Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./20./21. Februar 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 18. Februar 1917.
Liebe Freundin!
Ich will schon immer mit meinem Geburtstagsbrief für Dich beginnen, damit er ja zur rechten Zeit kommt. Wundere Dich also nicht, wenn die eigentlichen Glückwünsche erst mitten drin auftauchen. Vorher aber allerhand anderes.
Es bedarf keiner Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens, um zu fühlen, daß Du unzufrieden und mißgestimmt bist. Manches davon schiebe ich auf die allgemeine Lage, manches auf das Frieren, manches auch auf die Anstrengungen, die Du in Deinem nervös angegriffenen Zustande bei der Arbeit hast, einen erheblichen Teil aber auf mich. Und ich kann Dir nicht Unrecht geben, wenn Du mit mir unzufrieden bist. Aber, da ich auch nicht die Spur einer tieferen Veränderung in mir finde, so muß ich die äußeren Umstände durchforschen, in denen vielleicht ein Grund zur Veräußerlichung liegt.
Es wird kein Zufall sein, daß Du über den
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| Teil meines letzten Briefes, der von unsren Partenkirchner Plänen handelt, ohne jedes Wort hinweggehst. Ich glaube auch zu ahnen, was Du dabei gedacht hast, nämlich: „auf alle Menschen Rücksicht, nur auf mich nicht.“ Daß Du damit auf dem Holzwege bist, schicke ich voraus. Ich muß versuchen, Dir und mir noch deutlicher zu machen, was dem eigentlich zugrunde liegt.
Du weißt, daß wir nie in Pensionen, ja ungern in Hôtels gelebt haben. Es war eine Konzession an die Notwendigkeit, wenn ich jetzt diesen Aufenthalt gewählt habe. Aber man kann eben keinen Schritt aus seiner Bahn, ohne daß die gefürchtete Rückwirkung eintritt. Nicht ohne Grund habe ich mich davor gefürchtet. Nun sitze ich drin, bin nie zu Mittag, nie zum Abendessen allein, habe immer diese Atmosphäre von médisance um mich und muß – als Mann von Welt – in gewissen Grenzen mit den Wölfen heulen.Viel von meiner Stille und Beschaulichkeit, vor allem von meiner inneren Sammlung und Freiheit geht dabei verloren. Es ist begreiflich, daß ich nicht eigentlich den Wunsch habe, Dich in einer Umgebung zu sehen, die Dir noch viel weniger gemäß ist. Ich
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| muß Dich hier ganz ernstlich bitten, meinem Gefühl zu vertrauen. Der einzige Baron an meinem Tisch, der wandelnde Personalnachweis, genügt, mich dringend wünschen zu lassen, daß Du nicht hier bist. Dabei ist er kein Schwerenöter, er paßt einfach in den Stil. Wenn Du aber außer dem Hause wohntest, so hätten wir zu wenig von einander. Also sage selbst, ob ich nicht recht tue, wenn ich die Pille allein schlucke.
Es sind natürlich auch Menschen da, mit denen ich Dich gern zusammen sähe. Vor allem mein guter Maler. Auch das wünsche ich lebhaft, daß Du felicitas kennen lerntest. Mit Frau Witting wirst Du die Sache am wenigsten verstehen. Ich sehe da noch nicht klar. Aber so viel sehe ich: wenn wir sie alle Tage mitnähmen und alle Abende bei ihr säßen, wäre es ihr recht. Andernfalls hätte sie das Gefühl, um etwas ihr sehr Wertvolles zu kommen. Nun hast Du natürlich sehr recht, wenn Du meinst, daß Du den Vorrang und mehr als dies, tausendmal mehr als dies hast. Davon ist ja aber mit keinem Wort die Rede; sondern davon, ob wir hier zu uns können. Das wäre bei frau Riehl der Fall, weil sie innerlich ganz frei ist. Von
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| Fremden kannst Du das nicht verlangen.
In einem Punkte verdienst Du eine Bosheit „Es hat mich seltsam berührt, daß ich auf felicitas eifersüchtig sein soll.“ Da fühlte ich mich an Gretchen Stolze erinnert und hörte sie sagen: „Ts woher??“ (z.B. wenn ich gesagt hatte, Elefantenfleisch sei eine Delikatesse.) Du solltest mich im 14. Jahre, in den 2 mal sieben fetten Jahren unsrer Freundschaft doch so weit kennen, daß Du bei manchen Briefstellen auch das Lächeln des Schreibers siehst. Dieser Dein Satz war „ganz dumm“. Denn erstens hast Du keinen Grund auf irgend einen in der Welt eifersüchtig zu sein, zweitens kein Talent, und drittens wüsste ich nichts wahrhaft Schönes und Echtes, wobei ich nicht den Drang hätte, mit Dir zu teilen. Du warst der Esel, der Dir Eifersucht zugetraut hat, nicht ich.
