Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. Januar 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 18. Januar 1917.
10 Uhr abends
Liebste Freundin!
Zunächst eine historische Feststellung: ich habe natürlich am 31.XII. einen Brief an Dich geschrieben; Du erwähnst ihn nicht, ich hoffe aber, daß Du ihn bekommen hast, obwohl es jetzt mit der Zuverlässigkeit der deutschen Post nicht ganz geheuer ist. Deine lieben Zeilen vom 12. Abends sind am 15. hier eingetroffen. Inzwischen habe ich Dir aus Elmau eine Karte geschrieben. Das war wieder ein Weg von 3 ½ Stunden, leider bei scharfem Wind, aber landschaftlich ganz wundervoll, tiefe Schneelandschaft zwischen Karwendel und Wetterstein im Sonnenglanz. Seitdem lebe ich wieder sehr maßvoll im Gehen, aber für den Balkon ist kein Wetter, es schneit und ist windig.
Daß Du in die Klasse der Festbesoldeten gekommen bist, nimmt mich freudig Wunder. Nach meiner Kenntnis der Verwaltungsgrundsätze kann Dir der Prof. aus einem Dispositionsfonds etwas anweisen. Wirkliches Gehalt aber gibt es nicht ohne feste Dienststunden und "Arbeitszwang." [re. Rand] Schröbler ist zum 22. I. eingezogen.
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| Es wird sich also wohl um den ersten Fall handeln; und mich beruhigt es natürlich, wenn ich weiß, daß Du nicht angebunden bist.
Ich habe mir, um beim Finanziellen zu bleiben, von meinem Doktor die Rechnung für das abgelaufene Jahr schicken lassen: 199 M. Den Herrn zu besuchen ist nicht billig (6 M); sich untersuchen lassen kostet jedesmal 10 M. Da hatte Budenbender, pardon, Bubenhofer andre Preise. Nun ist ja der Qualitätsunterschied unendlich groß. Bei der letzten Untersuchung am 8. Januar war er wieder "recht zufrieden". Ich soll jetzt hauptsächlich die Atemgymnastik betreiben. Das geschieht recht lückenhaft. Ich fühle mich summa summarum nicht berühmt. Symptom dafür ist mein zerstreuungssüchtiges Leben. Aber da ich doch nichts Ordentliches tun könnte, so bringt mich der nette Kreis wenigstens über die Stimmungsnöte hinweg. Das ganze Haus ist jetzt wieder voll. Lauter wenig versprechende Figuren. Am Dienstag reisen Herr Müller u. frl. Waller; dann bin ich wieder mit dem fleißigen Maler allein.
Und felicitas ist krank. Beim Rodelunterricht,
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| den sie dem Dr. Müller [über der Zeile] 66 Jahre und mir erteilte, ist ihr durch die aufgelösten Nähte ihres rechten Stiefels der Katarrh hineingekrochen. Sie liegt jetzt schon 3 Tage, abends 39,8, morgens 38,6. Ich besuche sie schonend und erzähle ihr Geschichten. Gestern bekam sie sogar Cakes mit einem Gedicht, das Frau Witting als Akrostichon erkannte. Heute sagte sie mit ihrem munteren Stimmchen: "Sie können mir jeden Tag so eines machen." Na, da hab' ich dann also heute wieder rangemußt.
Zur Beantwortung Deiner Fragen: die Pläne von Gertrud B. haben Hand und Fuß. Ich werde darüber ein paar Zeilen schreiben. - Meine Steuerreklamation ist nach dem Buchstaben genau beantwortet: es ist keine Einnahmequelle ganz weggefallen, wenn auch der Ausfallbetrag erreicht ist.
"Mein wiederholter Zweifel in Deine Liebe" - was Sie denken is nich! Weiß der Himmel, wo Du das herhast.
Meine Korrespondenz behält ihren fluthaften Charakter. Nur habe ich es jetzt aufgegeben, mit ihr zurecht zukommen. Ich habe 3 Dissertationen hier, von denen ich heut die eine erledigt habe; nun
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| kommt die Preisarbeit von Hildegard Trescher heran. Die Korrekturen der über 90 S. langen Broschüre sind in erster Lesung beendet. Frau Riehl ist sehr zufrieden. Ich wünschte manches anders. Der Shaftesburyaufsatz ist abgelehnt, doch habe ich mit dem Redakteur eine deutliche und mich befriedigende Aussprache gehabt.
Nicht so gut ist eine Angelegenheit des Koll. Bergmann abgelaufen. Er hielt seine Übungen im Rahmen meines Seminars ab. Ich hatte ihn dazu eingeladen, ohne gegenseitige Verpflichtung. Eine Remuneration konnte ich ihm während des Krieges nicht verschaffen, zumal er oft Semester lang nicht las. Jetzt teilt er mir mit, daß er von Volkelt aufgefordert sei, in dessen Seminar überzusiedeln. Volkelt schreibt mir, daß er nicht den mindesten Einfluß geübt habe. Die Karte von ihm, die B. beigelegt hatte, sah allerdings etwas anders aus. Der wahre Grund ist, daß B. sich über die Heranziehung von Lipsius zu m. Vertretung geärgert hat u. mich nun strafen will. Ich habe ihm ebenso liebenswürdig geantwortet, daß ich ihm zu seinem Schritt Glück wünsche und hoffe, daß er seinen Zwecken förderlich sein möge.
Für heute gute Nacht!

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19.I. "früh" 10 Uhr.
Ich lege die Akten des Falles Friedmann bei. Nachdem ich den Brief von der Frau bekommen habe, ist bei mir der letzte Strick gerissen. Ich danke für diese noble Freundschaft.
Leider reißt auch sonst alles bei mir. Ich habe keinen ganzen Strumpf mehr. Demnächst muß ich allerhand kaufen, besonders: Strümpfe, Chemisettes und Krawatten. Weißt Du, was davon bezugsscheinpflichtig ist und wo man die bekommt - in Leipzig? Für frdl. Nachricht wäre ich sehr dankbar.
Morgner hat Trombose. Außerdem Sehkörpertrübung. Also wird es im günstigen Falle noch recht lange dauern.
Und wie lange wird der Krieg dauern? Die Gegner müssen doch annehmen, daß wir im Laufe dieses Jahres aus irgend einem Grunde nicht mehr können? Die Ernährungsfrage bleibt ernst, obwohl unser Viehbestand glänzend sein soll. Aber das ist keine Volksnahrung. -
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| Solange der Krieg dauert, ist alles Leben wie suspendiert. Ich habe nun auch die erste (sichere) Hälfte meines Urlaubs überschritten. Ich fühle, daß ich auch im April noch nicht militärfähig sein werde. Aber man wird es versuchen, und dann fange ich mit der Pleuritis noch mal von vorne an. Denn jedes Marschieren unter Widerständen (wie Wind und Schnee) erzeugt rechts eine Reizung, die gewiß bei längerer Fortsetzung wieder zur Entzündung führen würde. Mich schrecken die widrigen Formen von Gestellungsbefehl etc. im voraus.
Nun muß ich mal aufhören, obwohl das auch kein rechter Brief ist. Ich bin z. Z. nicht so recht "bei mir." Der lieben Tante geht's hoffentlich besser. Trinchen Morgental ist ein Fall für feste Hände, d. h. höchstens für das Jugendfürsorgeamt, nicht für Deine empfindliche Seele.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: "Behalte mich lieb!"
Herzlichst Dein
Eduard.