Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24./25. Dezember 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, Heiligabend 1916.
Mein liebes Kind!
Die Christbaumlichter schmelzen alle Herzen, und nach all Deiner Liebe ist selbst mein Wutschnauben besänftigt; aber eine Wehmut blieb doch übrig, und die muß ich zunächst von der Seele haben.
Daß es nur Vernunftgründe waren, die mich von einem Zusammensein abraten ließen, das weißt Du, ohne daß ich es wiederhole. Es ist hier, und besonders im Hause, noch viel viel gräßlicher, als ich es mir vorgestellt habe. Aber nach Deinen letzten Briefen sah ich Deinen Entschluß doch als so fest an, daß Zimmer Nr. 25 für Dich von mir reserviert wurde und daß ich am Sonnabend um 10 an der Bahn war, da ich mit Bestimmtheit annahm, daß Du kämst. Mag nun auch alles begründet und berechtigt sein: mein ganzes Herz, das sonst an einzelnen Tagen nicht besonders hängt, hatte sich auf Dein Kommen eingestellt, und ich muß nun mich
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| erst wieder umgewöhnen. Denn so ein Philosoph bin ich doch nicht, daß mir „Dein Bild in meinem Herzen“ genügen sollte, wenn ich Dich selbst haben kann. Du wirst das nicht für einen Widerspruch halten: Sonst wäre ich über den Tag hinweggeeilt; nun fühle ich mich einsam und enttäuscht.
Aber Du hast alles getan, um durch Symbole, durch liebe Worte und Geschenke bei mir zu sein. Das ist nun ein weiterer Schmerz, daß ich gestern um 12 Uhr, als Dein Brief kam, weder ein Packet noch einen Weihnachtsbrief so schnell zurechtmachen konnte. Während Du mal wieder in allem bis ins letzte an mich gedacht hast, bin ich damit noch trauriger gestellt als andre Jahre. Nicht einmal das ist mir ein Trost, daß Du die Geschichte versiebt hast, sondern es ist eigentlich und wahrhaft traurig.
Dein Bäumchen hat eben gebrannt. Es ist in allem so hübsch und sinnig wie alles, was von Dir kommt. Es war auch das erste, das kam. Eben (um ½ 11) kam noch ein gekauftes von Frl. Kiehm und das Riehlsche ist noch auf Wanderschaft. Dabei muß ich dies auch gleich berühren: das sog. Praktische an Deiner Abneigung, mit Riehls zugleich
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| hier zu sein, verstehe ich; wir hätten uns nicht ungeteilt gehabt. Aber deshalb hätte ich Dir nie abtelegraphiert, und ich glaube, Mutter Riehl würde es verächtlich von mir finden, wenn ich so dächte. Da ist dann doch nur das Gefühl: wir sind zusammen. Und wie soll sich je zwischen Euch die Ruhe bilden, die sicher käme, wenn Ihr Euch kennen lernt - wenn Du Dich „mit allen Zeichen des Entsetzens beiseite krümmst“?
Mit Andacht und Liebe verweile ich bei all Deinen Gaben. Da sind alte liebe Bekannte (auch der Rum rühmlichen Gedenkens) und neue Einfälle. Die Leerheit, die diese schöne Brieftasche mit der alten einfachen teilt, würde mich in der Tat veranlassen, mich an dem Patenthaken aufzubaumeln, wenn nicht in der alten ein Bild steckte, das ich mit tiefer, tiefer Wehmut heut betrachte - das Bild von Neujahr 1888! - und in der neuen ein Bild, das mich mit dem Leben tiefer verbindet, als alles andre. So will ich Kraft suchen für 1917. Und Du habe Geduld mit mir.
In meiner engen Stube habe ich nicht Raum für die Zeichen liebevoller Freundschaft, die bis jetzt schon eingetroffen sind. Ich habe noch
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| nie so viel bekommen, wie in diesem Winter der Not und Armut. Tief erschüttert danke ich dem Leben, das mich immer wieder reicher macht, als ich verdiene. Hervorheben will ich, was mich am meisten freut. Das übrige folgt nun als Liste und ist mir doch bis in das Kleinste, bis zur Packung und dem Tannenzweig in seiner Weise gleich lieb. Am liebsten verweile ich bei einem kleinen Heft Photographien, das mir Adelheid gemacht hat: ein Compendium Riehlschen Lebens: Voran er in allen Stellungen vom Talar bis zum Bergsteiger, die Mädchen, Klösterli, 70. Geburtstag, Eibsee u.s.w.
Also Riehls: Mutter Riehl das Kalenderchen.
Vater Riehl: Füllfederhalter (Schwert durch meine Seele! Sofort gekleckert!)
Lore: eine gestickte Serviettentasche.
Adelheid: Photographien. (s. o.)
Elisabeth v. Orth: silbernen Brieföffner.
Biermanns: Die ganze Leipziger Messe, mindestens 15 Packete Fressalien in bunten Papieren und silbernen Bändern, ein lustiger Anblick. Einzelheiten noch unübersehbar. Von ihm 2 Bücher.
Dora Thümmel:Der heilige Gral (so habe ich die rote Ampulle gleich getauft) und ein selbstgearbeitetes durchbrochenes Deckchen darunter.
Marg. Hilgenfeld:Liebevoll sortierte Fressalien.
Therese Zangenberg:4 Chrysanthemen.
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Kiehm:Weihnachtsbaum
Marianne Götze:Die belgischen Aktenstücke.