Und damit bin ich beim Hauptpunkt: Was sind das überhaupt für Sachen? Warum schon wieder diese innere Unsicherheit, wie damals, als ich schrieb: Erhalte mir Deine Liebe, was ungefähr so viel heißt, wie: „Bleiben Sie mir gewogen.“ Anscheinend kannst Du keine Briefe mehr lesen seit dem Sommer in Freudenstadt. Die Talente der Menschen gehen jetzt allgemein zurück. Du kannst es mir aber nicht übel nehmen, wenn ich es nach eben diesem Sommer einfach nicht verstehe,
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| wie Du so an Einzelheiten (selbst einem mißglückten Weihnachtsfest) hängen bleiben kannst. Für mich sind solche Einzelheiten gekommen und verrauscht. „Selbstverständlich“ kann einen oberflächlichen und einen tiefen Sinn haben. Im letzteren meine ich es, wenn ich sage: das Vertrauen zwischen uns sei selbstverständlich, und es müsse auch über ein weniger intensives Vierteljahr des Verkehrs mal standhalten. Mir gelingt das mühelos, aber es ist nicht hübsch, wenn man bei jedem Brief erst Schnee zu kehren hat, ehe man zueinander kommt. Diesen Schnee will ich nunmehr, so weit er nicht getaut ist, weggekehrt haben, und ich bemerke für heute nur noch, daß ich dies alles mit sehr nassen Füßen nach der Rückkehr von einer Tagestour mit Frau Witting und den Kindern geschrieben habe; wir waren im Kloster Ettal und haben da sogar eine Predigt gehört.

20.II.17.
Nachdem auch Du Deine Predigt gehört hast, fahre ich fort, und da es gut sein wird, den Brief schon morgen fortzuschicken, so gratuliere ich Dir nun in aller Herzlichkeit zum Geburtstage, zum Zunehmen an Alter, Weisheit und Verstand,
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| und bemerke für uns, daß unsre Gemeinschaft im tieferen Sinne zeitlos ist, zeitlich nur in dem, daß sie immer neue Stufen erringen und neue Kräfte entbinden soll. Ich entbehre es, mit Dir über meine inneren Fortschritte nicht reden zu können. Diese sind übrigens mehr wissenschaftlich als menschlich. Menschlich darf ich mich immer noch nicht scharf betrachten; ich fliehe vor mir.
Der Geburtstagsaufbau wird wieder einmal sehr mager. Darf man doch nicht einmal mehr eingeschriebene Pakete schicken. Und gewöhnliche brauchen mehr als 8 Tage. Ich hoffe morgen ein Portemonnaie hier zu erstehen (da ich doch noch nicht in München war), das dann als Muster ohne Wert versandt wird. Bestellt ist ferner eine ganz neue Rede von Troeltsch, in der er sich mit mir auseinandersetzt. Ob sie pünktlich kommt, ist zweifelhaft. Noch zweifelhafter aber, ob meine Broschüre bis dahin hier ist. Ich habe alles getan, es zu beschleunigen. Aber es geht eben jetzt nicht, wie man will.
Wie Du immer vorlieb genommen hast und mich immer verwöhnt hast, so ist es leider auch diesmal. Und da Du an mein Herz anscheinend nicht mehr glaubst, so ist es wenig genug, das ich Dir bringen kann.
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Ich habe mit meiner stoßweisen Arbeit doch erhebliche Resultate erzielt. An der Philosophie der Pädagogik (sie umfaßt jetzt 120 Quartseiten) ist im Rohbau der ganze Teil über das Bildungsideal heraus, und in diesem Rahmen eine Analyse des sittlichen Bewußtseins, wie sie noch niemals gelungen ist: ein gewaltiger Denkkomplex, zugleich systematisch und lebensvoll, und mit den Wurzeln im Metaphysischen. In der nächsten Woche soll das Kapitel über die Bildsamkeit herankommen. Diese Woche arbeite ich an der Auslandsdenkschrift, und habe heute u. gestern schon 13 Folioseiten geschafft.
Meine Gesundheit ist so, daß ich nicht zweifeln kann, wieder Kriegsverwendungsfähig zu sein. Ich muß also mit einer entsprechenden Wendung meines Schicksals im April rechnen. Allerdings – Biermann sprach davon, die A. A. liefen automatisch weiter, obwohl sie zunächst nur bis 31.III. laufen.*) [re. Rand] *) Die neuen Listen waren zum 7.II. eingefordert. Schröbler schrieb s. Z. von einer Giltigkeit bis 30.VI. Aber das ist natürlich problematisch. Nur das ist sicher, daß Fakultät (auch diese!!) und Ministerium mich mit allen Kräften halten würden. Und der Rektor ist mein Spezialfreund. Trotzdem – eben wegen der Unentschiedenheit – bin ich nicht
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| gerade zukunftsfreudig.
