Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Februar 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 5. Februar 1917 abds.
Liebste Freundin!
Deinen lieben Brief, aus dem leider etwas der Winter Deines Mißvergnügens hervorleuchtete, will ich so eingehend beantworten, daß Du zufrieden sein sollst. Vor allem wünsche ich, daß Du Deinen Stirnhöhlenkatarrh, diese Berufsvergiftung, wieder los bist, und daß das mildere Wetter, das wir heute bekamen, auch euch vom Frieren befreit hat. Befreiung der Seele will nicht kommen. Seit gestern Abend ist also die amerikanische Gefahr Wirklichkeit geworden. Es hat meinem zart aufkeimenden Optimismus einen großen Stoß versetzt. "Man" sagt aber, daß der neue Feind uns im großen gleichgiltig sein könne. Nun denn: größte Hochachtung vor uns und unsrer unbegreiflichen Kraft. Aber lange halten wir's nicht mehr aus. Die Nachrichten aus Berlin heißen Hunger und Kälte, es ist wahrhaft herzzerreißend!
Die Gründe, die Du Dir bezüglich meines Schweigens über Frau Riehl zusammen umgereimt hast, sind blanker Unsinn. Ich behalte nicht, was ich geschrieben habe und was ich schreiben wollte; bilde mir z. B. fest ein, daß ich Dir Grüße von meinem
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| Vater
ausgerichtet oder Dir gar den betreffenden Brief im Original geschickt habe. Danke verbindlichst für die Blaustiftstriche. Frau Riehl geht es garnicht gut; sie liegt neuerdings mit Fieber im Bett. Grund des Fiebers dunkel; später soll durch Bumm eingehende Untersuchung stattfinden. Riehl, der sonst garnicht unruhig zu sein pflegt, schrieb mir heute sehr besorgt. Gleichzeitig bekam ich von ihr selbst einen 20 Seiten langen Brief, aus dem hervorgeht, daß ihre seelische Lage noch weniger gut ist wie die leibliche. Es ist ja auch tragisch für Menschen wie sie und mich, in solcher Zeit einfach tatenlos und pensioniert zu sein. Von einer Reise hierher, die ich auch sonst widerraten hätte, ist natürlich nicht die Rede.
Ich bin, wie ich durch amtliche Mitteilung erfahren habe, bis 31.III. unabkömmlich nach der neuen sog. blauen Kreuzmethode. Gleichviel, ob Verlängerung erfolgt, beweist es das aktive Interesse des Ministeriums an mir. Und ich kann sicher sein, daß ich bis Ende März hier nicht abgerufen werde. Denn es steht dabei: wenn man Gestellungsbefehl bekommt, soll man ihn zurückschicken.
Jetzt kommt ein Punkt, den Du in aller Liebe
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| und Vertraulichkeit lesen und hinnehmen mußt. Ich hatte mir ausgemalt, daß Du zum 25. vielleicht herkommen könntest. Zumal, da ich mir die politische Lage besser dachte. Was ich aber zu Weihnachten nur dunkel fühlte, das ist jetzt in mir zur Gewißheit geworden: ich kann nicht verantworten, daß Du Dich "diesem" Pensionsleben aussetzst. Wie in solchen Häusern geklatscht wird, ist mir völlig neu gewesen. Nachdem ich es aber kennen gelernt habe, begreifst Du, daß ich es nicht ertragen würde, Dich in dieser Luft zu wissen. Nun könnte man ja erwägen, ob Du vielleicht in der Pension Ludwig wohnen könntest, wo die Frau Rijs zu hause ist. Aber da würden wir doch wenig haben. Und das Reisen ist jetzt so mühselig und kalt, daß ich fast zu weiterer Resignation raten möchte. Du mußt darin bitte meinem Gefühl vertrauen. Es wird Dir komisch vorkommen, und ich kann es so schnell nicht erläutern, aber es ist so, daß Frau Witting, das Bureaufräulein, Felicitas und noch einige rasend eifersüchtig sind, und frau W. hat sich unsrer Tischgefährtin frl. Waller gegenüber so wenig angenehm benommen, daß ich ihr ernstlich zürnen müßte, wenn ich nicht das Ganze aus ihrer Natur verstünde und diese Natur hochschätzen müßte.
