Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1916 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, Silvester 1916.
Liebste Freundin!
Ich hoffe, daß Du Dich inzwischen über das Mißgeschick unsrer Verabredungen beruhigt hast. Die Hauptschuld trägt der Brief, der 4 Tage gegangen ist. Damals war es für mich zum Absagen zu spät; die Entschließung Deinerseits aber kam in einem Augenblick, als ich schon mit Bestimmtheit auf Dein Kommen rechnete. Die nachfolgende Telegrammgeschichte war vom Übel. Ich liebe Telegramme an sich nicht: sie sind für mich Ausdruck von Notlagen oder Ultimaten. Dein „dringendes“ Telegramm wurde mir durch das Bureaufräulein mündlich mitgeteilt, und das genügte mir, um die Stimmung für die Sache zu rauben. Rückblickend finde ich den Entschluß auch aus neuen Gründen nicht unglücklich: Das Wetter war hier vom Heiligen Abend an unerträglich: warm, Tauwetter, Sturm, der Schnee ist von den niederen Bergen ganz fort, und jetzt wütet noch ein furchtbarer regnerischer, warmer Wind. Ohne Temperaturerhöhungen zu erzeugen bewirkte das bei mir lokale und allgemeine Schmerzen, verbunden
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| mit einer abnormen Müdigkeit. Ich verschlafe zu viel Zeit und brauche den Rest nur noch für Briefe; das ist ein Zustand, der weder durchführbar noch zu rechtfertigen ist. Aber ich schweife ab: wir hätten viel im Hause bleiben müssen, hätten es nicht getan und uns so vielleicht neue Erkältungen geholt.
Ob Du mein Verhalten so "ganz" verstehst, muß mir nach allem zweifelhaft sein. Die Sache liegt aber bei mir ganz einfach: ich habe den Gedanken in mir nicht aufkommen lassen. Denn ich glaube, man muß sich jetzt Wünsche versagen, teils aus dem Ernst der Teilnahme für die, denen kein Wiedersehen erlaubt ist, wenn sie auch noch so viel Sehnsucht danach haben, teils um der Ersparnis willen. Ich fasse meinen Aufenthalt hier als eine verhängte Notwendigkeit auf und möchte, so weit die Kraft reicht, arbeiten. Du würdest erstaunt sein, wenn Du wüßtest, wie gleichgiltig ich hier gegen Landschaft und jede Art des Genusses bin: Zweimal bin ich Eisenbahn gefahren, viermal abends ausgegangen; die nächsten Ausflugsorte habe ich noch nicht gesehen. Nenne diese Grundstimmung falsch - ich kann nicht gegen sie. Sie erklärt, daß ich nicht "zugeraten" habe. Und Du mußt Dich dadurch nicht gekränkt fühlen.
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Hinsichtlich der Familie Riehl als Hinderungsgrund beziehe ich mich auf das, was ich schon gesagt habe: ein solches "Auswechselungsverfahren" leuchtet mir nicht ein.
Das Jahr geht zu Ende, und das neue beginnt mit ungewissem Dämmerschein. Wenn ich zurückblicke, so finde ich in mir nichts Rühmliches. Ich war nicht nur körperlich entzwei, sondern auch seelisch. Ja ich kann nicht einmal sagen, daß ich die Herrschaft über mich schon wiedergefunden habe. Ich habe das Erlebte nicht produktiv verarbeiten können. Ob es dahin kommt, wird das neue Jahr entscheiden. Um so tiefer empfinde ich die Liebe und Treue, mit der Du zu mir gehalten hast. Was Menschen einander erleichtern können, hast Du getan. Vieles freilich ging "über die Kraft." Wir wollen weiter gemeinsam gehen. Das ist mein höchster Wunsch, daß mir Deine Liebe erhalten bleibe und daß sie es könne, ohne einem Unwürdigen zu gelten.
Am Freitag war Willmann von München aus hier. Er hat einen Nervenkollaps von der Somme mitgebracht. Seine Gesinnung für mich ist immer treu und freundschaftlich; ich weiß nicht, warum ich auch diesmal wieder nicht imstande war, sie voll zu erwidern.
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Es sind noch allerhand Weihnachtspakete gekommen; auch viele freundschaftliche Briefe. Der Wolf ist auf Urlaub zu Hause. Ob er das Packet später noch bekommt?
Befremdend ist mir, daß ich von meinem Vater seit dem 24.XII. nichts gehört habe. Auch Paula hat weder zu Weihnachten noch nachher geschrieben. Ich kann nicht hindern, daß das in mir immer ein Schwanken zwischen Befürchtungen und Mißtrauen hervorruft. - Strümpell war krank, auch Leistenbruchoperation; schreibt jetzt sehr nett. Mein hiesiger Doktor ist selbst starker Lungenkanditat u. augenblicklich so krank, daß ich ihn nicht stören mag. Ich möchte wissen, ob der Nerventiefstand von der Lunge kommt, von der Luft, oder von der Arbeit. Mein Aufsatz über Shaftesbury ist mal wieder zu lang; ich habe dem Redakteur doch damals gleich geschrieben, daß die ganze Sache nicht für ihn passe. Heute bekam ich 100 M für Staatsexamensarbeiten u. eine ausführliche juristische Begründung, weshalb m. Steuerreklamation erfolglos bleiben muß. - Felicitas wächst mir täglich mehr ans Herz.
Ich werde heut Abend allein sein und nicht aufbleiben; doch denke ich mich mit Schreiben und Denken zu beschäftigen. Es ist im stillen an Dich gerichtet und eine tiefere Form des Neujahrswunsches als das bloße Prosit! Aber auch das soll nicht fehlen. Möge die liebe Tante gesund anfangen und bleiben, Du selbst aber die Sorgen beiseite lassen, die aus flüchtigen Mißverständnissen der Verabredung erwachsen sind.
Ich bleibe ewig in Liebe Dein Eduard.

[Kopf] Briefe an von Herre, Schröbler, Holzhausen, Tante Bertha, Haas, Agnes u. Rösietc.
[li. Rand] Am 6. wollte Kerschensteiner kommen.