Manchmal sieht es ja so aus, als ob der U.bootkrieg sehr schnell zum Ende führen würde. Aber die Verbissenheit ist zu groß. Es wird wohl außerdem auf die Frühjahrsoffensive ankommen. Zu Deinen Heidelberger Gerüchten wollte ich Dir schon immer Beiliegendes schicken. Es ist natürlich ein Minimum Wahrheit dran.
Überhaupt findest Du Beilagen, von denen ich Annehme, daß sie Dich erfreuen. Die Bildchen von dem Anderl u. meinem kleinen Liebling schickst Du mir wohl wieder. Sie schreibt mir (wenn ich daneben sitze) entzückende kleine Liebesbriefchen. Z. B. neulich: „Lieber Herr Professor! Ich habe Sie so sehr gerne, daß ich es Ihnen gar nicht sagen kann. Von jetzt an nenne ich Sie Onkel. F.“ Daraufhin erfolgte nun die Verbrüderung, unter Vermeidung des Onkels. Das Kind liebt mich nämlich nicht mit einer kindlichen Liebe, sondern es ist ganz regelrecht „verliebt“, und wenn sie nicht so urgesund wäre, so würde ich manchmal fürchten, daß das alles von Übel ist. Sie ist ganz wie Mignon, bis in Einzelheiten hinein, die am Roman befremden. Gestern, als der Anderl abgereist war, schrieb sie auf, was mich wirklich gerührt hat: „Beim Anderl habe ich keine Träne gehabt, aber das weis ich jetzt schon daß es bei Dir ohne dies nicht geht.“
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Für mich ist das an sich nicht Episode. Es ist mir aber von geradezu tiefer Bedeutung. Denn Du weißt, daß ich seit 6 Jahren Pädagogik und Kinderpsychologie lese, ohne ein Kind zu sehen. Wer garantierte mir, daß ich überhaupt Kinder richtig verstehe und behandle? Jetzt ist der Erweis gebracht. Denn nicht nur fel, sondern alles, womit sie spielt, hängt an mir, sitzt auf meinem Schoß und hat mich lieb. Wie entzückend neulich, als ich ins Spielzimmer kam: Es waren nur 2 Stühle da, auf einem der Anderl, den zweiten bekam ich. Die beiden Mädchen, Gisela (10 J.) und fel. setzten sich auf meinen Schoß und lasen mir sua sponte [über der Zeile] zweistimmig Gedichte aus einem Lesebuch vor, wobei fel. nicht excellierte, während das Berliner Kind (das nicht rechnen kann) geradezu wundervoll las, so stark von innen heraus!
Der Faden reißt nicht ab: ich muß noch von Kerschensteiner, von Riehls, von der Ewigen Renaissance und von Morgner [über der Zeile] F. L. berichten. Das schreibe ich mir auf, damit es morgen weiter gehen kann. Für heute Gute Nacht! Ich habe den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen.

21.II. 10 Uhr.
Von Riehls längere Zeit ohne eigentliche Nachricht. Nur am Sonntag ein Telegramm, daß Lore durchreisen würde, wahrscheinlich nach Innsbruck. Ich habe das Telegramm,
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| das übrigens erst 2 Stunden nach ihrer Durchreise ankam, erst vorgefunden am Abend, als ich von Ettal zurückkam. An demselben Tage wollte Kersch. kommen; aber noch ehe ich s. Anmeldung erhielt, kam telegraph. Absage, weil die beiden Schnellzüge jetzt fortgefallen sind. Ich will am nächsten Montag ungefähr nach München. Aber K. ist nicht da, weil der Reichstag am 22. beginnt. Nur m. Maler kann ich besuchen. Morgner scheint es besser zu gehen. Seine Briefe klingen noch müde. Anfang März kommt er nach Elster. F. Ludwig, der einzige, dem ich Briefe schuldig bleibe, hat noch 4 Wochen Urlaub. Er schreibt zuversichtlich und wie immer stark verinnerlicht.
Die ewige Renaissance hat mir ein Honorar von 35,10 M eingetragen. Darauf bezieht sich der Brief. – Gelesen habe ich hier 6 Staatsexamensarbeiten und ca 7 Dissertationen. In Leipzig werden mich wohl mindestens 3 offiziell eingereichte Diss. erwarten.
Schreibe mir auch mal wieder einen anständigen Brief. Von der Tante sagst Du gar nichts, von Walther nichts, von Hermann wenig. Hoffentlich brauchst Du nicht mehr zu frieren. Hier ist heute wieder starker Schneefall, u. die Schweinerei (milder Ausdruck) geht von vorne los.
Endlich wünsche ich Dir zu Deinem Geburtstag Kuchen und Braten, damit Deine Laune besser wird und Du mich nicht auffrisst.
<Rest fehlt>
[re. Rand S. 1] Ich danke sehr für die Cakes (die F. u. G. aufgefressen haben), für die Erledigung der Steuersache, für die Rücksendung der Briefe und den ganzen lieben Brief., für den Scheler. Alles kam diesmal nach 2 Tagen
[Fuß S. 1] Die Mutter von Elisabeth Lüpke ist gestorben.