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| Wie gesagt, das läßt sich so nicht erklären. Du aber brauchst nicht eifersüchtig zu sein. Es ist mir ja ein kleiner Stolz, daß ich an Orten, wo ich nur schlafe und esse und keine Reden halte, die Leute doch so stark in meinen Bann ziehe. Aber das ist nicht gegenseitig. Eifersüchtig müßtest Du sein, wenn Du dazu nicht zu edel und lieb wärst, auf felicitas.
In Sorge gewesen bin ich garnicht um sie. Es war nur eine Mitteilung; aber ich weiß wohl, daß Kinder leicht fiebern. Sie gefällt mir von Tag zu Tage besser. Nie hat sich ein Kind mit solcher starken Liebe an mich angeschlossen. Sie würde vielleicht mit mir nach Leipzig gehen (natürlich dort sehr enttäuscht sein.) Dabei schwankt ihr Gefühl zwischen den verschiedensten Experimenten: bald bin ich das Professorle, bald Onkel Eduard, bald ein Prügelknabe, bald Lehrer, bald Vater, bald - und dies bestimmt - will sie mich heiraten. Durch all das krause Zeug zucken aber ein paar prächtige Eigenschaften hervor, wie so ein paar Waldblumen. Wie sie rücksichtsvoll ist, wie sie mir hilft, z. B. Pakete packen mit der Energie eines Hausknechtes, wie sie treu ist und besorgt, wenn ich auch nur die mindeste Abkühlung fühlen lassen, und wie klug, obwohl sie nicht weiß, daß Berlin an der Spree liegt und was ein Thermometer bedeutet; dafür aber Menschenkenntnis, fabelhaft! - Jetzt ist auch der Bruder da, mit dem ich täglich
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| eine halbe Stunde rechnen werde. (Die Schulen in München sind nämlich wegen Kohlenmangels geschlossen.) Alle andern Kinder im Hause betrachten mich auch als ein öffentliches Institut, selbst die blasse Gisela aus Charlottenburg.
In meinen pädagogischen Gedanken kam nach einem starken Anstoß vor 8 Tagen wieder eine Stockung durch die Zeitung, durch die Korrekturen und den Trara im Hause. Wenn ich auf Deine Bemerkungen über das Schema nicht geantwortet habe, so liegt es teils daran, daß sie mir nicht klar geworden sind, teils daran, daß ich jetzt ganz woanders stecke. Es will sich da eine neue Betrachtungsweise bilden, über die ich schreibe, wenn sie klar ist. Vorläufig sehe ich nur das Problem; das genügt mir aber; denn ein formuliertes Problem ist in der Regel auch lösbar, wenn man nur Ruhe findet. - Infolge der unzuverlässigen Post - Dein Paket z. B. ist bis heute nicht da - haben die Korrekturen eine dumme Unterbrechung erfahren. Jetzt aber ist alles fertig und die Seitenzahl beträgt - - 99.! - Der Ministerialdirektor Schmidt hat
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| den Geheimrat Becker, den Inhaber des mir zugedachten Postens - beauftragt, die Denkschrift über die Auslandsstudien*) [li. Rand] *) Vielleicht hast Du bei den Landtagsverhandlungen von ihr gelesen. an mich zu senden. Gestern kam sie. Interessant; aber dazu hätte ich nicht reisen brauchen, und das ganze Ding wäre in 14 Tage fertig gewesen. Nun werde ich mein Programm daneben stellen. - Zum 3.XI.17 soll ich einen Aufsatz für die "Inter. Monatsschr." über den 100. Geburtstag des Kultusministeriums schreiben, auf Wunsch des Ministeriums selbst, und außerdem je einen Aufsatz über Luther [über Zeile] (1917!) für die "Leipziger N.N. " und die "Deutsche Schule."
Demnächst fahre ich doch einmal nach München, um Kerschensteiners Haus zu sehen u. Einkäufe zu machen, sobald ich das Honorar habe. An Freunde kann ich diesmal gar kein Exemplar der Broschüre senden: sie muß an Urteilsfähige verschickt werden. Du bist sowohl urteilsfähig wie Freund. Über die ewige Renaissance habe ich nicht viel gehört; doch hat sie mir von Werner Jaeger einen prachtvollen langen Brief eingetragen, worin er mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt, und sonst manches freundschaftliche Wort.
