Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. März 1917 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 22. März 1917.
Mein Liebstes!
In den letzten Tagen war ich in großer Sorge "um uns". Aber Dein lieber Brief sagt ja, was ich auch über alles andre empfinde: daß es doch schließlich lächerlich ist, aus "Briefstellen" Auffassungen über etwas zu gewinnen, was wir doch besser wissen. Und dieses Wissen laß die Oberhand gewinnen. Ich fühle aus Deinen Worten so viel Ermüdung und Traurigkeit. Sei doch wieder freudiger! Ich glaube, daß wir der Lösung des großen Knotens nahe sind, und der kleine Knoten (zwischen uns) ist doch eigentlich nicht da! Ich könnte mich ja an keinem Erlebnis freuen, wenn es nicht in Dir wäre. Und deshalb meine ich, Du müßtest das immer schon fühlen, was ich im Brief nur andeute. Das eigentlich Lebendige läßt sich nie schreiben; so bleibe ich Dir in meinen Berichten das Beste schuldig: die überzeugende Kraft, die nur das eigne Sehen
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| geben kann. Und schließlich mußt Du doch bedenken, daß ich ein Professor bin und das Recht habe, allerhand zu vergessen. Selbst wenn ich mir alle Mühe gebe, passiert das immer wieder. Für die Reisedispositionen bitte ich also im voraus um Ablaß.
Deine Nachrichten über die liebe Tante betrüben mich. Alles wäre wohl anders, wenn man sie besser pflegen könnte. Wie wäre es, wenn sie bei wärmerem Wetter zu Malcus' ginge? Auf dem Lande ist vieles möglich und erlaubt, was in der Stadt zu den Abenteuern gehören würde. Mir tut es weh, daß Du zu alledem noch frieren mußt, bei Deiner anstrengenden Arbeit und Deinen Sorgen. Der Frühling will auch garnicht kommen!
Vom Leben hier nur ein paar Worte. Zunächst Felicitas. Das Bild hat auf Frau Riehl denselben - soll ich sagen: ungünstigen? - Eindruck gemacht?. Das hat mir zu denken gegeben. Auch an mich hat sie nur tief zu Herzen gehende Worte über uns geschrieben. Es ist manchmal sehr gut, wenn einem ein andrer ins Gedächtnis bringt, was ist. So also habe ich das alles tief und ernst empfunden.
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| Aber das müßt Ihr mir nun auch glauben, daß dieses Kind ein Sonnenschein und mein Sonnenschein ist, und daß gar keine Bedenken und Gefahren zwischen uns sind, sondern nur Heiterkeit und Kindlichkeit und Zuneigung. Ich habe seitdem in ihrer Seele noch viel genauer gelesen, bei Anlässen, die ich nicht ausführlich schreiben kann (später mündlich.) Ungewöhnliche Abgründe oder Tiefen habe ich nicht gefunden. Aber lauter Liebes und Gutes. Wie rührend, als sie mir gestern erzählte, daß sie das auch in der Beichte anbringen müßte, wenn sie mir wehe getan hat. Der Abschied aber - nun: sie ist sehr stark, und der größere Schmerz wird wohl auf meiner Seite sein.
Auch darum möchte ich Dich bitten, daß Du Frau Witting als eine mir gut befreundete Seele ansiehst. Es hat einige Zeit gedauert, bis wir uns kennen lernten. Nun habe ich vor ihrer Einsamkeit, ihrem tapferen Leiden wie vor ihrem Geist wahre Hochachtung gewonnen, habe - immer ausgehend von felicitas – <durchgestrichenes Wort: unleserlich> [über der Steichung] viele
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| schwere Lebensfragen mit ihr besprochen und zahlreiche Beweise echter Freundschaft von ihr erhalten. Daß diese auch materieller Art sind, wer will das heute tadeln? Meine Vorratskammer für das 2. Frühstück füllt sich immer von selbst. Und gestern hat sie sogar für Baierl [über dem Namen] Maler und mich ein "Souper" gegeben, ganz im Friedensstil: Hummermajonnaise, Frankfurter Würstchen, Huhn mit Reis und Pilzen, Aprikosen, Eis, dazu Burgunder, Pfälzer u. deutschen Champagner. Vielleicht ist es unrecht. Aber es kommt auf den Geist an, in dem so etwas geschieht: Hier sollte es ein seltener Abend im Geiste guter Freundschaft sein. Und alles verlief sehr nett; am schönsten war daran wohl, daß es für die Frau ein glücklicher und unvergeßlicher Abend war. Sonst sind die guten Tage spärlich bei ihr.
Auch für mich geht diese Zeit zu Ende. Sie war im Verhältnis zur Zeit und meiner Glückfähigkeit eine wahrhaft glückliche und gute Zeit. Beweis ist schon dies, daß die Arbeiten nur so im Fluge gediehen sind. Das schwierige Kapitel über die "Bildsamkeit", das mir anfangs unlösbar schien, habe ich in 4-5 Tagen hingeschrieben und bin mit Inhalt und Form so zufrieden, daß ich plane, es als Vorstudie zu veröffentlichen.
