus bedacht. Für m. Vater, Paula, Frau Wilhelm, Frl. Kiehm, m. Tante, Erna Große, Riehls, Frl. Kolde u. a. sorge ich von hier aus. Aber Dir sind der kleine Heinz
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| und Caecilie zugedacht. Nur müssen die Kinder dies Jahr mit einem kleinen Zeichen des Gedenkens zufrieden sein. Also 3 Markartikel, obwohl ja 3 Markartikel jetzt 4,50 M kosten.
Im Felde oder Heer kommen in Betracht Nieschling, Morgner, ein Herr Wolf und - Willmann, dessen Adresse ich nicht weiß. Die anderen fallen diesmal aus, sind auch z. T. außer Sicht, zum Teil tot. Hans Heyse muß sich mit einem Brief begnügen. Wenn Du mit Biermanns einen Briefwechsel hast, so stelle doch Adresse und Neigungen des Sanitätsfeldwebels Reiche fest, damit ich mich erkenntlich zeigen kann. Und Biermanns wenn überhaupt (?), erhalten in der Person von Agnes u. Rösi Bauernkleinigkeiten von hier. Auch so komme ich mit Weihnachten auf fast 200 M.
Das ist um so erheblicher, als die erwarteten 300 M für "Begabung und Studium" wohl kaum eingehen werden. Umlauf hat so lange gebummelt, daß nun wohl keine Druckerei mehr Menschen für Nichtpolitisches hat. Trotzdem habe ich erklärt, am 15. auf meine Faust noch einen Vertrag zu suchen. Die Arbeit soll doch nicht umsonst sein.*) [li. Rand] Den Aufsatz vom inneren Frieden hat außer Wundt u. Muthesius niemand beachtet. Für heute Schluß; es ist spät, und ich habe meine bekannten Armschmerzen auf beiden Seiten.
Schlaf wohl, mein Liebes.