Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. März 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 8. März 1917.
Liebe Freundin!
Ich danke Dir für den Geburtstagskuchen, der allerdings stark nach bitteren Mandeln schmeckte. Offen gestanden kam es mir vor, als hätte ich Dir einen Brunnen geschenkt. Da ich aber gestern der lieben Felizitas einen Bock von ungeheuren Dimensionen ausgetrieben habe, will ich das Tier nicht bei mir einlogieren, sondern eingedenk der Geschichte von Splitter und Balken alle Segel streichen. Die Schiffahrt ist ohnehin jetzt behindert.
Nur zur Feststellung einiger Tatsachen: die Gemütslage, aus der ich die 10 Seiten an Dich geschrieben habe, war so wenig Konfliktstimmung, daß ich über die „Tonart“ Deines Briefes etwas überrascht war und einige Zeit brauchte, um zu mir zu kommen. Ich muß wohl annehmen, daß ich im Briefstil ungeschickt bin und alles anders herauskommt, als es gemeint ist. Das macht denn freilich für die Zukunft etwas unsicher.
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Auch über mein Leben hier scheine ich mich nicht klar ausgedrückt zu haben. Denn nach Deiner Antwort könnte es scheinen, als ob ich in schlechte Gesellschaft geraten und in ihr hoffnungslos verflacht wäre. Da möchte ich doch berichtigend feststellen, daß ich mich auch hier meiner Existenz nicht zu schämen brauche. Ich habe viele wertvolle menschliche Beziehungen hier gewonnen, darunter zwei von ungewöhnlicher Tiefe, die ich, auch wenn ich sie nicht durchs Leben weiterführen kann, als Reichtum empfinde. Ich habe ferner so viel echte Arbeit geleistet, daß der Winter weder durch Krankheit noch durch Geselligkeit als verloren zu rechnen ist; vielmehr kehre ich mit vollen Garben heim. Ich habe endlich alles Wertvolle und Schöne innerlich mit Dir geteilt und nicht gedacht, daß die Unvollkommenheit des brieflichen Ausdrucks schon wieder Unzufriedenheit und Entfernungsgefühlt in Dir auslösen könnte. Ich gebe zu, daß ich manchmal (nicht im letzten Brief) im Zustande der Ermüdung geschrieben habe; denn meine Briefe schreibe ich abends, und nicht jede wörtliche Wendung daran bleibt mir in Erinnerung. Briefen aber gebührt das Recht der Unmittelbarkeit. „Hoffnungslose Flüchtigkeit“ hingegen
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| ist eine Eigenschaft, die ich ablehne.
Wenn ich empfunden und gesagt habe, daß der Gästekreis der Pension mich nicht wünschen läßt, Dich in dieser Umgebung zu wünschen sehen, so überlaß mir dafür die Verantwortung. Ich weiß, was ich tue, und Du kannst darüber aus der Entfernung nicht urteilen.
Für die Wäsche danke ich vielmals. Die Hefte der „Hilfe“ habe ich bisher leider noch nicht lesen können, da ich Eiliges und Wichtiges zu arbeiten hatte. Deine Geburtstagsbriefe lesen zu dürfen, wird mir lieb und – lehrreich sein.
Ich bin heute vor 8 Tagen auf 6 Stunden in München gewesen, bei Schneetreiben und Tauwetter. Außer meinem Maler, dessen Sohn und Anderl Witting habe ich dort nichts gesehen, wohl aber mich erinnert, daß Du im vorigen Jahr bei ähnlichem Wetter und im dieselbe Zeit da warst.
In den letzten Tagen hatte ich wieder einmal aufregende Besorgnisse, die sich aber Gottlob gelöst haben. Über „Begabung und Studium“, das Du hoffentlich erhalten hast, habe ich schon viele freundliche
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| und anregende Briefe bekommen, darunter auch vom Minister, Ministerialdirektor und Referenten in Dresden.
In Mittenwald war ich wieder einmal bei eisigem Wind und habe die Erinnerungen erneuert. Augenblicklich ist der Vorsitzende des „D.A.f.E.u.U.“ hier, Prof. Umlauf, und auch Kerschensteiner könnte wohl noch einmal kommen. Bei Riehls geht es besser; sein Bruder in Innsbruck ist gestorben; aber das habe ich schon erwähnt, daß Lore hier durchfuhr, ohne daß ich sie sah.
Ich will nicht sagen, daß Dein letzter Brief inhaltlos war. Indessen habe ich weder über die Tante noch über Dich und Deine Angelegenheiten etwas gehört. Sollte also dieser – etwas zaghaft geschriebene Reuezettel geeignet sein, den Winter Deines Missvergnügens zu vertreiben, dann schreibe mir mal einen Ablaßbrief, aber bald. Denn die Zeit geht hier zur Neige, und ob ich in Leipzig in eine „mir gemäßere Umgebung“ komme, ist doch zweifelhaft, da eigentlich jetzt jeder mit seinem besseren Selbst etwas zerfallen ist, wie denn auch Du mir weit besser gefällst, wenn Du nicht predigst.
Ich grüße dich in inniger Liebe
Dein
Eduard.