Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Dezember 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 14. Dezember 1916
5 Uhr.
Liebste Freundin!
Leider hat mir die Post auch heute keine Nachricht von der Tante und Dir gebracht. Wenn positive Schwierigkeiten vorliegen, bin ich natürlich unruhig, und Dein letzter lieber Brief war im Tatsächlichen ebenso andeutend wie in den Liebesgaben ausführlich. Wie steht es also mit der lieben Tante?
Und über Deine andre Sorge habe ich m. Auffassung nicht ändern können, gerade weil ich solche peinlichen Überraschungen aus Erfahrung kenne. Wenn man etwas an einer Stelle bestimmt erwartet und nicht findet, so entsteht eine Schreckverblödung, die den ordentlichen Ablauf der Gedanken hemmt. Sicher hast du bei früherer Gelegenheit aus guten Gründen die Papiere dislogiert. Ist das aber nicht der Fall, dann muß doch irgend eine Verdachtrichtung entstehen. Denn von selbst verschwindet
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| nichts. Wie gern ich das Nähere hören möchte, kannst du dir denken. Also bitte: die ganze Wahrheit.
Der reiche Inhalt deiner Sendung war mir um so rührender, als Ihr beide das alles doch mindestens so nötig braucht als ich. Du hast zu viel abgegeben. Sende nun nichts Essbares mehr. Es ist hier - wenn auch nicht billiger, so doch leichter aufzutreiben, als in Cassel, falls Not ist. Ich füge als Zeichen meines guten Willens die Biermannsche Marmelade bei, von der mir Kerschensteiner einen Löffel genommen hat.
Die Friedensaktion hat mich unmäßig glücklich gemacht und, was auch der Erfolg sei, durch und durch befriedigt. Ich halte den Schritt für politisch klug, für edel und groß und für historisch unauslöschbar. Zugleich wird dadurch bei uns eine ganz neue Kriegsbegeisterung, bei den andern Revolution vorbereitet. Ich schwimme in längst verlerntem Glück.
Befinden ist dabei nicht sehr berühmt. Ich bin
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| immer abgespannt, habe Schmerzen in den Armen, die Arbeit schreitet nicht fort, und überdies habe ich oft zu störenden Zeiten störende Gesellschaft zu erdulden. Eine Ausnahme macht Felicitas Witting, mit der ich in einem friedlich-feindlichen Verhältnis lebe; sie siegt auch meistens beim Halma und immer im Schneeballgefecht.
Eben war ich beim Doktor. Er meint, daß ich doch das Maximum vor Weihnachten noch abwarten soll. Dann soll eine Pause eintreten.
Die Feldadressen schicke ich dir nicht. Du hast weder Zeit noch Gelegenheit, Esswaren zu ergattern. Höchstens denke an Morgner, dessen Operation wegen einer Geschwulst am Bein verschoben ist und der inzwischen dagegen - künstliche Höhensonne anwendet.
Eine unerschöpfliche, aber fast nur noch freundschaftliche Post. Darunter Frau Paulsen. Von Frau Rohn höre ich nach jener mir unverständlichen Karte nichts. An Strümpell haben sowohl Bardenheuer wie ich geschrieben. Der kl. Scholz wieder sehr krank, liest aber, obwohl er sonst liegt.
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| Ich erfahre es heut durch einen sehr lieben Brief von Elisabeth v. Orth.
In dem Packet sind lauter kapute Sachen. Es tut mir fast weh, wenn ich es mit Deinen Gaben vergleiche. Tintenfaß kommt in Gebrauch. Wollen wir uns einen heiligen, gegenseitigen Eid schwören, daß wir uns beide nichts zu Weihnachten schenken, was Geld kostet? Es ist der Zeit gemäß. Von deinen Nachrichten wird ja auch die Frage des Wiedersehens abhängen. Du kennst meine innere Stellung, die zu verstehen ich keinem andern zumuten könnte als Dir, die Du ein Teil meines Inneren bist. Wenn die Friedensangel auch nur in Rußland wirkt, will ich schon aufleben.
Ich grüße Dich, die Tante und den Onkel herzlich
immer in Liebe und Dankgefühl
Dein
Eduard.