Die Leipziger Wohnungsofferte werde ich hypothetisch
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| bejahend beantworten. Essen im Restaurant ist mittags doch die einzige Rettung. Dr. Müller schreibt: 100 gr. rohen Schinken, einziges Gericht der Speisekarte, 3,50 M. Ich danke!! Übrigens bitte ich Dich, mir "bis auf weiteres" keine Eßwaren zu schicken oder nur gegen Berechnung u. wenn es in beliebigen Quanten erhältlich ist.*) [re. Rand] *) Es wäre nämlich unerhört, wenn ich das annähme. Wir sind hier doch immer noch besser dran als ihr im Norden, wenn auch nur "relativ." Der Wittingsche Privatkaffeetisch war neulich ein Phantasmagorie von Kuchen, Butter, Zucker u. dgl.
Wenn es geht, füge ich zum Fall Friedmann 2 Briefe bei, die meine Stimmung nicht verbessert haben. Mein Gefühl sagt: Lösung.
Frau Witting hat wieder 2 Personen rausgesetzt. Diesmal war es ein sächsischer Baron mit "Anhang". Ein ganzer Roman. Der "Wiesenschmerz" hieß er bei uns. Man sollte sprechen……….
Von Gertrud Baeumer u. m. Aufsatz höre ich nichts. Vielleicht aber bringe ich den Shaftesbury doch noch an, nachdem Weiser mir m. Kritik nicht übelgenommen hat.
" Mein Maler" hat hier sein Atelier, ißt nur im Hause, wohnt nicht da. Ein lieber stiller
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| Mensch. Er ist Witwer u. hat in München, wo er die andere Hälfte des Jahres lebt, einen kleinen Jungen von 8 Jahren, den er lieb hat und der ihm Sorge macht.
Freund Morgner hat die Operation gut überstanden und schickte mir die Photographie, die tags zuvor aufgenommen. Man hat ihm einige Rippen herausgenommen. Kommt im März zur Erholung nach Bad Elster. "Schicken" soll nur die Freundschaft beweisen. Im übrigen geht es den Offizieren im Lazarett besser als uns. Denn sie haben eine gesicherte Verpflegung und - das vergiß nicht - ihr Gehalt, während er früher doch nichts hatte. Ich muß jetzt in Ch. zulegen, sonst verhungern die beiden. Ein Stück Seife 2 M. Von Ludwig und Thiele weiß ich nichts Neueres.
In Sachen Wundt habe ich 3½ Folioseiten Gutachten gestern 3mal abgeschrieben, alle halbe Stunde von Fel. unterbrochen, die von dem Grundsatz ausging, daß Sonntag war.
Jetzt seien Sie so gut und halten Sie die Luft an, denn das ist ein wirklicher Brief, in dem alles drinsteht, und er kommt viel schneller, als Du Staatsbummler schreibst. Übrigens eine alte Erfahrung, daß die Leute faul werden, sobald sie Gehalt beziehen. Der lieben Tante und Dir viel herzliche Grüße in treuer Liebe stets Dein Eduard.
[Kopf] Gestern besuchte ich Frau Rijs. Der Sohn holt mich morgen zum Spaziergang, was immer nicht wichtig ist. Es ist absolut unergiebig. Heute war er schon wieder da: aber <linker Rand> abgelehnt!
[re. Rand S. 1] Vor der Abreise habe ich 2 von Riehls geliehene Bücher Emanuel <Nachname unleserlich> u. Scheler, (braun, ungebunden) gesondert gelegt. Hast du die Sachen zufällig in Cassel? Dann schicke mir bitte den Scheler.
[re. Rand S. 5] Mein Doktor konnte mich neulich nicht untersuchen, weil nicht geheizt war. Gehe morgen wieder hin. Heute bei erstem Frühlingshauch war ich auf dem Gschwantner, eine Steigung von 300 M, 1 Stunde hin u. eine zurück, ohne jede Ruhe. Aber 1 Minute Laufschritt bringt mich noch jetzt ganz außer Atem.