Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. März 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 15. März 1917.
Liebe Freundin!
Ich sende Dir den schönen Brief Deiner Mutter wieder zurück und habe die tiefen, guten Gedanken, mit denen er geschrieben war und mit denen Du ihn empfangen mußtest, wohl empfunden. Solche Gedenkstücke sind für uns Symbole unsrer persönlichen Welt, und schließlich ist doch unser Ich die einsamste und reichste Beziehung, in der wir Gott unmittelbar besitzen; alles, was diese unvergleichbare Erlebniswelt für uns festhält und ausdrückt, wird dadurch allein zum Heiligtum.
Ähnliche Gedanken haben mich bewegt, als ich das zarte Kränzchen an dem kleinen Bilde befestigte, und die enge Verbindung, in der für mich die Liebe zu meiner Mutter und zu Dir steht, hat dabei fühlbar mitgeschwungen. Ich danke Dir für Dein liebes Gedenken. - Übrigens habe ich durch den Kirchhofsverwalter Blumen auf den Hügel setzen lassen: es war der 70. Geburtstag.
Bald nachdem ich wegen der kondensierten Milch angefragt hatte, versiegten hier alle Quellen. Die regelmäßigen Lieferungen an Riehls habe ich gerade während der Krankheit von Frau Riehl einstellen müssen. Es gibt jetzt gar nichts mehr, obwohl der Hausmeister alles durchforscht hat, und man darf auch nichts mehr verschicken: deshalb sind ja die eingeschriebenen Packete aufgehoben worden. Wie gern ich Euch sonst etwas schickte, bedarf keiner Worte. Aber wir leben im sozialen Staat, der uns scharf kontrolliert. In Hamburg ist es schon zu starken Unruhen unter Beteiligung der Kinder gekommen. Gott sei Dank geht die Bewegung in Petersburg uns voran. Es kann nicht mehr lange gehen.
Die Reklamation ist bis 30.9. verlängert. Unbedingte Sicherheit liegt darin natürlich nicht.
Tante Grete hat nie etwas andres gehabt, als die 4 Bände der Briefe Schleiermachers, her. von Jonas und Dilthey; diese waren es auch, die wir damals benutzten; die Biographie habe ich von ihm selbst.
Der Wunsch nach Frieden darf zu keinem faulen Frieden führen, und so kann ich Dir auch nicht verschweigen, daß Deine Worte über felicitas und mich mir für Tage eine schmerzende Wunde versetzt haben. Du hast die Andeutung in meinem Brief jedenfalls in einem Sinne verstanden, der mich, von einem andern ausgesprochen, fast erstarren macht. Zunächst: im Bilde wie in der Wirklichkeit ist felicitas das reinste Kindergesicht, das man sich denken kann, nur unendlich lieblich.
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| In ihrem Wesen ist sie nicht elfjährig, sondern 10jährig und darunter. Daß Kinder in diesem Alter Gefühle und Neigungen haben, die der Erwachsene erotisch nennt, ist in keiner Weise abnorm, sondern jedem Beobachter bekannt. Und eigentlich hatte ich gedacht, unsre gemeinsame Platolektüre hätte Dich den Gedanken nie vergessen lassen, der die letzte Wahrheit in meinem Blute ist, daß man nur im Namen des Eros auf eine junge Seele tief und bis in die Wurzeln wirken kann. Es bleibt also nur das eine Tragische, daß ich aus ihrem Leben bald wieder scheiden muß. Das wird ihr ein realer Schmerz sein, vor dem ich sie gern bewahrte. Die weitere Entwicklung ist so zu denken, daß sie mich entweder bald vergißt, oder daß diese Erfahrung sie vertieft, wie jeden tieferen Menschen der Schmerz veredelt. Wahrscheinlich aber tritt das erstere ein.
Daß Du mich zum "Onkel" machen wolltest und überhaupt meine ganze Gemütslage so mißverstehen konntest, das rechne ich nicht Dir zu, sondern einer großen Erschöpfung, wie sie ja der Krieg uns allen gebracht hat. Ich finde ihre Spuren auch sonst und warte ohne Vorwürfe auf bessere Zeiten. Dich aber bitte ich, es auch umgekehrt so zu halten und nicht mir zum Fehler anzurechnen, was doch wohl auf beiden Seiten liegt und im übrigen mich nicht irr machen kann in Überzeugungen, die tiefer gegründet sind als auf ein paar
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| gelungene oder mißlungene Briefe.
Ich bleibe jetzt nur noch 14 Tage hier und habe in Aussicht genommen, bei dem Angebot der frau Götze zu bleiben. Angekündigt habe ich: Einleitung in die Phil. Mo. Do. So 9-10 u. Philos. Grundlegung d. Pädagogik Di u. Fr. 8-9.- Übungen über den Bildungswert der hum. und realistischen Fächer. Für die beiden Vorlesungen habe ich viel zu arbeiten u. vor allem zu denken. Die Phil. d. Päd. bohrt unablässig in mir; die letzte Klarheit fehlt noch. In den Wochen meiner hoffnungslosen Flüchtigkeit habe ich eine große Denkschrift über die Auslandsstudien verfaßt, die jetzt schon längst (und friedlich) im preuß. Ministerium ruht. Deine Auffassung, daß der Aufsatz in der Hilfe den Zentralinstitutsvertrag erläutert, trifft völlig das Richtige.
In den Jahresberichten des Hamburger Kolonialinstituts fand ich in der Tafel der Gefallenen auch einen uns teuren Namen. - An m. Tisch sitzt ein Jurist, der mich in s. ganzen Art und auch äußerlich stark an Walther erinnert. Der Baron ist mit einem recht ironischen Vers von mir in s. "Poesiealbum" abgereist und wohnt jetzt in Cassel, Hôtel Schirner, zur gefälligen Bedienung. Kennzeichen: Kürassiergröße, Monokel, Damenhände, gräßlich.
Muthesius widmet mir eine Schrift über die Einheit des deutschen Lehrerstandes. Mit Kerschensteiner sehr gehaltvoller Austausch. Umlauf mit Gattin läuft hier um. Honorar für B. u. St. noch nicht erhalten. - Ich wünsche Dir ein fröhliches Herz und gute Gesundheit, beides auch der Tante. Viel herzliche <li. Rand> Grüße Dein treuer Freund, der niemals ein Kind aus s. kindlichen Gefühlswelt herausreißen würde.