Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. Januar 1917 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 29. Januar 1917.
Liebe Freundin!
Diesmal machst Du die große Pause. Ich hoffe nur, daß es bei euch "im ganzen" gutgeht und daß ihr noch etwas zu essen habt. Denn die Berichte aus Berlin sind wirklich besorgniserregend: die bestgestellten Leute hungern und frieren. Wie soll es da erst dem Volk gehen? Man darf - da man ohnmächtig ist zu helfen - nicht zu viel darüber nachdenken. Die Zukunft ist ein unglaubliches Fragezeichen. Wohin treiben wir? Der Angriff durch die Schweiz scheint wieder einmal Bluff. Man spricht aber jetzt (gut verbürgt) von Landung in Holland, das zu energischer Gegenwehr entschlossen sein soll. Hier ist alle Marine abberufen. Allgemeine Urlaubssperre bis 19.II. Wir gehen offenbar der weltgeschichtlichen Aktion entgegen.
Wie es ist, während solcher Zeit inaktiv zu existieren, ist nicht einmal zu berichten wert. Du wirst es begreifen, wenn ich -bei meiner Ohnmacht, - anderes zu tun, - Ablenkung nicht als unwillkommen empfunden habe, obwohl ich im Anfang anders über meine Zwecke hier dachte. Ich bin aber auch gesundheitlich vorwärtsgekommen. Denn nur so überwinde ich einen Grundton von Müdigkeit. Also: es war ein wirklich netter Kreis. Der Dr. Müller aus Leipzig u. s. 3 Adoptivkinder: Maler Baierl, Schwester Elisabeth Waller aus Bonn (zus.) und der Professor. Seit Sonnabend ist er ganz gesprengt. Da reiste auch die Dame ab; der Maler, der übrigens wiederkommt, hat uns inzwischen eine futuristische Radierung geschickt, die alle unsre Gesprächsthemata umfaßt. Du wirst sie später sehen. Während dieser Zeit habe ich nur zwei Dissertationen u. die Korrekturen v. "Begabung und Studium" erledigt; an der letzteren fehlen noch 2 Bogen in 2. Lesung, dann ist das Ding endlich fort und ich habe meinen Kopf freier.
Die ganze Pension ist voll, allerhand Leute, die ich nicht kenne und nicht kennen lernen will. Felicitas ist wieder gesund - ich weiß nicht, ob die
[2]
| 3 Gedichte von mir geholfen haben. Ich habe auch eines bekommen (folgt später.) Wir (Frl. Waller u. ich) haben sie auch einmal nach Mittenwald mitgenommen. Das war nicht ihr liebenswürdigster Tag. Auch frau Witting hat durch Launen ein paar Mißtöne hervorgebracht. Du weißt, wie schneidend ich das empfinde, wenn ich gerade auf dem Wege bin, mich jemandem etwas aufzuschließen. Aber um des Kindes willen nehme ich mehr hin, als ich sonst täte. Dieses kleine Goldköpfchen kann ich nicht mehr entbehren. Es ist mir am liebsten, wenn sie mir morgens das Frühstück bringt. (Hier klopft sie und bringt mir die Abendzeitung.) Wir sind jetzt bei ganz lehrhaften Sachen. Überhaupt bin ich "Erziehungsbeirat" der W.schen Familie.
So muß man sich seine kleine Welt schaffen, wenn man aus der großen ausgeschlossen ist. Die wichtige Tatsache, daß Wundt am 1. Oktober geht, habe ich Dir ja wohl schon mitgeteilt. Ich erhielt die Nachricht gerade als Kerschensteiner hier war. Noch hatte ich das Bedauern nicht ganz überwunden, als schon die Mitteilung von den Kommissionsberatungen über die Nachfolge kam. Da ich vom Schuß fern bin, wird mir wohl nichts übrig bleiben, als in der allgemeinen Linie zu marschieren. Wundt teilt mir eben die von d. Kommission bereits genehmigten Kandidaten mit. Danach befinden wir uns in Dtschld nicht in der aufsteigenden Linie. Dann - ach du lieber Gott! Natürlich muß ich mich mit der Frage eiligst befassen. Sie ist für mich die wichtigste seit langem.
