Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. Januar 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 4. Januar 1917.
Liebste Freundin!
Heute seit 10 Tagen ist zum ersten Mal kein Sauwetter. Die Wärme hält an, aber die Sonne strahlt. Was Wunder, daß ich mit meinem Freund Nußbaum, Bankier in Frankfurt a. M., seiner brav philosophischen Gemahlin, den Nichten Beate und Erna sowie Thea Nathan, wozu sich nachmittags noch die beiden kleinen Friedbergs scharten, einen großen Ausflug gemacht habe. Nußbaum rechnet laut Schrittmesser vorm. u. nachm. 20 km. Ich war müde, aber bei ganz normaler Temperatur, als ich heimkam. Vormittags ging es auf den Gschwandner Bauer zwischen P. u. Mittenwald, einem sonniges Gehöft 1020 m mit Blick über zahllose Berge; nachmittags auf die Almhütte bei Garmisch u. den Kramerplateauweg. Nußbaum war im September in Waldeck in Freudenstadt; Du hättest ihn also auch kennen lernen können.
Gestern war in meinem Zimmer Kinderstube, die Du so oft an mir vermißt hast. Es
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| fanden sich ein Felicitas und Anderl Witting und der Julius Oppenheimer. Wir haben 2½ Stunden "gespielt". Mir blieb dann ½ Stunde zum Waschen, was nicht ganz reichte. Marcel, der Sohn von Melusine Drescher, hatte leider den interessanten Nachmittag versäumt.
So ist mein Leben; der Rest ist teils Schlaf, teils Schmerzen. Die ganzen letzten Tage war es fast so wie damals, als ich dem Zschocke seinen Unsinn glaubte: die ganze rechte Seite tat wieder weh. Aber die Temperaturen waren morgens 36,4, abends 36,9. Sie blieben, trotz Schmerzen, auch nach 20 km. Laufen 36,9. Also hat die Sache nur die Bedeutung eines lästigen Phänomens, das mir zugleich weitere Vorsicht anempfiehlt. Gearbeitet habe ich infolgedessen im neuen Jahr fast nichts; nur bin ich jetzt innerlich mit dem Knoten fertig, der bei der Theorie der überindividuellen Subjekte auftauchte. Wenn Kersch. nicht übermorgen kommt, so kann ich es nur aufschreiben.
Heute fand ich einen langen Brief von Gertrud Bäumer. Sie freut sich riesig über m. Aufsatz (was wieder mich freut) und erzählt von ihrer Neugründung. Sonst hatte ich Briefe von Vater Scholz,
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| Paul Gerhard Scholz (Philipopel.) und Willy Böhm und vielen andern. Wie fest ich Dein Kommen erwartete, sehe ich jetzt aus den vielen Neujahrsgrüßen, die für Dich mit beigefügt sind: aus dem Kopf fallen mir nur ein: mein Vater, mein Onkel, Dora Thümmel, Kiehm, Frau Rohn (die es von Dir aber anders wußte.) Es kommt mir ja nicht darauf an, Recht zu behalten, liebes Kind. Aber ich behalte Recht, und das ist die Hauptsache. Denn wer erst absagt, nachdem der andere bereits an der Bahn war zum Abholen, der ist das Karnickel, und nicht ich.
Ich danke für die Hemden, die gerade im höchsten Moment kamen und für die Chokolade. Ich werde mein Herz knicken und felicitas nichts davon abgeben. Dir schicke ich die große Büchse Honig von Biermanns und die kleine von felicitas Kolde. Außerdem ein krankes Hemd. Das übrige ist Staffage, um hier Raum zu bekommen und den Kasten zu füllen. Für heute will ich mal Schluß machen; es ist ½ 10, und Schlafen ist bei mir jetzt Lebensinhalt. Schlaf wohl!
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5. Januar, nicht zu früh.
Ich danke Dir für das Kalenderchen und füge meinen bescheidenen, aber ebenso herzlich gemeinten, bei. An dem von Dir gewünschten Ledertausch kann ich mich im Augenblick noch nicht beteiligen; denn Portemonnaies gibt es hier nicht in geeigneter Qualität, und außerdem bin ich gewöhnt, meine Sachen, auch wenn man sie nicht mehr tragen kann, noch ½ Jahr zu tragen. Deine Brieftasche kommt also erst an einem feierlichen Moment an die Reihe. Die Kreise zu erläutern fehlt mir diesmal die Ruhe. Zwei Worte aber bezeichnen das Neue: Liebe ist Wesensverschmelzung (partielle oder totale) mit Menschen, ästhetisches Verhalten Wesensverschmelzung (partielle oder totale) mit Ausschnitten der Sachwelt. Ich glaube, daß ich jetzt dem Formproblem näher gekommen bin. Man muß in jeder Kunst unterscheiden: Eigengesetz des Objekts (Stoff u. Material), Gesetz des Subjekts (Ausdruck, Beseelung) u. Verschmelzung beider: Form. (cf. Universalität, Individualität, Totalität!!)
Es wundert mich, daß Du an dem Brief von Frl. Engel-Reimers keinen Anstoß nahmst. Mir ist dieser Ton unerträglich. - felicitas Kolde schickt schon wieder ein Täubchen.
Sorge nur dafür, daß die Tante recht vorsichtig ist. Das Wetter ist ganz heimtückisch; heute nasser Schnee. Und von dem Trinchen Morgental erzähle mir mehr. Dieser Fall kennzeichnet unsre Welt, die die meisten nicht kennen. Wir klagen über Ernährung. Und diese Kreise? - Ich muß abbrechen u. den Kasten packen. Habe tausendfachen Dank für Deine treue Sorge u. behalte mich lieb wie ich Dich.
Dein Eduard.

[li. Rand] Herzlichen Gruß an Tante und Onkel.
[Kopf] Frau Riehl -verschleppte Influenza- Berlin W 15, Kaiser Allee 15.