Felicitas und Andreas Witting: Die richtige Schüssel mit Äpfeln und Pfefferkuchen. Beide kamen damit an. Daß ich in Felicitas mit allen Restbeständen meines armen Ich verliebt bin, weißt Du noch garnicht. Sie ist mein Weihnachtsengelchen, und Du bist dadurch allein genug bestraft, daß Du sie nicht siehst. Sie war übrigens sehr eifersüchtig und fragte, wer da käme, die rechts, die links oder in der Mitte (m. Mutter.) Als ich dann allein von der Bahn kam, freute sie sich.
Nachdem ich Dich im vorstehenden mit den wollenen Handschuhen, die ich eigens zu diesem Zwecke in deinem Packet vorfand, [über der Zeile] glimpflich angefaßt habe, will ich ein wenig von den letzten Tagen nachholen, während draußen die Glocken mäßig zur Christmette läuten.
Es ging nicht gerade prima. Ich will die Sache weiterverfolgen und Dich heut nicht beunruhigen. Wahrscheinlich habe ich mir zuviel zugetraut, d. h. Arbeit, denn zum Gehen bin ich wenig aufgelegt. Vor allem habe ich mich mit Briefen und Besorgungen zu Weihnachten überanstrengt (und Du kommst so schlecht dabei weg!) Übrigens um die 50 ich frage
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| Dich nicht: meine Weihnachtsausgaben von hier aus betragen schon über 200 M. Damit hängt nun zusammen, daß ich ein bißchen viel geschrieben habe. Der Aufsatz über Weisers Shaftesbury wurde in 3 Tagen fertig und verschickt. (Vielleicht ein bißchen zu ablehnend.) Und in weiteren 3 Tagen schrieb ich bis gestern "Gedanken über Organisation", von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie in den Papierkorb werfe oder an G. B. für die "Hilfe" oder an die "Europäische Zeitung" schicke. "Von der ewigen Renaissance" ist schon korrigiert. Daneben lief nun die ungeheure Korrespondenz, in der neben vielem Lieben zwei Karten sind: Grete Haas und Susanne Conrad. Ich werde Dir den Briefwechsel ad 1. schicken. Sie will den betr. Brief v. Friedmann*) [Fuß] *) schicke doch bitte die Karte.; der liegt aber in m. Schreibtisch in Leipzig. Und den Schlüssel zu Friedmanns Schreibtisch kann ich ihr auch nicht schicken; sie möchte ihre Briefe herausnehmen. Ich glaube, daß ich sie ihr geben dürfte; aber an den Tisch darf sie nicht. Mit S. C. ist es das alte Lied. Du hast damals (wie ich nachträglich bestätigt finde) ganz richtig vorausgesehen, daß die Absicht einer Freundschaft vergeblich sei, da es ihr eben an Inhalt fehlen müsse. Ich empfinde das
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| Schwere für sie, kann aber doch gegen dieses Naturgesetz psychologischer Entwicklung nichts machen.
Warum die so läuten. Hier im Hause ist eine Judensippschaft zum "Fest" eingetroffen, davon kannst Du Dir kein entferntes Bild machen. Waldeck ist dagegen ein Taufbecken. Solche Gesichter, solche Nasen - und täglich kommen neue. Es ist in der Tat mehr als ungemütlich.

1. Feiertag, nicht sehr früh.
Es regnet und ich habe den Hexenschuß. In meinem Zimmer kann ich mich nicht bewegen - alles ist voll von Geschenken und muß so liegen bleiben, bis Felicitas es gesehen hat. Schon immer wollte ich Dich fragen, ob das Packet, mit dem Lesepult etc. und dem Brief (der das Vermißte enthielt) endlich angekommen ist. Und - noch habe ich nicht genug gedankt - da kommt schon eine neue Bitte: sind das meine Taghemden alle, die ich hierhabe? Damit komme ich nicht aus. Wenn Du noch welche hast, dann schicke doch bitte. Es wird mir allmählich ganz schrecklich, daß ich immer nur bitte und nehme. Du hast so viel Packete für mich und meine Freunde gemacht, und nun kommt gar dieser Brief erst
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| am 3. Feiertag. Das aber ist Deine Schuld, und ein dunkles Kapitel. Wenigstens hast Du dadurch erreicht, daß ich zum Heiligen Abend hier blieb. Sonst wäre ich wohl ausgerissen.
Der Brief muß an die Post; ich will den für Gertrud Bäumer auch gleich fertig machen. Überhaupt - mein Schreibbureau - mir graut. Hoffentlich habt Ihr die Feiertage mit Gesundheit und in Zuversicht auf den Frieden, (die ich wenigstens mir unerklärlicher Weise habe) verbracht. Der Rembrandt war hier nicht einmal gebunden zu haben; den anderen ist es ebenso gegangen.
Frl. Kiehmfragt nach Deiner Adresse. Ich habe sie bis jetzt nicht genannt, damit Ihr beide nicht zu schreiben habt. Nelly Pelargus sandte Brief u. Ms. Johanna Wezel langen Brief. Vieles ist wohl nach Leipzig gezogen.
Wie geht es dem Onkel? Euch alle grüße ich herzlichst und ich bitte Dich, mein Weihnachtsverhalten nicht nach als Maßstab für das zu nehmen, was Du mir immer warst und bleiben wirst. Du bist - nämlich das Karnickel. Aber die fangen ja jetzt auch an, genießbar zu werden.
Innigst dankbar in Liebe
Dein Eduard.