Der geheime Rat Lange aus dem Sächs. Kultusministerium, Vetter v. Kerschensteiner, ist gestorben, und damit der beste Freund im menschlichen Sinn, den ich dort hatte. - Der Ministerialdirektor Schmidt (Berlin) teilt mir heute in freundlichster Form mit, daß die von mir erhoffte Denkschrift von dem Geheimrat Becker (der Elsters Nachfolger wurde) bereits fertiggestellt ist.
[3]
|
Riehls geht es nicht gut; sie klagen über Kälte und Hunger. Frau Riehl ist außerdem noch immer krank. Sie hat Fieber und rasende Zahnschmerzen. Ihr Gemütszustand ist noch weniger erfreulich.
Freund Scholz hat endlich einmal selbst geschrieben; es geht ihm etwas besser. Morgner ist operiert; der Verlauf nach den bisher erhaltenen Nachrichten sehr gut. Otto Braun meldet sich auch wieder; Nerveninvalide aus dem Kriege. Johanna Wezelhat wieder einen lieben Brief geschrieben, mit Grüßen von Lenz, Gertrud Bäumer, Stern u. einem meiner früheren Schüler. Sie ist noch nicht zufrieden, macht aber ihren Weg. Schröbler ist seit dem 22. Januar bei der Artillerie in Wurzen.
Die erwartete Januarsonne ist hier bisher nicht erschienen. Es ist meist kalt und bedeckt. Vom Draußenliegen nicht die Rede. Der Sport ist auf der Höhe. Eine Verfügung sagt zur Steuer übler Gewohnheit, daß weibliche Personen, die im Orte in Hosentracht angetroffen werden, bei Gericht angezeigt werden. "Die Volksstimmung verträgt jetzt keine Verkleidungen." Du siehst, daß P. noch immer so ist, wie wir es 1913 mieden. Ich bin auch sonst auf die Landschaft nicht sehr aufmerksam. Nur der "Gschwandner Bauer" ist ein Glanzpunkt, der mir erreichbar ist. Sonst gondele ich immer zwischen denselben Punkten hin und her.
Das Ms. zur Pädagogik wächst an, ist aber noch ganz unorganisiert und hat den Siedepunkt des Interesses bei mir noch nicht erworben. Es liegen auch wieder 2 Dissertationen da. Das Seminar leidet an Kohlenmangel; die Esels mußten aber durchaus Centralheizung im Herbst machen. Bei den Öfen brauchten sie pro Tag kaum 400 Briketts für das Haus, jetzt 60 Centner Kohlen! "Ich habe nicht zugeraten."

30.I.17.
Du könntest jetzt auch mal wieder schreiben. Oder nimmt Dich
[4]
| Deine "Staatsstellung" so in Anspruch? Ich denke mir den Weg zum Krankenhause recht rauh. Wie geht es der Tante? Was macht der Fall Trinchen M.? Vergiß nicht am 2.2. den Vorstand. Ich glaube, da bist Du überhaupt im Sündenregister.
Ich lasse den Brief noch offen, falls jetzt mit der Post etwas von Dir kommt. Andernfalls schließe ich mit dem herzlichsten Gedenken und in treuer Liebe
Stets Dein
Eduard.

10 ¾. Nichts von Dir. Ein Brief von Frau Götze, Witwe des Direktors vom Verein für Knabenhandarbeit, Mutter einer sehr tüchtigen Lehrerin am Seminar für Haushaltungslehrerin - angenehm und fürsorglich. Sie bietet mir (nach Andeutung meiner Wohnungsnöte) 2 Zimmer in Ihrer Wohnung an. Sie liegen nach Süden. Du erinnerst Dich, daß die Elektrische nach Connewitz an einer großen Kirche vorbeifährt, links die Kirche, rechts freier Platz. Dort liegt das Haus. Sehr zu erwägen! Einziger Punkt: Rauchbeschränkung.
<Lageskizze der Wohnung, unter Einbeziehung der umliegenden Straßen>