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Dabei standen Deine Schneeglöckchen vor mir. Sie kamen am 19. März, am 8. Todestage. Und ich habe empfunden, daß der Segen meiner Mutter in mir nachwirkt und daß ich im tiefsten Innern sehr glücklich bin, wenn auch das Äußere bisweilen meine allzu sensiblen Nerven in Unordnung bringt. Aber diese Kontinuität meines Innern kann ich nur haben in Dir, und alles stirbt in mir ab, wenn ich nicht Dein Verständnis und Deine Ruhe fühle.
Nun zurück zum Äußeren: Ich habe, da selbst im Falle militärischer Einziehung die Sache doch einige Wochen dauern würde, die Wohnung Scharnhorststr 25. genommen; denn was soll ich erst noch in ein Hôtel oder zu Biermann ziehen? Ich erwarte also nur die Antwort von Frau Götze, ob ich schon in der Woche vor Ostern kommen kann. Natürlich bekomme ich den Spediteur erst nach Ostern. Strümpell (s. Brief) rät zum Bleiben, auch Du redest zu, und schließlich ginge es ja; Gegengrund ist mir, daß ich am 13.IV militärisch da sein muß. Aber die werden auch nicht auf den Tag kommen. Es wird genügen, wenn ich am 14. nach Untersuchung durch Str.
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| hingehe. Nun soll ich aber auf der Rückreise durchaus ein paar Tage bei Kersch. bleiben, der deshalb sogar etwas Reichstag schwänzen würde. Kurz, über den Tag der Abreise kann ich noch nichts sagen. Ich würde gern noch etwas Frühling hier genießen. Wenn es sicher ist, daß ich zu Götzes ziehe, teile ich es Dir mit; die Frachtsachen könntest Du dann ja schicken. Aber Mühen und Anstrengungen darfst Du jetzt nicht haben. Wenn wir uns wiedersehen, soll es eine rechte Feier sein, und keine Geschäftszeit, ja? - Mittags werde ich wohl kaum bei G.s essen; wenigstens war davon nicht die Rede. Es soll entsetzlich knapp und teuer in L. sein. Ich werde also wohl [über der Zeile] auf ein Diner für 5 M ohne Wein gefaßt sein [über der Zeile] müssen. Da ist die "Hilfe" von 105 M ganz angenehm! Die von Dir geliehenen Sachen (auch die halben Handschuhe) schicke ich gleich nach Cassel. Wenn ich dabei etwas vergesse, nimm es nicht übel. Denn ich habe hier einen halben Hausstand. (NB. mein schöner linker Gummischuh hat einen Ausflug nach Hinterpommern gemacht, ist aber wiedergekommen.)
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Politisch sehe ich nicht so schwarz. Die russische Revolution, gegen uns gemacht, wird für uns wirken. Im Westen deutsche Genialität! "Mein Freund Nußbaum" schreibt beruhigend über Amerika. Miserabel nur die Diplomaten, zumal im Vergleich mit England. Verzeih, wenn ich die beiden Webers u. die vier Nrn. der "Hilfe" noch nicht lesen konnte. Ich bin noch bei größeren Büchern, die ich gelesen haben muß, und kann im Augenblick nicht unterbrechen.
Wundt schrieb sehr nett über "B. u. St."- Als Nachfolger ist nun Krueger unico loco vorgeschlagen. Eulenburg nach Aachen berufen. Partsch schreibt eingehend über unsre 4 philos. Berufungen.
Eine unsägliche Korrespondenz begleitet mich täglich. Es ist fast so viel, wie sonst die akad. Wirksamkeit.
Riehls reisen nach Innsbruck und vielleicht nach Bayern: Umlauf ist noch hier. Vierkandt kommt vielleicht. Mit Muthesius einen festeren Freundschaftsbund. Morgner, der Arme, 4. Operation, aber gut gelungen! Reumuth in Galizien.
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Kerschensteiner schreibt über Politisches garnicht, nur über philosophisch-pädagogische Fragen, in denen wir fast wörtlich übereinstimmen. - Michaelis hatte eine Tochter bei Knauer und machte schon damals auf diesen einen guten Eindruck. Aber die Escapaden meines Grafen Yorck! - Über meine politische Laufbahn orientiert Dich einer der beiliegenden Briefe, der mich sehr erfreut hat.
Ich schließe diese Zeilen mit dem Gefühl, alles berührt zu haben, was eben aktuell ist. So war es auch sonst. Und das Bleibende ist Dir bekannt, auch ohne es immer wieder auszusprechen. Vor allem aber bitte ich Dich zu glauben, daß Dinge, die Dich verstimmt haben, immer nur stilistisch sein können, niemals aus meiner Seele kommen. Denn ich habe mich hier keineswegs verändert, vielmehr bin ich nie so bei mir selbst gewesen und habe so stark und so beglückt in meinem eigensten Elemente leben können. Und - ich wiederhole - daß Du dann bei mir bist, wer daran zweifelt, ist ganz dumm.
Ich grüße die liebe Tante mit tausend herzlichen Wünschen und ebenso Dich selbst
Dein Eduard.